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Alexanderplatz: Der Traum vom Turmhaus

Platznot kann das Motiv für die geplante Hochhausversammlung nicht sein.

Platznot kann das Motiv für die geplante Hochhausversammlung nicht sein.

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imago/Stana

Kaum jemand wird behaupten, dass der Alexanderplatz elegant ist wie etwa die streng gefasste Place de la Concorde in Paris. Er ist auch nicht monumental wie der Winterpalais-Platz in St. Petersburg, oder gar von der räumlichen Raffinesse des Peters-platzes in Rom. Zu all diesem fehlt dem heutigen Alexanderplatz Form, Straffheit, künstlerische Idee. Doch auf der anderen Seite wird auch niemand dem Alexanderplatz Leben und Dynamik absprechen. Und schon gar nicht mythische Kraft, seitdem er 1930 von Alfred Döblin zum Inbegriff des proletarischen Berlin gemacht wurde.

Der Berliner Architekt Hans Kollhoff versuchte 1993 mit seinem dramatischen Wettbewerbs-Entwurf von zehn in Doppelreihe stehenden Hochhäusern à jeweils 150 Metern, dieser Dynamik eine Form zu geben. Er stellte sich damit in eine bis in die Kaiserzeit reichende Tradition, den einstigen Viehmarkt städtisch zu disziplinieren und repräsentativ aufzuzäumen. 1928 fand deswegen einer der wichtigsten Städtebauwettbewerbe der Klassischen Moderne statt. Stadtbaurat Martin Wagner schrieb ihn aus, um die Platzwände nach Osten hin zu schließen und den Verkehr zu ordnen. Die Gebrüder Luckhardt siegten, ihr Entwurf hätte mit seiner eleganten Rasanz den Alexanderplatz zu einem Weltstadtplatz gemacht. Es entstanden aber nur die gewaltigen Bürobauten von Peter Behrens.

Erst die DDR kam zu einem neuen Design. Eine riesige Fußgängerzone entstand seit 1967, viel zu groß, viel zu offen, um städtische Wirkung zu entfalten. Am besten wirkte die Anlage vom Fernsehturm aus, nur von hier konnte man auch die Schnecke sehen, mit der der Platz gepflastert wurde.

Genau deswegen fand 1993 der Wettbewerb statt. Seine Grundlage war eine damals viel zu wenig debattierte Entscheidung des Senats: Die Stadt verkaufte die von Martin Wagner in den 1920ern vorausschauend erworbenen Grundstücke wieder an sieben Großinvestoren, mitsamt der Zusicherung, dass sie mit Türmen bebaut werden dürften. Dafür sollten die Investoren sich an den Kosten des Platzumbaus beteiligen. In diesem neoliberalen Umschwung musste Kollhoffs Entwurf umso dramatischer wirken.

Er behauptete nämlich, dass Stadt mehr sein muss als die Einhaltung von Bebauungskanten und maximale marktwirtschaftliche Ausnutzung. Ihm ging und geht es um zwei Begriffe, die in der aktuellen Debatte vollständig fehlen: Gestaltungskraft und Schönheit der Stadt. Sein Alexanderplatz-Entwurf ist ein Monument des Anti-Thatcherismus, der Anti-Globalisierung, des Beharrens darauf, dass der Ort und seine Architektur etwas zu sagen haben. Es ist kein Zufall, dass sich Kollhoff ausgerechnet über den Saturn-Bau so echauffiert: Dieser nämlich ist banale Irgendwo-Architektur.

