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Berliner Zeitung | Flughafenkoordinator Bretschneider: „Wir bauen den Flughafen fertig“
13. March 2014
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Flughafenkoordinator Bretschneider: „Wir bauen den Flughafen fertig“

Hartmut Mehdorn hat die Geschäftsführung am 11. März 2013 übernommen. Einen konkreten Eröffnungstermin hat er noch nie genannt. Zubringerstraßen bleiben leer.

Hartmut Mehdorn hat die Geschäftsführung am 11. März 2013 übernommen. Einen konkreten Eröffnungstermin hat er noch nie genannt. Zubringerstraßen bleiben leer.

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dpa

Er hat schon mehrere Flughafen-Chefs, Regierende Bürgermeister und Minister erlebt. Am BER sah er Techniker und Architekten kommen und gehen. Doch Rainer Bretschneider ist geblieben. Seit zwei Jahrzehnten hat er mit dem Projekt zu tun, inzwischen als Flughafenkoordinator der Brandenburger Landesregierung. Seine Andeutungen lassen sich so verstehen, dass der neue Schönefelder Flughafen frühestens im Herbst 2015 in Betrieb geht. Da braucht man schon Durchhaltewillen und Optimismus.

Die Lage am BER mutet manchmal hoffnungslos an. Macht Ihnen Ihre Arbeit eigentlich noch Freude?

Ich bin ein Mensch, der prinzipiell gern zur Arbeit geht.

Sie sind der einzige Staatssekretär in Deutschland, der sich nur um einen Flughafen kümmert. Fühlen Sie sich ausgelastet?

Ja! Ein friedliches Wochenende habe ich nicht mehr. Wenn ich nicht jede Stunde auf mein Handy gucke um zu schauen, ob irgendeiner angerufen hat, fühle ich mich schon schief angeguckt. Diese Anspannung, diese kontinuierliche Beschäftigung mit einem einzigen Thema, das ist schon etwas Besonderes. Lust und Frust sind da nah zusammen.

Glauben Sie, dass der BER in Schönefeld jemals in Betrieb geht?

Natürlich. Das ist doch keine Frage!

Es gibt keinen Plan B, woanders einen neuen Flughafen zu bauen?

Nein, das ist doch völlig abwegig. Wir haben in Schönefeld einen optisch toll aussehenden Flughafen. Den bauen wir fertig, und er wird die in ihn gesetzten Hoffnungen ohne Wenn und Aber nach seiner Eröffnung erfüllen.

Sie hoffen also, dass der BER in absehbarer Zeit eröffnet wird?

Von absehbarer Zeit haben Sie bislang nicht gesprochen. Aber noch mal: Alle Verantwortlichen wollen, dass der BER sobald wie möglich ans Netz geht.

Sie sagen, dass der BER ein attraktiver Flughafen wird. Aber wird das neue Terminal nicht schon kurz nach der Eröffnung zu klein sein?

Wenn der BER eröffnet, werden wir jährlich 27 Millionen bis 28 Millionen Fluggäste haben. Dann wäre das neue Terminal voll ausgelastet – ob zu 99, zu 100 oder zu 105 Prozent, spielt da nicht die Rolle. Darum sehe ich die Pläne von Flughafenchef Hartmut Mehdorn, das heutige Schönefelder Terminal weiterhin zu nutzen, mit Sympathie. Es ist eine charmante Idee, die zusätzliche Kapazitäten verschaffen würde, ohne die Kosten exponentiell zu erhöhen. Wir müssten in Schönefeld (Alt) ein bisschen Komfort reinbringen und möglicherweise auch noch das eine oder andere ergänzen. Doch das wäre billiger, als schon jetzt einen Terminal-Satelliten auf dem BER-Vorfeld zu bauen, der eine hohe dreistellige Millionensumme kosten würde. In Schönefeld (Alt) könnten Urlaubsflieger abfertigt werden, die nicht auf Umsteigeverbindungen angewiesen sind. Andere Flughäfen haben auch mehrere Terminals. In diesem Fall wären sie sogar durch eine S-Bahn verbunden.

Und die Regierungsflugzeuge blieben dann in Berlin-Tegel?

Nein, ich sehe keinen Flugverkehr in Tegel mehr. Die Genehmigung ist weg, wenn der BER offen ist. Die Start- und Landebahnen wären dann auch für Militär- und Regierungsflugzeuge nicht mehr nutzbar.

Andere Mehdorn-Ideen fanden Sie nicht so gut.

Es ist ja bekannt, dass ich kein Fan des Testbetriebs im BER-Nordpier war.

Warum nicht?

Ich muss keine Diskussionen von gestern mehr führen. Es ist vorbei, das Modell ist aufgegeben.

Wie sieht es am Nordpier aus?

Nach allem, was ich weiß, wird er in diesem Jahr fertig und bauordnungsrechtlich abgenommen – möglicherweise schon im April oder Mai. Danach könnte mit dem Südpier dasselbe geschehen. Angesichts der schwierigen Ausgangslage finde ich das prima. Das ist ein großer Erfolg für Herrn Mehdorn: Ein Teil des BER ist fertig, und man kann Lehren daraus ziehen.

Wann wird der übrige BER fertig?

Da bin ich konservativ: Ich sage nur etwas, wenn ich mir sicher bin.

Sind Sie dem BER-Chef nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert?

