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25 Jahre Mietergenossenschaft Selbstbau: Wie Mieter in Prenzlauer Berg ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen

Die Vorstände der Mietergenossenschaft Selbstbau: Jeannette Albrecht und Peter Weber. An der Wand hängen Fotos der Häuser, vor und nach der Sanierung.

Die Vorstände der Mietergenossenschaft Selbstbau: Jeannette Albrecht und Peter Weber. An der Wand hängen Fotos der Häuser, vor und nach der Sanierung.

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Benjamin Pritzkuleit

Berlin -

Diese Mieten machen neidisch. Die sanierte Altbauwohnung in der Oderberger Straße 50 mit 120 Quadratmetern Fläche kostet gerademal 420 Euro kalt. Die Kiezkantine im Erdgeschoss, ein Sozialprojekt für psychisch Erkrankte, zahlt eine Gewerbemiete von 6 Euro pro Quadratmeter. Das ist etwa ein Fünftel von dem, was die Inhaber umliegender Läden aufbringen müssen.

Wie kann man mit solchen Mieten ein Haus wirtschaftlich führen? Peter Weber lächelt über solche Fragen, er hört sie oft. Weber, 49 Jahre alt, gehört zum Vorstand der Mietergenossenschaft Selbstbau. Er sagt: „Wir arbeiten nach dem Prinzip: So viel Miete wie nötig und nicht, so viel wie möglich.“

Start mit Staatssekretär

Das klingt wie ein kapitalismuskritischer Anspruch, doch die Genossenschaftler der Selbstbau haben in den vergangenen 25 Jahren bewiesen, dass so ein Anspruch auch praktisch funktioniert. Zur Genossenschaft gehören fast 500 Mitglieder, sie leben in 23 Wohnprojekten, es gibt 421 Wohnungen und 44 Gewerbeeinheiten, die meisten liegen in Prenzlauer Berg und Friedrichshain, aber auch in Mitte, Lichtenberg, Spandau und Blankenfelde.

An diesem Freitag stellt die Genossenschaft ihr neuestes Projekt vor. In der Sredzkistraße 44 in Prenzlauer Berg, einem unsanierten Altbau, soll ein altersgerechtes Wohnprojekt entstehen, das Bundesbauministerium gibt Geld dazu und schickt einen Staatssekretär vorbei. Acht Bewohner leben in dem Haus. Wenn es komplett saniert ist, werden sie 5,47 Euro kalt pro Quadratmeter zahlen, hinzu kommt noch ein Genossenschaftsanteil von 150 Euro pro Quadratmeter.

Beim Auszug bekommen sie dieses Geld zurück. Man muss wissen, dass in dieser Gegend Quadratmeterpreise von bis zu 15 Euro kalt üblich sind. Für die beiden Vorstände der Genossenschaft, Jeannette Albrecht und Peter Weber, hat das Projekt Sredzki 44 eine besondere Bedeutung. „Es schließt sich ein Kreis. Wir sind wieder in unserem Gründungsbezirk angekommen.“

Nicht auf den Senat warten

Es begann 1987. Da erfahren die Bewohner in Prenzlauer Berg, dass der Berliner Magistrat verfallene Altbauten in der Oderberger Straße und der Rykestraße abreißen will. Anwohner empören sich und protestieren im Wohnbezirksausschuss (WBA). Die Pläne tauchen nie mehr auf. Gleich nach der Wende, im März 1990, gründen etwa 30 Bewohner der Häuser Rykestraße 13 und 14 die Mietergenossenschaft Selbstbau. „Sie wollten ihre Häuser allein instandsetzen und nicht warten, bis der Staat und die Alteigentümer kommen“, sagt Weber.

Das Leitbild der Genossenschaftler lautete schon damals, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, indem sie die Häuser dem Markt der Spekulation entziehen. Den Häusern in der Rykestraße folgen die Oderberger Straße 50, dort wohnte damals Peter Weber, und die Fehrbelliner 87, zu deren Mietern Jeannette Albrecht gehört. „Wir haben die Genossenschaft damals überzeugt, weiterzumachen“, sagt Jeannette Albrecht. Mit Peter Weber übernimmt sie Mitte der 90er den Vorstand.

Schnell wird das Projekt bekannt. Es melden sich Hausgruppen, Haus- und Instandbesetzer aus Ost-Berlin. Selbstbau kalkuliert die Sanierungskosten, das Land Berlin gibt bis 2002 Zuschüsse, die Hausbewohner packen selbst mit an. Muskelhypothek nennen sie ihre Eigenleistung. Bis heute gelten Grundsätze: kein neues Projekt darf die bestehenden gefährden. Werden Wohnungen frei, entscheiden die Hausbewohner, wer dort einzieht. Selbstgewählte Nachbarschaft heißt das. Es gibt Gemeinschaftsräume. Im Neubau an der John-Scheer-Straße in Prenzlauer Berg hat die Genossenschaft eine Gemeinschaftsterrasse gebaut. Ringsherum sieht man nur Dachgeschosswohnungen.

Kredite für Millionen

Trotz dieser marktuntypischen Arbeitsweise ist die Genossenschaft finanziell gut abgesichert. Der Wertzuwachs der Häuser bietet den Banken ausreichende Sicherheit für Kredite, die ersten sind getilgt, die Häuser schuldenfrei. Derzeit muss die Genossenschaft 20 Kredite im Gesamtwert von 25 Millionen Euro zurückzahlen. Sich um eine Wohnung zu bewerben, ist völlig sinnlos. Peter Weber erzählt, kürzlich seien zu einer intern angekündigten Besichtigung 50 Leute gekommen.