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Berliner Zeitung | „Kaffe Kino“ in Prenzlauer Berg zeigt Defa-Filme: Filme aus einem untergegangenen Land
12. July 2015
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„Kaffe Kino“ in Prenzlauer Berg zeigt Defa-Filme: Filme aus einem untergegangenen Land

Berlinerisch, nur mit einem E!

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Markus Wächter

Donnerstag ist Kino-Tag an der Immanuelkirchstraße 9. Im Kaffe läuft wöchentlich ein Defa Film, Vorstellungsbeginn je nach Jahreszeit (wegen der großen Fenster). Die meisten Zuschauer kommen überpünktlich, die gut 40 Plätze sind begehrt. An diesem Abend läuft ein Film von Maxim Dessau, einem der jüngeren Regisseure des einstigen volkseigenen Filmbetriebes der DDR.

Dass das Projekt so erfolgreich ist, liegt an Tina Wolter (35) und Uwe Noske (54) und deren Begeisterung, die sie, ganz ohne Nostalgie, auf ihr Publikum übertragen: „Hinter die Dinge zu gucken, Entdeckungen zu machen und etwas vor dem Verlorengehen zu bewahren. Viele Defa-Filme haben eine besondere Intensität. Es sieht anders aus und fühlt sich anders an“, beschreiben sie ihre Motivation und verweisen auf ihre Arbeitsteilung, die es möglich macht, regelmäßig Filme zu präsentieren: Seit viereinhalb Jahren kümmert sich Tina Wolter, Inhaberin des Kaffe, um die Rahmenbedingungen; Uwe Noske kuratiert das Programm.

Die besondere Hingabe der beiden kommt wohl auch daher, dass sie selbst nie beruflich mit Film zu tun hatten und ihr Zugang spielerisch geblieben ist. Doch, was auf den ersten Blick wie improvisiert wirkt, gründet auf eingehender Recherche und intensiver Auseinandersetzung. „Es sind weniger die zehn Defa-Klassiker, die uns interessieren. Ich sehe eher auf das breite Spektrum. Was gab’s eigentlich noch? Was ist damals an künstlerischer Auseinandersetzung passiert?“, fragt Uwe Noske und fügt hinzu: „Aber auch herauszufinden, wo es noch aktuelle Bezüge gibt, eine Brisanz im Zwischenmenschlichen, Sozialen oder Politischen. Ich liebe das! Es ist wie eine Entdeckungsreise auf den eigenen Kontinent, wie Archäologie.“

Aus diesem Ansatz heraus entwickeln sich thematische Grundideen. „Erster Verlust“ von Maxim Dessau etwa ist Teil einer kleinen Reihe damaliger Nachwuchs-Filmer, die Uwe Noske 25 Jahre nach ihrer Entstehung zusammengestellt hat. Der Titel des Films steht seltsam doppeldeutig für ein schwieriges Kapitel der letzten Defa-Regiegeneration, deren souveräne künstlerische Entwicklung von der DDR-Parteiführung eher behindert als gefördert wurde. Doch Dessaus nach wie vor sehenswertem Film ist von Stagnation nichts anzumerken. Gedreht 1989/90, wirkt er wie befreit und berührt noch immer stark.

Ungefähr 200 Filme wurden bisher im „Kaffe Kino“ gezeigt, etwa 35 mal im Jahr wird eingeladen (und daneben unregelmäßig die Reihen „Kaffe Kino extra“ und „Theater an die Wand gespielt“). Der Film der Woche steht mit Kreide geschrieben auf einer Tafel neben der Tür sowie im Internet. Der Eintritt ist kostenlos – obwohl für jeden Film eine Verleihgebühr fällig wird. Tina Wolter: „Wir haben Spaß bei allem und sind eben nicht nur die Veranstalter.“

Nach jeder Vorführung gibt es ein Gespräch zwischen Publikum und Mitwirkenden am jeweiligen Film. Die Regisseure, Drehbuchautoren oder Schauspieler kommen gern, sehen den gezeigten Film hier oft zum ersten Mal wieder. Bei den Diskussionen lässt sich Uwe Noske gern selbst überraschen: „Vieles ergibt sich und ich greife so wenig wie möglich ein; am liebsten lasse ich die Gäste allein vorn sitzen.“

So auch an diesem Abend, an dem sich Maxim Dessau und der Kameramann Peter Badel dem Publikum stellen. In ihrem Film „Erster Verlust“ geht es um die Beziehung zweier deutscher Bäuerinnen zu einem sowjetischen Kriegsgefangenen im zweiten Weltkrieg. Ein schwieriges Thema. „Erster Verlust“ war einer der letzten DDR-Kinofilme überhaupt. Gedreht 1989/90, steht er für eine schwierige Zeit, in der auch das Ende der Defa eingeleitet wurde.

Rettung des Filmmaterials

Die DDR-Filmgeschichte bildet seitdem ein abgeschlossenes Sammelgebiet, viele Defa-Filme sind inzwischen kaum mehr vorführbar. Auch „Erster Verlust“ existiert digital bisher lediglich als technisch unzulängliche DVD, die die besondere Ästhetik des in Schwarz-Weiß gedrehten Films nur unvollkommen wiedergibt. Aktuell wird intensiv über die Rettung des analogen Filmbestandes diskutiert, eine Aufgabe, die umso dringlicher erscheint, als in jedem Jahr Dutzende neue Filme zu subventionieren, die oft nur wenige Zuschauer erreichen. Mit ihrem „Kaffe Kino“ setzen Tina Wolter und Uwe Noske ein eigenes Zeichen gegen das drohende Verschwinden von Filmen, indem sie Woche für Woche die Augen ihrer Zuschauer für einen Teil dieses kulturellen Erbes öffnen. Defa-Filme sind bei ihnen jedenfalls gut aufgehoben.

Defa im Kaffe: Immanuelkirchstraße 6, Prenzlauer Berg, Informationen unter: www.kaffe-kaffe.de