Nein, wir haben keine Schicksalsgemeinschaft. Hartmut Mehdorn ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Wir dürfen aber eines nicht vergessen: Der Flughafen ist über mehrere Jahre hinweg in die jetzt bestehende Situation gekommen. Der Apparat, den die Flughafengesellschaft aufgebaut hat, war nicht schlagkräftig genug, das Ding zu steuern. Darum kann man Herrn Mehdorn jetzt nicht sagen: Warum kriegst Du das in einem Jahr nicht hin? Das finde ich unfair. Sicher, auch ich streite mit ihm manchmal. Aber wir können ihn nicht für die Misere verantwortlich machen, in die der BER hinein geraten ist.

Wie nah sind die Kosten schon an der Sechs-Milliarden-Euro-Marke?

Die Flughafengesellschaft ist vom Aufsichtsrat aufgefordert worden, einen Zeit- und Kostenplan vorzulegen. Alle sind gut beraten, den abzuwarten und die Debatte nicht mit Spekulationen anzuheizen.

Werden wir am 11. April, wenn der Flughafen-Aufsichtsrat wieder tagt, endlich mehr darüber hören?

Auch darüber, was dann an belastbaren Zahlen da sein wird, mache ich derzeit keine Prophezeiungen.

Was würde passieren, wenn Hartmut Mehdorn sagen würde: Ich habe keine Lust mehr, ich werfe hin?

Das wird er nicht tun.

Sein Vorhaben, die künftige BER-Nordbahn in diesem Jahr zu sanieren, kann Mehdorn nicht umsetzen. Wie erklären Sie sich, dass er bis zuletzt an seiner Auffassung festhielt, dass der Schallschutz für die Betroffenen erst am Tag der Flughafen-Eröffnung gewährleistet sein muss?

Wir haben andere Rechtsauffassungen. Die Flughafengesellschaft sagt: Wenn die Nordbahn rekonstruiert und der Betrieb auf die Südbahn verlagert würde, wäre das nur eine vorübergehende interne Maßnahme. Der Planfeststellungsbeschluss, der Schallschutz für die Anwohner vorsieht, würde dann noch nicht wirken. Aus Mehdorns Sicht wirkt die Argumentation logisch, nur wird sie von der Genehmigungsbehörde nicht geteilt.

Wann hat die Behörde ihm ihren Standpunkt verdeutlicht?

Nach meiner Kenntnis relativ früh. Nicht erst 2014.

Wie geht es nun weiter?

Die Nordbahnsanierung, die vier bis fünf Monate dauert, könnte nun 2015 erfolgen, am Besten im Frühling und im Sommer. Dann gäbe es für jeden potenziellen Eröffnungstermin kein Problem.

Auch nicht für einen Eröffnungstermin im Herbst 2015?

Ich wiederhole mich ungern...

Ein Termin, der aber offenbar gehandelt wird.

Ich beteilige mich nicht an Spekulationen.

Thema Nachtflugverbot: Ist der Streit um diese Regelung nicht ein Spiel, in dem jeder seine Rolle ausfüllt? Sie müssen beteuern, dass Sie die Forderung des Volksbegehrens nach Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr ernst nehmen. Und Herr Mehdorn muss sagen, dass von diesem Thema die Existenz des Flughafens abhängt.

Das ist kein Spiel. Die Landesregierung hat einen Verhandlungsauftrag des Landtages. Der Ministerpräsident nimmt den sehr ernst. Darum diskutieren wir ja auch mit den anderen Flughafengesellschaftern, dem Bund und Berlin. Und da werden wir noch sehen, was herauskommt.

Ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr wird es aber auf jeden Fall nicht geben, oder? Berlin und der Bund sind nicht kompromissbereit.

Schau’n wir mal. Bei den Friedensverhandlungen der Israelis und Ägypter 1978 in Camp David ist am letzten Tag eine Einigung erzielt worden. Ich hoffe immer noch, dass sich die anderen auf uns zubewegen, aber es ist offenbar schwierig.

Wann fällt die Entscheidung?

Wenn sie entscheidungsreif ist. Am 25. März jedenfalls wird in Potsdam die Planungskommission beider Länder tagen.

Will das Land Brandenburg diesen Flughafen überhaupt noch?

Ja! Brandenburg blockiert das Projekt nicht. Wir versuchen allerdings, mit den Gesellschaftern nochmals nachzudenken, wie der BER eine bessere Akzeptanz im Flughafenumfeld erreicht. Das muss erlaubt sein. Ich habe immer gesagt, wenn der BER abends eine Stunde früher zu- oder morgens eine Stunde später aufmacht, dann ist das wirtschaftlich ertragbar.

Warum halsen Sie sich diese ganze Arbeit eigentlich auf? Viele Flughafenanwohner betrachten Sie in jedem Fall mit Misstrauen.

Sicher, ich spüre Druck von allen Seiten. Aber es ist das wichtigste Infrastrukturprojekt der Region, es hat mich über wesentliche Jahre meines Berufslebens beschäftigt. Und ich kenne die Bürgerinitiativen seit 15 Jahren. Wir können anständig miteinander umgehen. Der gegenseitige Respekt ist da.

Wie lange wollen Sie noch Flughafenkoordinator sein?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Klar ist: Ich bin jetzt 65 und damit ein Jahr über das reguläre Renteneintrittsalter hinaus, meine Tätigkeit ist bis Ende 2014 befristet. Eine Weiterbeschäftigung als Beamter wäre drei Jahre über das 65. Lebensjahr hinaus möglich, doch dem müsste nicht nur ich, sondern auch die Landesregierung zustimmen.

Wissen Sie schon, wohin Sie im Herbst 2015 vom BER fliegen?

Nein. Aber ich fliege gern. Im Februar bin ich in Marrakesch gewesen, über Ostern reise ich nach Lissabon. Ich bin ein Reisefan, wie er im Buche steht – und so bald wie möglich fliege ich vom BER.

Das Gespräch führten Peter Neumann und Frederik Bombosch.