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Adé, nettester Supermarkt Berlins: Alte DDR-Kaufhalle in Prenzlauer Berg muss Luxus-Wohnungen weichen

Der Kaiser’s war beliebt, ein Schmuckstück war der Bau aber nie.

Der Kaiser’s war beliebt, ein Schmuckstück war der Bau aber nie.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Was für eine Karriere: Einst war sie eine Kaufhalle, wie man sie zu Hunderten im einstigen Staatsgebiet der DDR fand. Dann wurde sie zum Symbol des aus West und Ost vereinigten Berliner Anarchismus und schließlich zu einem Wahrzeichen der Gentrifizierung unserer Großstädte. Letzteres befördert durch die kurzsichtige Grundstückspolitik des Staates. Es geht um Kaiser’s am Teutoburger Platz.

Eine Nachbarin auf der langen Rampe mit dem Kinderspielauto berichtet, eine Touristenzeitschrift habe ihn als den „nettesten Supermarkt Berlins“ bezeichnet. Ab 2014 gab es dann die ersten Berichte über einen vom Berliner Architekturbüro Graft entworfenen Wohnungsbau der Super-Luxusklasse. Fortan wurden die Verkäuferinnen und die Aushilfskräfte gefragt: Wie lange macht ihr’s denn noch?

Jetzt wird es auch auf großen Plakaten mitgeteilt: Am 31. Dezember 2015 um 16 Uhr ist Schluss. Im Frühjahr wurden die ersten Bäume gefällt. Nun schließt der Supermarkt, und die Regale sind ziemlich leer gekauft. Kaiser’s hat den auslaufenden Mietvertrag nicht verlängert.

Obdachlose als Maskottchen

Manche Anwohner trauern wie um einen alten Tante-Emma-Laden. Sie erinnern sich an so manches Wochenende während der Studienzeit, an dem es nur etwas zu Essen gab, weil die Verkäuferinnen ihnen inoffiziell Kredit gaben. Manche denken an die beiden Obdachlosen, die über Jahre vor der Tür standen, mit wechselnden Hunden. Im Winter wanderten sie in wärmere Gefilde, kamen im Frühjahr zurück und wurden wie Maskottchen begrüßt. Einige Kassiererinnen haben mit ihrer Berliner Schnauze regionalen Ruhm gewonnen.

Eigentlich handelt es sich bei diesem Supermarkt nur um einen Bau aus den 1970er-Jahren: Modell flache Kiste mit spärlichem Dachranddekor, errichtet zur kollektivistischen Versorgung der Anwohner, nachdem die SED der Privatwirtschaft und damit kleinen Läden weitgehend den Garaus gemacht hatte. Erst am 3. Oktober 1997 erreichte der einstige Konsum Legendenstatus: Linke Chaoten, wie die Presse am nächsten Tag schrieb, randalierten im damaligen „In“-Bezirk, der immer elitärer wurde. Sie zündeten 22 Autos und Kaiser’s an. Die Bilder vom „Bolle-Brand“ in Kreuzberg am 1. Mai 1987 machten wieder die Runde. Es war aber fast das letzte Mal, dass Prenzlauer Berg überregional als Anarchisten-Bezirk von sich reden machte.

Der Bezirk wie nun auch der Kaiser’s-Supermarkt wurden trotz der Sanierungsgebietsprogramme zum Schauplatz der Gentrifizierung. Die Zahl der Supermärkte stieg, wie auch die der Discounter und Öko-Läden. Am 12. September 2013 berichtete die Berliner Zeitung dann, das 4500-Quadratmeter-Grundstück sei für 17 Millionen Euro an einen Münchener Investor gegangen, vermittelt von der TLG, der an den US-Investor Lone Star verkauften Nachfolgerin der Treuhand-Liegenschaftsverwaltung.

Privatisierungsskandal

Dieser Verkauf ist bis heute einer der größten Skandale der Grundstückspolitik der öffentlichen Hand: Ohne jede sozial,- mieten-, wohnungs- oder städtebaupolitische Rücksicht war bei der Privatisierung allein das Höchstangebot entscheidend. Auch andere zu DDR-Zeiten mit Kaufhallen bebaute Eckgrundstücke in Berlin wurden auf diese Art und Weise an Privatinvestoren weitergereicht. Auf deren Bauprojekte hatte die Stadt dann praktisch keinen Einfluss mehr. Am Teutoburger Platz etwa bietet nun die Berliner Wohnungsbau Consult Luxuswohnungen an. Das Projekt ist umstritten. Mit der Vermietung dieser Etablissements droht der gesamte Mietspiegel für das Viertel anzusteigen.

Mit seiner Verdichtung erinnert es zudem inzwischen an die Zustände zur Kaiserzeit. Die billigste Wohnung soll 5400 Euro pro Quadratmeter kosten – mit Blick in den Hinterhof und auf die Belüftungsanlage des neuen Supermarkts, der im Erdgeschoss entstehen soll. Über die Preise für die obersten Geschosse schweigt man sich diskret aus. Der Baubeginn ist noch unklar.