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1000 Euro monatlich: Berliner verlost bedingungsloses Grundeinkommen

Die Meinungen über das bedingungslose Grundeinkommen gehen weit auseinander. Nun soll es getestet werden.

Die Meinungen über das bedingungslose Grundeinkommen gehen weit auseinander. Nun soll es getestet werden.

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imago stock&people

Berlin -

Was würden Sie mit monatlich tausend Euro tun? Geschenkt versteht sich, ohne Gegenleistung, ohne Bedingungen. Ein Buch schreiben? Verreisen? Oder einfach weitermachen wie bisher? Die Frage ist spontan vielleicht gar nicht so leicht zu beantworten – den Berliner Michael Bohmeyer beschäftigt sie seit Monaten.

Der 29-Jährige verlost über seine Internetseite „Mein-Grundeinkommen.de“ dreimal je 12.000 Euro. Die Gewinner sollen ein Jahr lang ein Grundeinkommen im echten Leben ausprobieren können. Das Geld dafür sammelt der Berliner auf einer Crowdfunding-Plattform. Mehr als 2100 Menschen haben bereits rund 41.000 Euro gespendet und somit schon mehr als drei Grundeinkommen finanziert. Am kommenden Donnerstag sollen sie auf einer Party in Berlin verlost werden.

Kritiker sehen den Wohlstand gefährdet

Bewerben kann sich jeder. Viele machen sich bereits Gedanken, was sie mit dem Geld anfangen wollen: „Ich würde meine Doktorarbeit fertig schreiben und einen Bonbonladen aufmachen“, schreibt ein Bewerber. „Karl Marx lesen, Flüchtlingen helfen und jeden Tag Yoga machen“, hat ein anderer vor. Wenn es nach Bohmeyer geht, sollen die drei Grundeinkommen jetzt nur der Anfang sein. Möglichst viele Menschen sollen sich ein Jahr lang keine Sorgen um Geld machen müssen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, das der Staat jedem Bürger ohne Gegenleistung und unabhängig vom Beruf, Herkunft oder Vermögen zahlt, hat in Wahrheit schon viele Ökonomen und Politiker beschäftigt. Es würde die Gesellschaft gerechter machen und zugleich den Verwaltungsapparat verkleinern, so das Argument vieler Befürworter. Die prominentesten Unterstützer sind wohl der Chef der Drogeriemarktkette dm, Götz Werner, sowie der ehemalige Ministerpräsident von Thüringen, Dieter Althaus. Auch die Piratenpartei unterstützt es, die Grünen denken darüber nach, es gibt europäische Initiativen.

Doch was wird aus dem Menschen, wenn er ein Grundeinkommen bekommt? Das Hauptargument der Kritiker lautet meist: Keiner würde arbeiten, gäbe es Geld umsonst. Der Mensch wird faul und zum Trittbrettfahrer. Anstrengende und schmutzige Jobs würde keiner mehr erledigen, schließlich hätten die Menschen es nicht nötig. Das Arbeitsangebot würde sinken, die Wirtschaft schrumpfen.

Vertrauen in die Menschen zurückgewinnen

Ganz so einfach ist es nicht, findet Michael Bohmeyer. „Ein Grundeinkommen setzt unglaublich viel Kreativität und Energie frei“, sagt er. Der Mensch solle seine freie Zeit genießen und sich von der monotonen Arbeit aus der kapitalistischen Wirtschaft befreien. Erst aus dieser Freiheit heraus würden die guten Ideen geboren. Faulenzen würden die wenigsten, schließlich sei der Mensch ein soziales Wesen. Und wenn jemand das Geld nur für Alkohol und Zigaretten ausgibt? „Dann lasst ihn halt mal drei Monate in die Kneipe gehen, mir sind dort auch schon gute Ideen gekommen“, sagt Bohmeyer. „Wir müssen das Vertrauen in die Wünsche und Vorhaben der Menschen zurückgewinnen“, sagt er.

Doch da scheiden sich die Geister. „Es ist doch eine Anmaßung zu sagen, gebt mir tausend Euro, erst dann werde ich kreativ“, sagt Holger Schäfer, Ökonom beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. „Die Befürworter sprechen von einer Loslösung von der Leistungsgesellschaft, doch in Wahrheit würden sie nur auf der Leistung anderer leben.“

Michael Bohmeyer bezieht faktisch selber ein Grundeinkommen, er hat es sich erarbeitet. Nach seinem Studium baute er einen Online-Versand für Schilder auf. Die Geschäftsführung gab er ab, doch als Gesellschafter erhält er fast ohne Arbeit eine Gewinnbeteiligung von rund tausend Euro monatlich, für ihn sein Grundeinkommen. Bohmeyer entschied sich, alle Jobs aufzugeben. „Ich wollte mal richtig faul sein“, sagte er. Tatsächlich passierte das Gegenteil: „Ich fing an, mehr zu arbeiten als je zuvor, wurde kreativer, ein besserer Vater, ein besserer Freund.“ In dieser Phase kam ihm auch die Idee zu „Mein Grundeinkommen“. Alle Programmier- und Verwaltungskosten hat er selber finanziert. Die neue Freiheit mache produktiv: 18 Stunden arbeite er manchmal am Tag, früher hätte er das nie für möglich gehalten.

Anmelden kann man sich unter unter mein-grundeinkommen.de