24.01.2012

"Zettl": Bunga Bunga Berlin

Von Harald Jähner
Dietls Blick auf Berlin ist seltsam künstlich. Seine Berliner Oberschicht besteht aus einem Haufen durchgeknallter Selbstdarsteller. Normale Menschen gibt es gar nicht.
Dietls Blick auf Berlin ist seltsam künstlich. Seine Berliner Oberschicht besteht aus einem Haufen durchgeknallter Selbstdarsteller. Normale Menschen gibt es gar nicht.
Foto: Carsten Koall

Der Regisseur Helmut Dietl hat mit dem Film „Zettl“ eine schrille Komödie über das politische Berlin gedreht – irrlichternde Geschichten über Macht, Sex und Geschlechterkonfusion. Die biedere Affäre Wulff zeigt dagegen gerade die viel interessantere Wahrheit über die Republik.

Ein Film über die Verlogenheit der Republik. Besser hätte das Timing nicht sein können, heißt es. Das stimmt nicht. Statt einer Gesellschaftsatire über die High Society der Berliner Republik würde man lieber eine über die von Niedersachsen sehen. Vom Landtag in Hannover, den Betriebsratsausflügen von Volkswagen, den Partys mit Veronica Ferres, den Freunden des Ministerpräsidenten. Auf dieser Entscheidungsebene mag der Stoff üppig fließen, mit dem Helmut Dietl seine grotesken Klatschfantasien betreibt: die kleine Vorteilsnahme, ein paar Zinsen weniger, eine relativ geschlossene Gesellschaft, durch die es sich noch lohnt, mit dem Porsche zu fahren. So wie damals die Münchner Schickeria, in der Dietls Fernsehserie „Kir Royal“ spielte. In ihr recherchierte der Klatschreporter Baby Schimmerlos, halb nach oben strebend, halb schon wieder angewidert – ein idealer Aufklärer einer geschlossenen und doch extrovertierten Oberschicht.

Eine Stadt ohne Niemands

Den Ruhm, den Helmut Dietl mit „Kir Royal“ 1986 erzielte, hat er, vielleicht mit Ausnahme des für den Oscar nominierten Films „Schtonk!“ über die gefälschten Hitler-Tagebücher, nicht wieder erreicht. So lag der Wunsch nach einer Neuauflage nahe: Mit Schimmerlos nach Berlin! Sein Film „Zettl“ folgt einem Klatschreporter auf die Odyssee durch das politische Berlin. Den Leuten hinterher, die nun nicht mehr im Münchner Rossini sitzen oder im Schumann’s, sondern im Berliner Borchardt und im Grill Royal. „Wenn Sie in München ausgehen, begegnen Sie allmählich niemandem mehr. Die sind alle in Berlin“, hat Dietl beklagt.

München, ein Stadt voller Niemands? Merkwürdige Sicht eines Menschen, dem es nicht um eine Stadtgesellschaft geht, sondern um die Gesellschaft. Das sind nicht die oberen Zehntausend, sondern die, die sich als solche in Szene setzen.
Auch Berlin ist in Dietls Film eine Stadt ohne Niemands. Das normale Berlin kommt nicht vor. Seine Berliner Oberschicht besteht aus einem Haufen durchgeknallter Selbstdarsteller, getrieben von Gier nach Sex und Anerkennung, psychisch verwirrt, ebenso liebesbedürftig wie durchtrieben. Und das, wo uns doch gerade die erbarmungswürdige Normalität unseres Präsidenten so frappiert. Der Film ist nicht politikverdrossen, er ist politikverächtlich.

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