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"Mein Kampf" im Berliner Schulunterricht: Wie Schüler auf das Hitler-Buch reagieren

Ein zeitgenössisches Exemplar von Adolf Hitlers „Mein Kampf“.

Ein zeitgenössisches Exemplar von Adolf Hitlers „Mein Kampf“.

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DPA/Matthias Balk

Wenn Sie im Unterricht Auszüge aus Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ lesen, reagieren die Schüler mit immergleichen Fragen auf die Lektüre: Haben die Menschen dieses Buch damals wirklich gelesen? Hätten sie dann nicht wissen müssen, dass es später Krieg geben wird und die Juden ermordet werden? Das berichtet der Geschichtslehrer Robert Rauh, der am Lichtenberger Barnim-Gymnasium unterrichtet. Oft würden sich seine Schüler auch über die krasse Sprache und seltsame Formulierungen wundern.

Erstmals erscheint nun eine komplette Neuausgabe von Hitlers „Mein Kampf“, wissenschaftlich kommentiert, und wird frei in Buchläden und im Internet verkauft. Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat darauf hingewiesen, dass dieses Buch auch im Schulunterricht verwendet werden darf: „Wenn diese Quellen entsprechend in den Geschichts- oder Ethikunterricht eingebettet werden, können sich Lehrer dieser kommentierten Fassung bedienen.“ Unterrichtsziel müsse es sein, Rechtsextremismus zu bekämpfen und die NS-Ideologie zu entlarven.

Auszüge in Schulbüchern

Auszüge aus dem Buch tauchen bereits seit vielen Jahren in Schulbüchern auf. Lehrer Rauh hat an einem aktuellen Schulbuch des Cornelsen-Verlages mitgearbeitet, in dem auf einer Seite Auszüge aus „Mein Kampf“ abgedruckt sind. Darin hetzt Hitler gegen Juden und wünscht ihnen den Tod, er preist Volk und Rasse sowie das Führerprinzip und verlangt nach „Lebensraum im Osten“. Rauh verwendet das in der Oberstufe. Die Schüler sollen anhand dieser Ausschnitte Hitlers Menschenbild analysieren und erklären, was der spätere Diktator unter dem Führerprinzip verstand. Auszüge seien hilfreich, sagt Rauh. Er halte aber nicht viel davon, die Neuausgabe über längere Zeit im Unterricht zu verwenden.

Im zeitlich reduzierten Geschichtsunterricht in der 9. oder 10. Klasse sei dafür keine Zeit. Außerdem würde Hitlers Schrift dadurch überbewertet. Und auch im Deutschunterricht sollten Schüler doch lieber weiter Goethe lesen. So äußern sich auch mehrere Deutschlehrer.

Peter Stolz, der Vorsitzende des Geschichtslehrerverbandes, will zumindest Auszüge aus der Neuerscheinung gerne im Geschichtsunterricht verwenden. „Durch die vielen Fußnoten in der Neuausgabe erfährt man jetzt noch viel mehr über die Geschichte des Rassismus in Deutschland und Europa“, sagte er. Davon erhoffe er sich sogar eine EU-weite Debatte. Prinzipiell sei es auch Berliner Neuntklässlern zuzumuten, Auszüge aus Hitlers Machwerk zu lesen.

Ermittlungen wegen Wessel-Lied

Der Umgang mit originalen NS-Quellen kann für Lehrer allerdings auch zum Problemfall werden. Unvergessen ist die Aufregung über eine Gymnasiallehrerin aus Köpenick, die eine Schulklasse das Horst-Wessel-Lied anhören ließ. Weil einige Schüler dazu mitsummten und mit dem Fuß gewippt haben sollen, zeigten Eltern die Frau im Frühjahr 2015 wegen Volksverhetzung an. Dabei verwendete die Lehrerin Klett-Unterrichtsmaterial, wollte die Wirkung von Propagandaliedern erkennbar werden lassen. Das hatte sie gegenüber den Schülern offenbar nicht hinreichend deutlich gemacht, das Ermittlungsverfahren wurde dann aber doch eingestellt.

Peter Stolz weist mit Blick auf „Mein Kampf“ aber auch auf den Vulgärantisemitismus, wie er es nennt, von vielen arabisch- und türkischstämmigen Schülern hin. Im Unterricht fielen da durchaus Äußerungen wie „Hitler hat es den Juden richtig gegeben“. Da sei auch jugendliche Provokation mit im Spiel. Doch sei es fraglich, in solchen Klassen Hitlers Buch zu verwenden.