blz_logo12,9

„Speckgürtel“ Stettin: Immer mehr Polen ziehen in die uckermärkische Provinz

Ein deutscher und ein polnischer Grenzpfeiler in der nordöstlichen Uckermark nahe dem Dorf Rosow. Das Amt Gartz an der Oder zieht seit mehreren Jahren zahlreiche Polen an. Von den rund 7000 Einwohnern sind etwa 500 aus dem Nachbarland in die Gegend gekommen.

Ein deutscher und ein polnischer Grenzpfeiler in der nordöstlichen Uckermark nahe dem Dorf Rosow. Das Amt Gartz an der Oder zieht seit mehreren Jahren zahlreiche Polen an. Von den rund 7000 Einwohnern sind etwa 500 aus dem Nachbarland in die Gegend gekommen.

Foto:

dpa

Gartz -

Ohne die Polen sähe es nicht gut aus. So denken manche Leute in Gartz, im äußersten Nordosten Brandenburgs. Hier endet die Bundesrepublik, jenseits der Oder liegt das Nachbarland. Viele Einheimische ziehen weg und der Arbeit hinterher. Auswärtige wollen den nahen Nationalpark sehen und machen lediglich Kurzurlaub.

Familie Popiela dagegen hat hier einen Neuanfang gewagt: Sie kehrte der gut 400.000 Einwohner großen Stadt Stettin (Sczcecin) den Rücken und ließ sich diesseits der Oder nieder, in Rosow, das zum Amt Gartz in der Uckermark gehört. Hier leben rund 7000 Menschen, etwa 500 von ihnen sind Polen und haben eine ähnliche Geschichte wie die Popielas.

Mit diesen Zahlen ist die Gegend nahe der Grenze zu Mecklenburg- Vorpommern überregional und im Ausland bekanntgeworden - der Trend hält an. „Wir sind am Anfang einer Entwicklung“, sagt Amtsdirektor Frank Gotzmann (parteilos). „Wir wollen uns im „Speckgürtel“ von Stettin positionieren.“ Vom Amt Gartz nach Stettin dauert die Autofahrt gerade einmal 20 Minuten. „Ich wohne in Deutschland und brauche weniger Zeit ins Stettiner Stadtzentrum als meine Mutter“, sagt der 35 Jahre alte Radoslaw Popiela.

Häuser günstiger als Wohnungen in Stettin

Nach Gartz kommen vor allem arbeitende junge Familien mit Kindern. Der Nachwuchs geht in die Kita, später in die Grundschule. Die Eltern kaufen neue Häuser, die günstiger sind als Wohnungen in der Großstadt Stettin, oder retten alte Gebäude mit Renovierungen vor dem Verfall. Manche Einheimische sprechen von der neuen Mittelschicht, die für einen Aufschwung in einer schrumpfenden Gegend sorgt.

Amtsdirektor Gotzmann sagt, dass zum ersten Mal seit langer Zeit die Grundschule wieder zwei erste Klassen anbieten könne. Demnächst solle es einen muttersprachlichen Unterricht für polnische Kinder geben. Für Erwachsene würden zehn Deutschkurse angeboten, einige wenige Deutsche lernten zudem Polnisch. Wer hier in der Provinz aufwächst, spricht nicht sekten beide Sprachen und ist damit bestens für den Arbeitsmarkt gerüstet. Auch wenn die Mehrheit der Neubürger weiterhin in Stettin arbeite, hätten sich einige wenige auch beruflich in Deutschland niedergelassen, sagt Gotzmann.

Ein günstiger Hauskauf, die gute Luft und Ruhe - Dominika Popiela zählt auf, was die Eheleute und ihre drei kleinen Kinder an Rosow im Amt Gartz schätzen. „Wir sind wirklich zufrieden.“ Es gibt zahlreiche Einfamilienhäuser, Straßen mit Kopfsteinpflaster und reichlich Natur. Damit es anderen Zuzüglern auch so geht, hat das Paar seine Arbeit in Stettin beendet und sich selbstständig gemacht. Es berät Landsleute in Immobilienfragen und hilft ihnen, in Deutschland anzukommen - damit es keinen Knatsch in der Nachbarschaft gibt, sollte jemand auf die Idee kommen, sonntags den Rasen zu mähen.

Ein zartes Pflänzchen, das wächst

2007/2008 begann das deutsche Abenteuer für Familie Popiela. Nicht zufällig, denn in dieser Zeit trat Polen dem Schengenraum bei, seit 2004 ist das Land in der Europäischen Union. Polen ziehen aber nicht nur ins brandenburgische Grenzgebiet, sondern auch nach Mecklenburg- Vorpommern. Vor einem Jahr wurden drei Kommunen aus beiden Ländern und aus Nordwestpolen für ihre grenzübergreifende Zusammenarbeit ausgezeichnet. Bei dem Projekt „Die Stadt Stettin (Szczecin) und ihr Speckgürtel“ ging es darum, dass die Stadt Pasewalk, das Amt Gartz und der Ort Kolbitzow (Kolbaskowo) die regionale Entwicklung um Stettin gemeinsam planen wollen.

„Für uns ist die Entwicklung schön. Das ist ein zartes Pflänzchen, das wächst und gedeiht“, sagt Gotzmann. Von dem rund 120 Kilometer entfernten Berlin profitiere sein Amt nicht, die Hauptstadt ist wie Hamburg zu weit entfernt. Diejenigen, die in Gartz Vorbehalte gegen die Zuzügler gehabt hätten, sähen, dass sie sich integrierten. Für Gotzmann steht schon lange fest: „Wir haben eine polnische Großstadt mit deutschem Umland.“ (dpa)