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Berliner Zeitung | 1. Woche der Inklusion: Sitzprobe im Rollstuhl
10. March 2014
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1. Woche der Inklusion: Sitzprobe im Rollstuhl

Die Idee von Inklusion: Ein Schulanfänger mit Down-Syndrom lernt gemeinsam mit anderen Kindern in einer Klasse statt in der Sonderschule.

Die Idee von Inklusion: Ein Schulanfänger mit Down-Syndrom lernt gemeinsam mit anderen Kindern in einer Klasse statt in der Sonderschule.

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imago stock&people

Das Land Berlin tut sich schwer damit, die Rechte für Behinderte in die Praxis umzusetzen und als Gesetze zu formulieren. Seit 2009 gilt die Behindertenkonvention der Vereinten Nationen auch in Deutschland. Doch das benötigte Geld für den barrierefreie Ausbau von Schulen hat die Koalition im vergangenen Jahr gestrichen. Und der für das Schuljahr 2014/2015 geplanten berlinweite Start der Inklusion wurde auf 2016 verschoben.

Besuche in Wohngemeinschaften

So lange will der Bezirk Lichtenberg nicht warten. Erstmals haben Bezirkspolitiker, Vereine und Behindertenverbände eine Woche der Inklusion organisiert. Sie beginnt am 11. März 2014. Auf dem umfangreichen Programm stehen etwa Vorträge über Autismus, Lese-Rechtschreibstörung und Begabtenförderung, Besuche in Wohngemeinschaften für geistig behinderte Menschen, in Behindertenwerkstätten, Kindereinrichtungen und Schulen. Interessierte können zum Beispiel probieren, wie es sich im Rollstuhl fährt. Es ist auch möglich an einer Sitzung des Bezirksbeirats für Menschen mit Behinderung teilzunehmen.

Die Initiatoren der Inklusionswoche wollen zeigen, welche Einrichtungen und Programme es im Bezirk bereits gibt, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben und arbeiten. „Es geht hier nicht um Randgruppen“, sagt Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD), der auch Schirmherr der Inklusionswoche ist. Jeder fünfte Mensch sei in Deutschland gesundheitlich beeinträchtigt. „Wir fangen mit der Inklusion Schritt für Schritt an, auch wenn noch nicht die großen Millionenbeträge fließen.“

Für die Aktionswoche wurden keine neuen Projekte geschaffen, mehr als 50 Einrichtungen, die sich mit Inklusion und Behinderung beschäftigen, haben sich an den Vorbereitungen beteiligt. „Alle reden von Inklusion, aber eigentlich weiß keiner so genau, was das ist“, sagt Birgit Herlitze, Lichtenberger Beauftragte für Menschen mit Behinderung. Das spüre sie immer wieder in ihrer Arbeit. Zwar müssten Häuser heutzutage immer barrierefrei gebaut werden, doch praktisch wüssten Bauherren und Architekten oft nicht, was barrierefrei bedeute.

So wurde die Schwimmhalle in der Sewanstraße im Jahr 2012 nach der 1,1 Millionen Euro teuren Sanierung wiedereröffnet, allerdings ohne einen Zugang für Rollstuhlfahrer. Ein barrierefreies Bad sei aber weder geplant noch finanzierbar gewesen, gab der zuständige Innensenator Frank Henkel (CDU) dann auch zu.

„Das Denken muss sich ändern“, sagt Detlef Schmidt-Ihnen, Schulleiter des Barnim-Gymnasiums in der Ahrensfelder Chaussee. „Inklusion kann man nicht dienstlich anweisen.“ Schmidt-Ihnen, Vater eines behinderten Sohnes, hat die Inklusionswoche initiiert, seit 1995 gibt es an seiner Schule einen Inklusionsbeirat. Doch oft scheitern nötige Umbauten an Schulen. So werde häufiger Geld für die Sanierung von Toiletten bewilligt als für einen barrierefreien Zugang.

Mitarbeiter überfordert

Der Bezirk sieht sich an der Spitze der Bewegung, wenn es um Inklusion geht. So bietet das Bürgeramt Sprechstunden mit einer Gebärdendolmetscherin an, 176 Menschen mit Behinderung arbeiten an Schulen im Bezirk. Doch oft seien Mitarbeiter der Verwaltung zwar bemüht, doch überfordert, kritisiert Florian Griep vom Behindertenbeirat.

Lob für die Lichtenberger Initiative kommt aus dem Abgeordnetenhaus. „Da hat Lichtenbergs Bürgermeister dem Regierenden Bürgermeister aber einiges voraus“, sagt die SPD-Abgeordnete Birgit Monteiro, Ansprechpartnerin für Menschen mit Behinderung. Denn Wowereit habe sich bisher noch nicht intensiv mit Inklusion beschäftigt.

Das komplette Programm unter www.inwo-lichtenberg.de