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Akkordeonbauer: Nur spielen kann er nicht

Die Arbeit wartet: In der Werkstatt liegen mehrere Akkordeons. An ihnen sind Zettel befestigt. „Ölen und stimmen“, „Bassmechanik überprüfen“, steht darauf.

Die Arbeit wartet: In der Werkstatt liegen mehrere Akkordeons. An ihnen sind Zettel befestigt. „Ölen und stimmen“, „Bassmechanik überprüfen“, steht darauf.

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Gerd Engelsmann

Es klingt wie ein eigenes kleines Orchester. Sieben Oktaven, 250 Töne und 220 Tasten hat ein großes Akkordeon. Doch neben den bekannten Schifferklavieren gibt es noch etliche Unterarten. Die richtig großen sind für Andreas Sommer gar nicht so interessant. Der Handzuginstrumentenmacher aus Brandenburg an der Havel baut Diatonische Akkordeons. Bei Zug oder Druck auf den Balg erzeugt das Diatonische Akkordeon verschiedene Töne – und es ist wesentlich kleiner.

„Der Renner bei den Engländern zur Zeit“, erklärt Sommer und holt ein winziges Instrument aus dem Regal. „Besonders die ganz kleinen. Dieses wiegt nicht einmal ein Kilo.“ Das Akkordeon aus den 1930er-Jahren wird von ihm liebevoll wieder instand gesetzt bevor es seine Reise über den Ärmelkanal antritt.

Fündig auf dem Flohmarkt

Der 36-Jährige Sommer, mit Vollbart und Pferdeschwanz, hat seit Januar 2013 seine Werkstatt in der Kirchhofstraße. Die Brennerbor-Werke bauten in dem großen, alten Industriegebäude Anfang des 20. Jahrhunderts Kinderwagen, Fahrräder, Motorräder und Autos. Heute ist neben Sommers Werkstatt eine Schneiderei. Im oberen Stockwerk eine ambulante Rehaklinik. Sommer arbeitet allein in dem großen Raum mit diversen Bohrmaschinen, Sägen, Schleifmaschinen und der Werkbank. Neben der Eingangstür liegt ein Haufen Holz. Kirsche, Apfel, Pflaume oder Mahagoni geben eine schöne Maserung für den Korpus des Akkordeons. Eine kleine Kammer ist zum Stimmen der Instrumente abgedämmt. Dabei spielt Sommer selbst gar nicht. „Ich hatte da noch keine großen Ambitionen“, gibt er zu. „Aber die Hälfte meiner Klasse konnte ihr Instrument auch nicht spielen.“ Seine Klasse, das waren Instrumentenbaulehrlinge in Klingenthal im Vogtland. Die für ihre Akkordeons berühmte Kleinstadt hat die einzige Instrumentenbauschule für Akkordeons in Deutschland.

Sommer studierte noch Geschichte und Religionswissenschaften, als er sein erstes Akkordeon auf dem Flohmarkt fand und es sogleich auseinander baute. „Ich bin ja kein Musiker, also kam ich von der Bastelseite“, erklärt er. Die Frickelei mit den Tonzungen, den Tasten und dem Balg nahm ihn sofort gefangen. „Ich kaufte also immer mehr und irgendwann hatte ich dann auch keine Lust mehr, später in irgendeiner Amtsstube zu versauern.“ Für ihn hieß es: „Ich will das machen – also muss ich nach Klingenthal.“

Da seine Freundin und die Zwillingssöhne in Brandenburg blieben, pendelte er drei Jahre zwischen dem Vogtland und Brandenburg. „Kein Spaß, kann ich versichern. Das nächste Kino ist von Klingenthal eine Autostunde entfernt.“ Nach Praktika bei Akkordeonbauern in Norwegen und Finnland, eröffnete er dann seine eigene Werkstatt „FRATON Akkordeons“, nach den Anfangsbuchstaben der Namen seiner Söhne. Allein vom Bau seiner Lieblings-Akkordeons, den Diatonischen, kann er nicht leben. „Anfangs habe ich vor allem alte Instrumente auf Flohmärkten und im Internet gekauft und ordentlich wieder verkauft, doch mit der Zeit kamen immer mehr Kunden“, erzählt Sommer, „auch aus Berlin“. Das hatte er nicht erwartet, da er den Markt mit dem großen Akkordeongeschäft in Berlin gedeckt sah.

Nun stehen auf dem großen Tisch in der Werkstatt etliche große Akkordeons. An jedem ein Zettel mit Aufschriften wie „Ölen und stimmen“, „Überholen“, oder „Bassmechanik überprüfen“. Auf einer Weltkarte hat Sommer alle Kundenkontakte markiert. Neben ganz vielen Fähnchen in Europa stecken auch welche in Perth in Australien oder Ottawa in Kanada. Selbst aus Panama kamen Anfragen. Die Kunden suchen spezielle Instrumente, wollen eigene umgebaut oder repariert haben. Sommer versucht zu helfen, wo er kann. Auch zu Hause in Brandenburg. Schließlich ist er hier der einzige Akkordeonbauer.

Berühmte Akkordeonisten wie Tobias Morgenstern, Mitbegründer des „Theater am Rand“ in Zollbrücke im Oderbruch, kennt Sommer jedoch nur als Jurymitglied beim Internationalen Akkordeonwettbewerb in Klingenthal, ein Akkordeon durfte er noch nicht für ihn bauen. Dabei hätte er zurzeit alles da. Gerade sind neue Stimmzungen eingetroffen. Die tonerzeugenden Metallplättchen kommen von einem Hersteller in Italien. In braunes Packpapier gewickelt liegen sie bereit. „Insgesamt gibt es weltweit nur noch drei Hersteller und da kann eine Lieferung schon einmal zwei Monate dauern“, erklärt Sommer. Zumal die Besseres zu tun hätten als ihm als Kleinabnehmer etwas zu liefern.

Verzierungen per Laser

Bestellungen per Mail würden da oft einfach nicht beantwortet. „Manchmal muss ich hinfahren, zum Beispiel für die Knöpfe“, erklärt Sommer. Und auch zu seinem Meister nach Norwegen zieht es ihn oft. Auch um dessen CO2 -Laser zu benutzen. Damit lassen sich die feinen Holzverzierungen für die Außenseiten der Akkordeons nämlich viel leichter aussägen als mit der Laubsäge. Für Einzelteile und Fachgespräche ist er so in ganz Europa unterwegs. Doch manchmal werden die Teile gar nicht mehr hergestellt. Wie etwa Stimmzungen für besonders kleine Akkordeons. Die baut Sommer dann einfach aus anderen Modellen aus. Ein ganzes Regal ist deshalb voller „Ersatzteillager Akkordeons“. Da kommt dann wieder der Bastler zum Einsatz.

Weitere Informationen im Netz:

www.fraton-accordions.com