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Berliner Zeitung | 40. Berlin Marathon: André Pollmächer, der schnellste Deutsche
30. September 2013
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40. Berlin Marathon: André Pollmächer, der schnellste Deutsche

Schnellster Deutscher beim Marathon in Berlin: André Pollmächer.

Schnellster Deutscher beim Marathon in Berlin: André Pollmächer.

Foto:

Sebastian Wells

Angekommen. Tatsächlich 42,195 Kilometer durchgestanden – puh, was für ein befreiendes Gefühl. Erst recht für einen wie André Pollmächer. Für ihn hatte das Ankommen am Sonntag beim Berlin-Marathon fast existenzielle Ausmaße. Das liegt an seinem Beruf. Pollmächer ist Marathonläufer. Und nach all den Verletzungen und Rückschlägen, die ihn zuletzt plagten, hatte der 30-Jährige schon fast vergessen, was das Adrenalin nach einem gelungenen Rennen im Körper veranstaltet: „Es war ein geiles Gefühl, mal wieder im Ziel zu sein.“

Dazu die erfreuliche Zeit. 2:13:05 Stunden bedeuteten für Pollmächer persönliche Bestzeit und die Qualifikation für die Leichtathletik-EM 2014 in Zürich. Die Norm war vom Deutschen Leichtathletikverband auf 2:13:30 Stunden festgelegt worden. Puh, auch das geschafft! Pollmächer stand im Zielraum und fand, dass es jetzt Zeit sei für eine Belohnung. Er setzte sich hin und trank zusammen mit seiner Freundin und seinem Trainingskollegen Hagen Brosius ein Weizenbier. „Da habe ich etwas gemacht, worauf ich vorher vier Monate lang verzichtet hatte“, sagt Pollmächer. „Für mich war das dieses Erlebnis: jawohl, das hast du dir verdient.“

Blutung im Kopf

Als schnellster Deutscher landete Pollmächer, der für das Team Rhein Marathon Düsseldorf startet, am Sonntag auf Rang 14 des Elitefeldes. Er war mehr als zehn Minuten langsamer als der Sieger Wilson Kipsang aus Kenia. Der brauchte für seinen Weltrekord 2:03:23 Stunden. „Statistisch betrachtet, sind wir weit weg von der internationalen Klasse“, hatte Marathon-Bundestrainer Wolfgang Heinig zu Jahresbeginn konstatiert. Das hat sich mit Pollmächers Ergebnis zwar nicht geändert, dennoch hat Heinig positive Eindrücke aus Berlin mitgenommen. „Nach Andrés langer Pause, seinen vielen Problemen und Verletzungen war das ein sehr gelungener Lauf“, sagt der Bundestrainer. „Er kann sich jetzt in Ruhe auf die EM vorbereiten.“

Nach seinem Marathondebüt 2008, einer Zeit von 2:13:09 ein Jahr später in Frankfurt und Rang 18 beim WM-Marathon 2009 in Berlin, hatte Pollmächer seine vielversprechende Laufkarriere beendet und bei seinem damaligen Verein LAC Chemnitz den Job von Bernd Dießner übernommen. Sein langjähriger Coach war im Mai 2009 wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Nach einem Jahr Trainertätigkeit in Chemnitz entschloss sich Pollmächer zum Comeback als Läufer. Er zog 2011 nach Potsdam, um dort bei Ronald Weigel zu trainieren. 2012 sollte sein Olympiajahr werden, stattdessen wurde es sein Krankenjahr. Üble Kopfschmerzen quälten ihn, die Diagnosen reichten vom Schlaganfall bis zum Gehirntumor; am Ende war eine venöse Blutung im Kopf Ursache des Leidens. Es folgten: Hüftprobleme und ein Riss der Achillessehne. Statt dem Ankommen war das Gesundwerden sein Job geworden.

Mit Sicherheitsvariante

Weil Weigel vom Bundestrainer der Marathonläufer zu dem der Geher wurde, entschloss sich Pollmächer 2013 zum Umzug nach Düsseldorf-Angermund. Dort hat er den Wald vor der Haustür und eine Laufstrecke am Rhein. Seine Trainingspläne macht er selber. Stadt, Stadtsportbund und Verein unterstützen ihn. Für das Rennen am Sonntag hatte das Rhein-Marathon-Düsseldorf-Team Tempomacher aus Kenia extra für ihn und sein Projekt EM-Norm engagiert. „Das war eine Sicherheitsvariante“, sagt Pollmächer.

Er wirkte in Berlin das gesamte Rennen über konzentriert und unverkrampft. Die ARD hatte eigens eine Kamera für die Gruppe der deutschen Spitzenläufer abgestellt, in der sich lange Zeit auch Falk Cierpinski und Marcin Blazinski aufhielten. „Ich war locker, die Atmung entspannt, aber nach 35 Kilometern hat meine Muskulatur angefangen zu krampfen“, erzählt Pollmächer.

Der Marathon wurde für ihn „zum Ritt auf der Rasierklinge“. Fünf Kilometer lang lief er in gezügeltem Tempo. Er wollte nichts riskieren, nicht ausfallen. Nur ankommen. Die Norm erreichen. „Erst auf den letzten beiden Kilometern habe ich wieder Vollgas gegeben.“

Der Rennverlauf gibt Pollmächer Zuversicht, dass er schneller laufen kann – „wenn ich die Muskulatur im Griff habe“. Er will sich an der europäischen Spitze orientieren. 2:10 Stunden hat Heinig als Richtwert genannt. Bei Meisterschaftsrennen geht es nicht um Rekordzeiten. Tempomacher gibt es nicht. Die Taktik entscheidet. „Es kann passieren, dass der Europameister 2:14 oder 2:15 Stunden läuft“, meint der Bundestrainer. „Man muss das Leistungsvermögen haben, bei den Taktikspielchen mitzumischen.“ Pollmächer könnte also bei der EM eine gute Rolle spielen. Er hat sich schon vor längerer Zeit einen Platz unter den besten Fünf zum Ziel gesetzt.


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