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Alternativer Sexshop in Kreuzberg: Vegane Kondome und Peitschen aus Fahrradschläuchen

In allen Farben und Formen erhältlich: die Dildos im alternativen Sexshop. Am besten verkaufen sich die schwarzfarbenen.

In allen Farben und Formen erhältlich: die Dildos im alternativen Sexshop. Am besten verkaufen sich die schwarzfarbenen.

Foto:

Paulus Ponizak

Wenn Sara Rodenhizer durch ihren Laden „Other Nature“ geht, die Dildos in die Hand nimmt und anschließend erklärt, wie ein Vaginalkondom funktioniert, wirkt das weder schmuddelig noch beschämend. Ganz im Gegenteil: Die Sexshop-Inhaberin schafft es, ihren Kunden eine vertrauensvolle Atmosphäre zu vermitteln, und das an einem Ort, der gemeinhin eher ein negatives Image hat.

Das Klischee des muffigen Kellerladens mit dunklen Wänden, unangenehm riechenden Videokabinen und Werbe-Aufstellern von Pornostars trifft hier nicht im geringsten zu. Der alternative Sexshop am Mehringdamm ist sogar äußerst gemütlich: Kunden bekommen Tee serviert und die hellen Räume laden zum Stöbern ein. Die Dekoration ist mit Liebe zum Detail angebracht worden - auf zwei Sesseln im Hinterzimmer kann man es sich bequem machen.

Die Idee, einen eigenen alternativen Sexshop zu eröffnen, hatte die gebürtige Kanadierin schon vor ein paar Jahren, als sie noch in einem feministisch orientierten Sexshop in Ottawa, der Hauptstadt Kanadas, arbeitete. Dort sammelte sie in fünf Jahren erst als Teilzeitkraft, dann als Managerin jede Menge Erfahrung rund um Sexspielzeug, Pornos und Co. "Ich habe englische Literatur studiert und auch unterrichtet, aber irgendwie habe ich schnell gemerkt, dass mich das beruflich nicht ausfüllt", erzählt die 33-Jährige. Nach Stationen in Tschechien, Polen und Dessau landete sie in Berlin, wo sie schnell Gleichgesinnte fand. "Ich hatte allerdings keine Ahnung, wie ausgeprägt die Szene in Berlin ist."

Queer, feministisch, vegan

Mit der Szene meint Rodenhizer vor allem die queere, feministische und vegane Community, denn ihre Geschäftsphilosophie verbindet genau diese Elemente. "Ich wollte einen Sexshop eröffnen, der mehr bietet als nur den Verkauf von Sextoys - ein Raum, in dem sich jeder wohl fühlt, egal welchen Geschlechts, Alters oder sexueller Orientierung", beschreibt die Inhaberin.

Dass die Angebote in ihrem Laden hauptsächlich vegan sind, also ohne tierische Inhaltsstoffe, war allerdings keine Idee der ersten Stunde. "Bei der Auswahl der Produkte haben wir aber schnell gemerkt, dass wir viel Wert auf natürliche Produkte legen, die weder Mensch, Tier oder der Umwelt schaden, sodass wir nun konsequent vegane Dinge anbieten."

Vegan - das kennen die meisten Menschen nur als Ernährungsform. Veganer verzichten auf alle tierischen Produkte, sei es Fleisch oder Milch, einige achten zudem auf Kleidung und Alltagsprodukte, die ohne tierische Stoffe und Tierversuche hergestellt wurden. Im Grunde gehen Veganer noch einen Schritt weiter als vegetarisch lebende Menschen, die nur auf Fleischprodukte verzichten. Diese konsequente Lebensweise hat auch Rodenhizer für sich entdeckt, und ihre eigene Einstellung zur Umwelt spiegelt sich in ihrem Laden wieder.

Peitschen aus Fahrradschläuchen

Doch warum bietet sie veganes Sexspielzeug an? "Viele Produkte wie Kondome oder Gleitgels enthalten tierische Zusatzstoffe. Zum Beispiel wird während der Kondomherstellung für das Latex ein Milchprotein verwendet. Die meisten Peitschen sind aus echtem Leder. Wir wollen Alternativen dazu schaffen und bieten Peitschen aus Kunstleder oder Fahrradschläuchen an, die von Berliner Künstlern angefertigt werden", erklärt Rodenhizer.

Dazu gesellen sich Gleitmittel auf Wasserbasis und ohne Glycerin (bzw. mit pflanzlichem Glycerin) - eine Substanz, die größtenteils als Feuchtigkeitsspender in der Industrie eingesetzt wird. Sie achtet auch darauf, dass das Spielzeug keine giftigen Phthalate enthält. Gerade weil Sexspielzeug mit Schleimhäuten des Körpers in Verbindung kommt, setzt „Other Nature“ auf natürliche Stoffe.

