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Alt statt Neu: Kampf um die Berliner Gaslaternen

Die klassische Aufsatzleuchte. Dieser in Berlin wohl bekannteste Leuchtentyp kam in den 1920er Jahren auf. Sie ist mit 30.000 Exemplaren die am weitesten verbreitete Gaslaterne in Berlin. Hier zu sehen in der Benediktinerstraße in Frohnau

Die klassische Aufsatzleuchte. Dieser in Berlin wohl bekannteste Leuchtentyp kam in den 1920er Jahren auf. Sie ist mit 30.000 Exemplaren die am weitesten verbreitete Gaslaterne in Berlin. Hier zu sehen in der Benediktinerstraße in Frohnau

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„Die Leute sind sensibilisiert“, sagt der Vorsitzende des Vereins, „die achten auf ihre Gaslaternen.“ Erst kürzlich waren in der Danckelmannstraße in Charlottenburg Laternen entfernt worden und die Leute riefen bei Kujath an.

Als Gaslichtinitiative war der Verein 1985 gegründet worden. Langsam, im Zuge von Straßenbauarbeiten, sollten schon damals Gaslaternen weichen. In der Ulmenallee in Charlottenburg, wo Kujath wohnte, sollte die Gasbeleuchtung zuerst verschwinden. „Wir konnten erreichen, dass viele Leuchten erhalten wurden.“

Zum Beispiel auch in Alt-Tempelhof, wo Kujath 110 Unterschriften bei den Anwohnern sammelte. Die wurden dann im Bezirksamt abgegeben. „Damals haben 110 Unterschriften noch etwas gegolten“, sagt er. „Heute reichen wohl 110.000 nicht aus.“

Versuchen will er es dennoch. Zumindest 10.000 Unterschriften sollen dieses Mal zusammenkommen. Denn inzwischen geht es um weit mehr. Der Senat plant, 95 Prozent der noch vorhandenen 43 500 Gaslaternen abzubauen.

Toll wären 20.000

Mehr als 7000 Unterschriften hat Kujath bereits. „Toll wäre natürlich eine Zahl in der Nähe der 20.000“, sagt er. Das wäre die nötige Anzahl für ein Volksbegehren und würde der an den Regierenden Bürgermeister gerichteten Petition mehr Nachdruck verleihen.

Unterstützung bekommt der Diplomingenieur für Elektrotechnik von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, dem Bürgerverein Charlottenburg und dem europäischen Denkmalschutzverband Europa Nostra. Auch der Schauspieler Ilja Richter macht mit. „Wir brauchen einen Masterplan Gaslicht“, sagt Kujath, „Gespräche mit Experten“.

Noch keine Entscheidung

Zuallererst sei jedoch ein Moratorium von Nöten. „Denn im Moment gibt es einen Kahlschlag und zwar in den schönsten Bereichen zuerst.“ Der Abbau betrifft zunächst nur die 8000 Gasreihenleuchten. Diese sollen bis 2016 durch Leuchtstofflampen vom Typ Jessica ersetzt werden. Ein Termin für die anderen Leuchten steht noch nicht fest“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Für die Aufsatzleuchten sei eine Lösung mit LED-Lampen im Gespräch, eine Entscheidung sei noch nicht getroffen.

Auch gegen den Abbau dieser Leuchten wehrt sich Kujath. Jeder Lampentyp stehe für eine herausragende prägende Epoche. Auch wenn viele Menschen die Gasreihenleuchten nicht so schön fänden. „Man würde ja auch nicht im Schloss Charlottenburg den Westflügel abreißen, nur weil er aus einer anderen Epoche stammt.“

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Zwei bis drei Straßen will der Senat im Originalzustand erhalten, das ist Kujath zu wenig. Gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt habe man eine Liste aller schützenswerten Gaslaternen ausgearbeitet. Darauf steht zum Beispiel der Haselhorster Damm in Spandau, eine von vierreihig mit Gas beleuchteten Straßen in Berlin. Genützt hat es nichts.

„Die Leuchten auf dem Haselhorster Damm werden noch in diesem Jahr als erstes mit abgerissen“, sagt Kujath. Auch in Frohnau, wo sich das weltweit größte durch Gaslicht beleuchtete Areal befinde, würden noch in diesem Jahr die Gasreihenleuchten entfernt. „Ich bin nicht bereit zuzusehen, wie hier ein Kulturgut verschrottet wird.“

Glühkörper aus Indien

Für Petra Rohland ist der Abbau der Gaslaternen eine Frage des Geldes und des Umweltschutzes. „Elektroleuchten sind einfach effizienter“, erklärt sie. Im Jahr könnten 9200 Tonnen Kohlendioxid durch den Umbau eingespart werden. Ein Grund für die Umrüstung seien auch die Beschaffungskosten. Die Gasglühkörper müssten aus Indien importiert werden. Noch vor wenigen Jahren hätten die heute indischen Maschinen in Deutschland gestanden, widerspricht Kujath.

„Der Hersteller wollte eine Zusage darüber, dass auch in Zukunft Glühstrümpfe abgenommen würden. Die gab es nicht, also wurden das Werk stillgelegt und die Maschinen nach Indien verkauft.“ Das Argument käme dem Senat genau so gelegen wie der hohe Gaspreis, der nur durch die längst überholte Koppelung an den Ölpreis zustande käme.

Standortvorteil

„Und die Gasbeleuchtung funktioniert ja“, erklärt er. Das Gas stamme aus dem Gas-Hausnetz. Vom Hauptrohr zweigten kleine Rohre ab, die dann zu den Laternen führten. Solarenergiegesteuert würden die Laternen dann abends je nach Helligkeit gezündet.

Der Verein will den Senat vom Nutzen der Gasleuchten für den touristischen Bereich überzeugen. „Der Senat ist dabei, seinen eigenen Standortvorteil abzubauen.“ Immerhin steht in Berlin die Hälfte des weltweiten Gasleuchtenbestandes. Deswegen organisiert Bertold Kujath Gaslichttouren. Zur Langen Nacht der Museen oder dem Tag des offenen Denkmals. Auf den Touren könne man die Menschen schnell für die traditionsreiche Straßenbeleuchtung begeistern. Und: Der Verein gewinnt Mitglieder. Arbeiteten sie jahrelang zu viert, ist man jetzt dabei, die 100er-Marke zu knacken.