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„Welcome United Babelsberg 03“: In Potsdamer Fußballverein kicken Flüchtlinge und Deutsche gemeinsam

Bunte Truppe: Die Spieler des Welcome United 03 kommen aus Afghanistan, Kamerun, Syrien, dem Kosovo, Kenia oder Somalia – und auch aus Deutschland.

Bunte Truppe: Die Spieler des Welcome United 03 kommen aus Afghanistan, Kamerun, Syrien, dem Kosovo, Kenia oder Somalia – und auch aus Deutschland.

Foto:

Gerd Engelsmann

POTSDAM -

Dieses Mal hat es geklappt: Sebastian Krämer hat dem trickreichen und schnellen Abdihafid Ahmed ganz gekonnt den Ball abgeknöpft und mit einem Pass zur Mittellinie den Gegenangriff seiner Mannschaft eingeleitet. Eigentlich gehören der 28-jährige Deutsche und der 20-jährige Somalier zum gleichen Potsdamer Fußballteam – zu „Welcome United 03 Babelsberg“. Es ist eine Mannschaft von Flüchtlingen und Deutschen, die sich unter dem Dach des SV Babelsberg 03 zusammengefunden hat. Aber beim beliebten Abschlussspiel des sonntäglichen Trainings im Karl-Liebknecht-Stadion tritt man halt auch gegeneinander an und schenkt sich dabei nichts.

Krämer ballt die Faust, Ahmed schlägt die Hände vors Gesicht. Doch nach dem Duell grinsen sich die beiden kurz an, geben sich gegenseitig einen Klaps auf die Schulter und schon geht es weiter.

Einstiger Nationalspieler

Der Potsdamer Handelswirt Sebastian Krämer und der Bürgerkriegs-Flüchtling Abdihafid Ahmed, der seit einigen Monaten im Heim am Schlaatz lebt, gehen nicht nur auf dem Sportplatz fair und kameradschaftlich miteinander um. „Man kann schon sagen, wir sind inzwischen Kumpels“, sagt Krämer, während er sich in einer Spielpause den Schweiß von der Stirn wischt. Der Afrikaner sagt in einer Mischung aus Englisch und Deutsch: „Ich besuche ihn so oft wie möglich. So kann ich Deutsch lernen und komme raus aus dem Heim.“

Der Deutsche hilft dem Somalier nicht nur bei den Hausaufgaben des Sprachkurses. Die beiden ziehen gemeinsam durch Potsdam, schauen Filme und verpassen natürlich kaum ein Spiel der Champions League. „Zunächst wollte ich einfach nur Fußball spielen und mich schon auch bewusst sozial engagieren“, sagt Krämer.

Auch er ist erst seit einem halben Jahr in Potsdam. Den Personalentwickler bei IKEA hat die Arbeit in diese Stadt verschlagen. So sei er halt selber auf der Suche nach Integration, nach einem Leben jenseits des Jobs. „So bin ich auf den SV Babelsberg, auf Welcome United, auf Abdi gestoßen. Dass jetzt eine richtige Freundschaft daraus erwächst, macht die Sache einfach nur noch besser.“ Für Ahmed ist Krämer sein „cool german friend“.

Schiff nach Europa kenterte

Ahmed erzählt, warum er in Deutschland ist. Islamistische Milizen hätten seinen Vater erschossen, weil der seine Söhne nicht hergeben wollte für ihre fanatischen Feldzüge. Ahmed konnte fliehen und sich verstecken. Dann erfuhr er, dass seine Brüder tot sind. Über Äthiopien, den Sudan und Libyen kam er ans Mittelmeer. Das Schiff, das ihn nach Europa brachte, kenterte. Er sah viele Menschen sterben. Er sagt, beim Fußball könne er das Grauen vergessen und sich an jenes Somalia erinnern, das für ihn eine geliebte Heimat war. Einst gehörte er zum Nachwuchskader der somalischen Nationalmannschaft. Er weiß nicht, ob er je zurückkehren kann. „Jetzt bin ich hier und versuche zu leben.“

Welcome United 03 ist längst mehr als nur eine Fußballmannschaft. Was vor knapp einem Jahr als Flüchtlingsprojekt begann, um fußballbegeisterten Asylbewerbern aus Afghanistan, Kamerun, Syrien, dem Kosovo, Kenia oder Somalia ein wenig Abwechslung vom Heimalltag zu ermöglichen, entwickelt sich zu einem tatsächlichen Miteinander von Flüchtlingen und Potsdamern.

Die Mannschaft ist mittlerweile offen für jeden, der kicken will. Bislang gehört noch ein zweiter Deutscher zur festen Truppe. „Das werden noch mehr in diesem Frühjahr, da bin ich ziemlich sicher“, sagt Teambetreuerin Manja Thieme.

Für das Frühjahr haben sich etliche Fans und Stadionbesucher zu den Matches und den Treffs nach dem offiziellen Training angemeldet. Und auch die Liste der Freundschaftsspiele mit andren Vereinen füllt sich zusehends.

Mehr Patenschaften

Manja Thieme engagiert sich seit zwei Jahren in der Flüchtlingshilfe der Diakonie. Über die Patenschaft für eine kenianische Familie erfuhr die 35-jährige Mutter zweier Kindern von der Fußballlust der Flüchtlinge und stellte den Kontakt zum Babelsberger Verein her. Sie erzählt, dass immer mehr Potsdamer Patenschafen übernehmen, bei der Kinderbetreuung und der Sprachförderung helfen. Es gebe Einladungen zu Konzerten. Fußballschuhe werden vorbeigebracht. Die Fans von Babelsberg 03 haben die Trikots des neuen Teams finanziert.

Der Verein stellt seine Trainingsplätze und Infrastruktur bereit. Und er will die Mannschaft ab der nächsten Saison auch für die Kreisliga anmelden. „Ich bin nicht naiv“, sagt Manja Thieme. „Ich weiß, dass es Vorurteile und Spannungen auch in der Nachbarschaft der Flüchtlingsheime von Potsdam und Teltow gibt.“ Aber Fußball werde doch oft als Brückenbauer beschworen. „Es wäre schön, wenn wir das in Potsdam weiter vorleben und andere zum Nachmachen animieren.“