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„Euro-Kita“ in Frankfurt (Oder): Großer Andrang auf deutsch-polnische Kita

Verstehen sich gut: Maja (links) wohnt in Slubice, Emma stammt aus Frankfurt (Oder). Die Amtssprache in ihrer deutsch-polnischen Kita ist Deutsch.

Verstehen sich gut: Maja (links) wohnt in Slubice, Emma stammt aus Frankfurt (Oder). Die Amtssprache in ihrer deutsch-polnischen Kita ist Deutsch.

Foto:

Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Frankfurt (Oder) -

Nadja und Fibi ziehen eine riesige grüne Plastikschale hinter sich her. Das Ding sieht aus wie ein überdimensionierter offener Kreisel, in den sich die Kinder hineinlegen und über die Wiese drehen können. Besonders viel Spaß macht es, wenn ein anderer den Kreisel anschubst. Nadja, die vierjährige Polin, hat einen Plan. „Erst bist du dran, Fibi“, sagt sie auf Deutsch mit leichtem Akzent. „Danach darf ich.“ Fibi, die fünfjährige Deutsche, nickt und antwortet auf Polnisch: „Tak, dobrze“ – „Ja, gut,“

Keine Vorurteile entstehen lassen

Nadja wohnt in Slubice, Fibi wohnt in Frankfurt (Oder). Nadja ist Polin, Fibi ist Deutsche. Aber auf dem Spielplatz im Garten der „Euro-Kita“ von Frankfurt (Oder) ist es egal, wer aus welcher Nation ist, wer auf welcher Seite des Oder lebt, wer welche Sprache spricht. Deutsche und polnische Wortfetzen schwirren so munter übers Gelände, wie die Kinder auf ihren Rollern und Dreirädern herumsausen oder auf der Wippe und der Schaukel durch die Lüfte schweben.

„Kindheit ohne Grenzen“ – so steht es auf dem Eingangsschild zur deutsch-polnischen Kindertagesstätte in Frankfurt (Oder). Und genau das ist selbstverständlicher Alltag in dieser Einrichtung. Sie befindet sich ganz in der Nähe der Oder und der Stadtbrücke, die nach Slubice führt.

In den Brandenburger Orten entlang des Grenzflusses wird aufgrund des Zuzuges von polnischen Familien mittlerweile in vielen Kitas und Schulen zweisprachig gespielt und gelernt. Das Besondere an der Frankfurter Euro-Kita aber ist, dass dort auch Mädchen und Jungen, die nicht auf deutscher Seite wohnen, betreut werden. „Unser Anliegen war und ist es, wirklich die Verbindung zur anderen Seite des Flusses herzustellen“, sagt die Leiterin Marina Hendel, „wirklich eine Möglichkeit zu schaffen, von klein auf miteinander aufwachsen zu können und so Vorurteile gar nicht erst entstehen zu lassen.“

Sondergenehmigung an der Oder

Die Initiatorin des Projektes ist stolz darauf, dass es die „Euro-Kita“ mit eben diesem Konzept bereits seit 1997 gibt. „Da galt das Schengener Abkommen noch lange nicht für die Grenze nach Polen“, erinnert die 54-Jährige. Bis Ende 2007 habe es ja noch die Passkontrollen und mitunter lange Wartezeiten auf der Brücke beim Gang über die Oder gegeben. „Aber unsere polnischen Eltern und Kinder hatten eine Sondergenehmigung des Bundesgrenzschutzes. Wo ein Wille ist, ist halt auch ein Weg“, sagt die Kita-Chefin.

Während draußen im Garten das vielstimmige Spielplatztreiben zu vernehmen ist, herrscht im Gruppenraum von Erzieherin Magdalena Schymik konzentrierte Ruhe. „Das ist ein gelbes Dreieck“, sagt die fünfjährige Maja aus Slubice mit noch stockender Stimme, nachdem sie die farbige Figur gerade ausgemalt hat. Die Kleine übt für die bald stattfindende polnisch-deutsche Spracholympiade in Zielona Gora, an der sich etwa ein Drittel der Kita-Kinder beteiligt.

Die anderen haben ihre roten Kreise und blauen Vierecke – die Olympiade steht dieses Mal unter dem Motto „Farben und Formen“ – schon in die Übungsmappen eingeordnet und sind schnell raus den Hof. Jetzt packt auch Maja ein und wird mit einem Lob ihrer Betreuerin zum Spiel im Freien entlassen.

54 Kinder, davon 20 polnische Mädchen und Jungen, werden in der Frankfurter „Euro-Kita“ in gemischten Altersgruppen betreut. Zum Team der Erzieherinnen gehören auch zwei polnische Muttersprachlerinnen. Die deutschen Mitarbeiterinnen haben inzwischen auch mehrfach Polnischkurse belegt. „Die Bereitschaft dazu ist Einstellungsbedingung“, sagt Marina Hendel, die auch die Geschäftsführerin des Trägervereins Eurokita ist. „Aber die Amtssprache ist Deutsch.“

Der Verein finanziert sich durch Zuwendungen aus der Stadtkasse und die Gebühren der Eltern. Wobei für die Frankfurter und die Slubicer unterschiedliche Sätze gelten. Die Nachfrage in der Doppelstadt Frankfurt (Oder)–Slubice nach Plätzen ist inzwischen so groß, dass derzeit auf der polnischer Seite der Oder in enger Abstimmung zwischen beiden Kommunen eine weitere Euro-Kita für etwa 125 Kinder, darunter 40 deutsche Mädchen und Jungen, entsteht. Sie soll noch dieses Jahr eröffnen.

Marchol, Oliwia, Nicola und die anderen Mädchen und Jungen aus der Gruppe von Erzieherin Christa Reimann haben ihre Schlafmatten im Gruppenraum ausgerollt. Es ist Zeit für die Mittagsruhe. Doch noch erklingt das Lied „Kolorowe Kredki“ (Bunte Stifte) aus dem CD-Player und die Kinder hüpfen ausgelassen auf ihren Schaumstoffmatratzen herum. Christa Reimann lässt sie ein Weilchen gewähren. Dann mahnt sie zum Innehalten. „Jetzt setzen wir uns schön auf die Matten und üben das Lied noch mal für die Spracholympiade “, sagt sie.

Und während sich ihre Schützlinge mit den polnischen Versen in den Mittagsschlaf singen, macht sich die dreijährige Elisa draußen im Flur schon für den Heimweg fertig. „Sie ist heute ein Mittagskind“, sagt ihr Vater. „Das Wort habe ich erst hier gelernt.“ Er ist Pole, seine Frau ist Deutsche. „Unsere Tochter soll ganz selbstverständlich beide Sprachen sprechen, in beiden Kulturen zu Hause sein. Das hier ist ein guter Ort dafür.“



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