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13-jährige Lisa aus Marzahn: Von der Vergewaltigungslüge zum diplomatischen Gewitter

Protestdemonstration nach angeblicher Vergewaltigung vor dem Kanzleramt.

Protestdemonstration nach angeblicher Vergewaltigung vor dem Kanzleramt.

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dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Es begann daheim mit der Lüge eines Kindes und gipfelte in einem Krisengespräch zweier Außenminister: Nun ist der Fall der angeblich entführten und vergewaltigten 13-jährigen Lisa aus Marzahn teilweise aufgeklärt. Das Mädchen hatte Angst, nach Hause zu gehen. Die aus einer russischstämmigen Familie kommende Schülerin versteckte sich in der Nacht zum 12. Januar bei einem Bekannten. Dennoch ermittelt die Polizei noch gegen zwei weitere Männer wegen des Verdachts des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Lisa war am Morgen des 11. Januar auf dem Schulweg verschwunden und wurde von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Nach 30 Stunden tauchte sie wieder auf. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Freitag sagte, verbrachte das Kind die Nacht bei einem 19-Jährigen. Wegen Problemen in der Schule habe sie sich wahrscheinlich nicht nach Hause getraut. Grund war offenbar ein geplantes Gespräch zwischen der Schule und Lisas Eltern, bei dem über die Probleme der Tochter informiert werden sollte.

Handy selbst beschädigt?

Die Polizei kam über rekonstruierte Daten aus dem beschädigten Handy des Mädchens auf die Spur des 19-Jährigen. In seiner Wohnung in Marzahn fand sie Sachen von Lisa. Bei der Befragung räumte er ein, dass Lisa bei ihm übernachtet hatte – mit Einverständnis der Mutter des jungen Mannes, die sich zu jener Zeit ebenfalls in der Wohnung befand. „Es gibt keine Hinweise auf eine Sexualstraftat oder einen sexuellen Kontakt des Mannes zu dem Mädchen“, sagte Steltner der Berliner Zeitung. Gegen den 19-Jährigen werde daher nicht ermittelt. Er sei nur ein Zeuge. Das Mädchen selber sage weiterhin kaum etwas Verwertbares zu dem Fall.

Derweil ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei weiter gegen einen 20-jährigen Türken und einen 22-jährigen Deutschen türkischer Herkunft wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie werden verdächtigt, in den Monaten vor dem Verschwinden des Mädchens sexuelle Kontakte zu Lisa gehabt zu haben. Laut Steltner wird davon ausgegangen, dass die 13-Jährige die Männer schon seit Monaten kannte. Weil sie jünger als 14 Jahre ist, ist auch freiwilliger Sex mit Erwachsenen strafbar und wird als schwerer sexueller Missbrauch eingestuft.

Nach ihrer Heimkehr erzählte Lisa zu Hause, dass sie von arabisch sprechenden Männern entführt und mehrmals vergewaltigt worden sei. Die Familie erzählte das russischen Fernsehsendern, die Geschichte breitete sich über die sozialen Netzwerke aus. Schließlich demonstrierten Hunderte Menschen vor dem Kanzleramt.

Eine rechtsmedizinische Untersuchung ergab laut Polizei keine Hinweise auf eine Vergewaltigung. Bei ihrer Befragung präsentierte das Mädchen laut Staatsanwaltschaft vier verschiedene Versionen des Geschehens.

Die Ermittler haben den Verdacht, dass das Mädchen sein Handy selbst beschädigte, um den Eindruck einer Vergewaltigung zu untermauern. Ein Anwalt der Familie hatte gegenüber der Berliner Zeitung gesagt, dass der Körper des Mädchens starke Hämatome aufweise. „Hier gibt es keine Hinweise auf Fremdverschulden“, sagte Steltner dazu nur.

Henkel: Propaganda ist entlarvt

Obwohl die Polizei wiederholt erklärte, es gebe weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung, verbreitete die Familie diese Version und unterstellte der Polizei, den Fall vertuschen zu wollen und das Mädchen unter Druck gesetzt zu haben. Das sagten Familienangehörige auch auf einer NPD-Demonstration. Im Internet wurden Verschwörungstheorien und fremdenfeindliche Hetze gegen Flüchtlinge verbreitet. Russische Medien heizten die Stimmung an.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow warf den deutschen Behörden vor, den Fall verheimlicht zu haben. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) erklärte am Freitag: „Die neuen Entwicklungen entlarven deutlich die Propaganda, die in den letzten Tagen mit diesem Fall verbunden war.“