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1. Mai in Berlin: Mehr Politik auf den Myfest-Musikbühnen

Das alljährlich stattfindende Fest wird von Kreuzberger Initiativen und Projekten initiiert, um den Krawallen am Abend des 1. Mai entgegenzuwirken.

Das alljährlich stattfindende Fest wird von Kreuzberger Initiativen und Projekten initiiert, um den Krawallen am Abend des 1. Mai entgegenzuwirken.

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dpa

Berlin -

Auf den ersten Blick ist alles so wie immer. Rund um Oranienstraße, Kottbusser Tor und Mariannenplatz stehen die Halteverbotsschilder für den 1. Mai bereit. Die Händler erhielten Flyer, in denen sie vom Bezirksamt daran erinnert werden, dass der 1. Mai ein Feiertag ist, an dem die Läden geschlossen zu sein haben.

Und die Gastronomen im Kreuzberger Kiez, in dem Kneipen Namen tragen wie Suff, Bierhimmel oder Molotow-Cocktail, ordern mehr Bier. So wie immer, wenn das Myfest bevorsteht. Seit elf Jahren gibt es das Straßenfest im Kiez SO 36. Das Fest war einst als Befriedungs-Aktion gegen die einstigen Mai-Krawalle gedacht. Die Anwohner, verärgert über Straßenschlachten zwischen Autonomen und Polizei, wollten ihren Kiez zurück. Myfest statt Mayday sozusagen.

Das Prinzip funktioniert, im vergangenen Jahr kamen mehr als 100 .00 Besucher. Diesmal gibt es 18 Bühnen, eine weniger als im Vorjahr, weil das SO 36 verzichtet. An rund 200 Ständen, für die man sich beim Bezirksamt bewerben musste, werden Anwohner Selbstgebackenes verkaufen und Händler Bier in Plastikbechern ausschenken. Harter Alkohol ist ebenso verboten wie Glasflaschen und Dosen. Der Senat schießt zum Fest wie in den Vorjahren knapp 150.000 Euro zu, die Fäden der Organisation laufen im Bezirksamt zusammen.

Und doch ist diesmal etwas anders als sonst: Pünktlich um 18 Uhr wird nämlich auf allen Bühnen der Festmeile die Musik abgestellt, wie David Strempel vom Coretex, dem Platten- und T-Shirtladen an der Oranienstraße, sagt. Das Coretex existiert seit 25 Jahren, seit zehn Jahren macht es beim Myfest mit. Auf seiner Bühne spielen Hardcore- und Punkrock-Bands. „Es gab Beschwerden, das Myfest sei zu wenig politisch und zu sehr Besäufnis-Event“, sagt Strempel. „Deshalb erklingt um 18 Uhr von allen Bühnen eine politische Erklärung.“

Zehn Minuten lang geht es darin um steigende Mieten, Verdrängung und den Ausverkauf des Kiezes an Investoren und Touristen. Um Gleichberechtigung der Geschlechter und Homophobie. Danach kommt die nächste Band. Werden die Besucher das Polit-Statement akzeptieren? Strempel: „Ich glaube schon, wir sind schließlich nicht auf dem Oktoberfest.“ Kreuzberg sei immer noch etwas Besonderes.