Der Alexanderplatz der Zukunft

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Grafik: Rita Böttcher

Kollhoffs Alexanderplatz-Entwurf schloss an den alten Berliner Traum an, endlich Weltstadt sein zu wollen. Seit etwa 1910 lösten New York und Chicago Paris als Vorbild ab. Es ging nun nicht mehr um schöne Boulevards, sondern, wie es im Wettbewerb um das Grundstück am Bahnhof Friedrichstraße 1921 hieß, um den „Traum vom Turmhaus“. Im Unterschied zu Amerika aber wurden Hochhäuser in Deutschland nicht aus Platznot oder wirtschaftlicher Überkraft geplant, sondern als rein stadtästhetische Elemente. Der Turmhausring in Leipzig, die Türme in Stuttgart, Hamburg, Köln oder Breslau und die nach dem Krieg oft vandalisch in die Stadtbilder geklotzten Türme, selbst die Häuser von Frankfurts Mainhattan sind nur sehr bedingt aus sonst unlösbarer Platznot entstanden, immer aber als Symbole von Kraft.

Immerhin: In Frankfurt wurde die angloamerikanische Tradition übernommen, im Hochhausbau auch architektonisch die Vielfalt der Gesellschaft auszudrücken. Kein Haus gleicht dem anderen. Kollhoff hingegen forderte am Alexanderplatz 1993 wieder radikale gestalterische Einheitlichkeit. Sie erinnert zunächst an die Gesamtkunstwerks-Idee der Wagner-Zeit. Und dann an jene Verachtung der gesellschaftlichen Liberalität Amerikas und Englands, die in Deutschland seit jeher Linke und Rechte vereinte. Nicht zuletzt daran scheiterte sein Projekt bisher. Es steht für eine gesellschaftliche Utopie, der sich Investoren aus guten Gründen nicht unterwerfen wollen.

Kollhoff-Projekt als Leitlinie

Dennoch galt das Kollhoff-Projekt zwei Jahrzehnte als die Leitlinie der städtischen Planung, von der Erweiterung des Kaufhofs nach Plänen von Jan Kleihues über den Bau der Alexa-Shoppingmall, dem Bau des Saturn-Hauses bis hin zur jüngsten Neuanlage der Memhardt-Straße. Soll diese überbreite Straße nun etwa bleiben, wie sie ist? Können wir uns eine solche Platzverschwendung leisten? Die Höhe seiner Türme wurde immer kritisiert als unziemliche Konkurrenz zum Fernsehturm. Doch ist das einstige Hotel Stadt Berlin bereits eine solche Konkurrenz.

Das, was Kollhoffs Plan niemals zugemutet wurde, ist der Abgleich mit der bestehenden Stadt, die Integration etwa des Hauses des Reisens. Also normale städtebauliche Arbeit. Stattdessen will Senatsbaudirektorin Regula Lüscher es nun gleich ganz zu den Akten legen. Schon fordern sentimentalische Kämpfer für ein „historisches“ Stadtbild, dass am Alexanderplatz nun kleinteilige Parzellen und nette Häuschen zu bauen sind. Absurd. Hier kann nie ein Frankfurter Römer entstehen, weil der Alexanderplatz immer größeren Mustern folgte.

Nach Lüscher besteht jetzt das einmalige Zeitfenster für eine Neuplanung. Die Baurechte der Anlieger seien überwiegend erloschen. Aber eine Minderung um mehr als ein Drittel, oft mehr als die Hälfte der Grundstückswerte wird sicherlich nicht durch Ordre du Senatsbaudirektorin, sondern vor Gericht geklärt werden. Vor allem aber: Sie hat nicht die geringste stadtgestalterische Alternative zu Kollhoffs Utopie von 1993 vorgestellt. Sie beschränkt sich bisher auf simpelsten Pragmatismus. Nichts weist auf eine neue Idee von Stadt hin, schon gar nicht darauf, dass hier nun mehr gestalterische Freiheit gewährt werden soll, in der Hohe, Breite, Form, dass dieser Platz sozusagen amerikanischer wird, gar ein neuer Wettbewerb stattfinden soll.

Ohne eine neue Idee von Stadt aber kann man nicht mit Kollhoffs Einheits-Utopie konkurrieren, sondern sie nur halbwegs kastrieren. Und das führt aller Erfahrung nach nie zu einer guten Stadt.