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0 Uhr 30: Selektion ohne Grenzen im Kater Holzig

Kein Einlass für das Maskottchen: Selbst der Kater muss oben auf dem Dach bleiben.

Kein Einlass für das Maskottchen: Selbst der Kater muss oben auf dem Dach bleiben.

Foto:

Imago

Berlin -

Vor kurzem war ich mit Freunden im Kater Holzig. Ein Samstag, ziemlich früh, 21 Uhr, da gibt es noch keine Einlasskontrolle. Wir sahen uns eine Ausstellung an – farbenfrohe Skulpturen von Terence Carr, hervorragend inszeniert vor graffiti-besprühten Wänden – und gingen eine Stunde später wieder, um kurz etwas zu essen.

Als wir zurückkamen, waren zwei Türsteher da und verweigerten uns den Zutritt. Nutzlos der Hinweis, dass wir gerade eben noch drinnen waren. „Na, wenn ihr die Ausstellung gesehen habt, braucht ihr ja jetzt nicht noch mal rein!“, schnarrte einer. Aber in einer halben Stunde, wenn der Club öffne, könnten wir es ja noch mal versuchen. „Dann ist unsere Selektionistin da und entscheidet, ob ihr rein kommt.“

Da ist mir kurz der Mund offen stehen geblieben. Selektion? Der Begriff ist hierzulande historisch schwer belastet, jedenfalls, wenn damit das Aussortieren von Menschen gemeint ist. An der Rampe in Auschwitz wurden Juden selektiert. Die SS teilte sie auf in die Arbeitsfähigen und solche, die sie direkt in die Gaskammern schickten. An der Kordel-Absperrung einer Nobeldisko wäre ich über den Begriff weniger überrascht gewesen.

Oranienstraße statt Selektion

Aber hier, ausgerechnet bei den links orientierten, von viel öffentlicher Solidarität profitierenden Kater-Holzig-Leuten? So unverhohlen? In einem alternativen Kulturprojekt, das nach außen hin das Anti-Konforme verkörpern will, den Verzicht auf Etikette? „No borders, no nations“ steht in riesigen Lettern auf der Wand des alten Fabrikgebäudes. „Nazis stoppen“ auf einer Mauer im Innenhof. Die Kater-Betreiber sind engagiert. Sie protestieren gegen Wasserprivatisierung, den Abriss der East Side Gallery, sie gehören zu den Mediaspree-Kritikern.

Wir blickten auf die Wand hinter den Türstehern. „No borders“ – irgendwas stimmt mit dieser Verheißung nicht, dachten wir uns. Nicht an diesem Ort.

Als die Selektion später begann, waren wir in der Oranienstraße. Viele Menschen aus vielen Ländern, gute Stimmung, eine Kreuzberger Nacht eben – ganz ohne Grenzen.