Was im Oktober 2011 mit einer kleinen Auswahl begann, kann sich mittlerweile sehen lassen. Das Angebot in Rodenhizers Sexshop ist zwar übersichtlich (etwa 40 Dildos im Sortiment), dafür aber mit viel Bedacht ausgewählt. "Die Sexspielzeugbranche ist ein Riesengeschäft. Da wird oft mit toxischen Materialien gearbeitet, die sich schlecht anfühlen und gesundheitsschädigend sind." Darum achte sie beim Einkauf besonders auf Qualität.

Die Nachfrage nach "grünem Sexspielzeug" wird aber immer größer, weiß die Berlinerin. Um ihren Kunden passende Produkte zu bieten, arbeitet sie eng mit Produzenten in Berlin, Dresden und auch den USA zusammen. Die Künstlerin Anton Blume aus Berlin fertigt zum Beispiel die Peitschen aus recycelten Materialien an, die Rodenhizer in ihrem Laden verkauft.

Eine Menstruationstasse als Verkaufsschlager

Wer das Angebot dort inspiziert, findet neben Dildos aus 100 Prozent Silikon und Kunstleder-Peitschen auch andere Produkte im Sortiment. "Unser Renner ist der sogenannte Diva-Cup", verrät die Geschäftsführerin, die vier Mitarbeiter beschäftigt. Der auch als Menstruationstasse bezeichnete kleine Silikon-Trichter soll Frauen eine Alternative zu den üblichen Tampons bieten. "Einfach nur falten, rein damit und fertig", beschreibt Rodenhizer die Funktionsweise des Diva-Cup. Der Cup müsse mehrmals täglich geleert und gesäubert werden. Dazu empfiehlt sie waschbare Slipeinlagen aus Baumwolle.

Im hinteren Zimmer, wo in den Regalen eine Reihe von Büchern über Sexualität, Erotik, Masturbation und Fetisch aneinandergereiht sind, finden Kunden auch feministische Pornofilme. "Die Filme kommen ohne sexistischen und frauenfeindlichen Inhalt aus und die Darsteller haben während des Drehs oft Mitspracherecht", erklärt Sara Rodenhizer. Guckt sie denn alle Pornos, die ins Sortiment aufgenommen werden? "Nein", lacht sie, "das schaffe ich zeitlich gar nicht. Aber meine Mitarbeiter und ich tauschen regelmäßig Filmrezensionen aus, damit wir die Kunden richtig beraten können."

Workshops zu Sexthemen

Austausch ist überhaupt ein wichtiger Aspekt des Sexshop-Konzeptes. In verschiedenen Workshops werden interessierte Singles und Paare an Themen wie Bondage (Fesselspiele), Peitschen oder Oralsex herangeführt. Bei letzterem beschränkt sich das Seminar laut Rodenhizer aber aufs Theoretische. "Mit Bananen oder so üben wir da nicht", sagt sie und lacht. Zu den Workshops kommen Menschen unterschiedlichen Alters; die sexuelle Orientierung spielt dabei keine Rolle, ihr sei vor allem die positive Atmosphäre in der Gruppe wichtig. Die Kunden, die den Weg in ihren Laden finden, seien meist über Freunde darauf aufmerksam geworden.

Die 33-Jährige, die auch individuelle Sprechstunden anbietet, kann jedes ihrer Produkte ausführlich beschreiben und stundenlang über Sexspielzeug reden. Zum Beispiel über einen Massagestab, der in den 70er Jahren in vielen Haushalten zu finden war und heute als Neuauflage vor allem als Vibrator der Luststeigerung und Stimulation dient. "Der ist zwar ein bisschen teurer, kann aber mit Dildos kombiniert werden und hat eine tolle Vibration", beschreibt Rodenhizer mit dem pulsierenden Gerät in der Hand und stülpt einen Dildo auf die Vorderseite des Stabs.

Als unser Fotograf gerade ein Foto von ihr machen will, lächelt sie etwas schüchtern und sagt, eigentlich wolle sie nicht so gern auf ein Foto. "Als ich das letztes Mal bei einem Fototermin einen Doppel-Dildo gezeigt habe, haben meine Eltern mich danach verdutzt gefragt: Was hast du denn da in der Hand?", erzählt sie und lacht. "Aber keine Angst, die wissen was ich mache."

Mehr Informationen zum Sexshop unter:

www.other-nature.de



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