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Alterskultur: Wenn sich Stürze zu Hause häufen

Garten der Residenz Dahlem: Das Haus mit 137 Plätzen für Senioren erhielt vom medizinischen Dienst der Krankenkassen die Bestno

Garten der Residenz Dahlem: Das Haus mit 137 Plätzen für Senioren erhielt vom medizinischen Dienst der Krankenkassen die Bestnote 1,0.

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Heimplatz Deutschland

Berlin -

Der Anteil der älteren Menschen in der Gesellschaft nimmt zu. Viele kommen allein zu Hause nicht mehr zurecht. Welche Wohnformen es für Senioren gibt, darüber berichtet der Experte für Alterskultur Konrad Franke in einem jetzt neu aufgelegten Ratgeber mit dem Titel "Gut wohnen im Alter" für Berlin. Franke veröffentlichte bereits mehrere Bücher zu diesem Thema. Er berät zudem Heime, hält Vorträge und wird regelmäßig als Experte zu diesem Themenkomplex gehört.

Herr Franke, was gehört dazu, um im Alter gut wohnen zu können?

Erstmal ist eine gewisse Selbsterforschung nötig. Wie will ich wohnen? Will ich weiter so leben wie bisher und wird das gut sein, wenn ich älter und hilfs- und pflegebedürftig sein werde. Am liebsten will natürlich jeder in seiner Wohnung bleiben. Nur wir alle wissen: So wie es ist, bleibt es nicht.

Wie lange kann man denn in seiner Wohnung bleiben?

Solange man darin gut leben kann. Solange man dort alles tun kann, was man möchte, soll man in der Wohnung bleiben. Tückisch wird es eigentlich erst, wenn man über eine Schwelle, über die man eine Million Mal gegangen ist, plötzlich fällt und sich den Oberschenkelhals bricht. Das passiert in Deutschland jedes Jahr 104 000 Mal. Dann kommt man ins Krankenhaus, dann sagt der Arzt, ach, das bringen wir wieder in Ordnung. Aber das nächste Mal, wenn sie wieder auf die Stelle fallen, wird’s kritisch. Das ist ein Punkt, bei dem man überlegen sollte, was mache ich jetzt.

Eine Wohnung lässt sich doch auch seniorengerecht umbauen?

Ja, man kann sehr viel tun. Man kann zum Beispiel die besagten Schwellen weg nehmen. Man kann den Sanitärbereich umrüsten und zum Beispiel eine hängende Toilette einbauen, damit sie sich unterfahren lässt, oder Haltegriffe montieren, mit denen man besser aufstehen kann. Ebenerdige Duschen sind beliebt, damit man nicht über die Schwelle stolpert. Man kann Küchen in die passende Rollstuhlhöhe bringen. Da gibt es eine Menge, was man in der Wohnung verändern kann. Auch ein Pflegebett kann man sich anschaffen. Alles ist möglich, aber es ist nicht ganz billig.

Welche Wohnformen bieten sich an, wenn man es alleine zu Hause doch nicht mehr schafft?

Als erstes bietet sich betreutes Wohnen an. Das ist in einer seniorengerechten Wohnung, wo man ambulant gepflegt wird. Stolpern kann man dort nicht mehr so leicht. Allerdings kommt der ambulante Dienst dort nur zu verabredeten Zeiten. Was ist, wenn zwischendurch was passiert? Was ist, wenn nachts etwas passiert? Da ist in den meisten Häusern für betreutes Wohnen niemand da. Da müssen sie dann den Notarzt oder die Feuerwehr anrufen. Bis die kommen, kann es manchmal lange dauern.

Dann gibt es als Alternative doch noch Wohngemeinschaften?

Ja, die Senioren-WG. Das sind die sentimentalen Regungen der altgewordenen Achtundsechziger. Ich habe früher selber sieben Jahre in Wohngemeinschaften gelebt. Es ist nur ein Unterschied dabei: Wenn ich damals die Schnauze voll hatte, weil ich immer den Abwasch machen musste, bin ich in die nächste WG gegangen. Das ist für einen alten Menschen schwierig. Doch die schlechte Gewohnheit, dass der am meisten putzen muss, der am hygieneempfindlichsten ist, ist geblieben. Aber ernsthaft: Wenn der erste einen Schlaganfall kriegt - wer pflegt denn denjenigen, wenn der ambulante Dienst nicht da ist? Da sind Senioren-WGs immer in ihrer Existenz gefährdet. Und nichts ist schlimmer, als wenn sich so eine Senioren-WG auflösen muss. Man hat den größten Teil seiner Möbel aufgegeben, man steht als älterer Mensch dann plötzlich auf der Straße.

Bleibt dann also nur noch der Weg ins Heim?

Nein - wenn man den Mut hat, sich jemanden als persönliche Pflegerin ins Haus zu holen. Es gibt die polnische, die rumänische, die aserbaidschanische Lösung. Das sind Frauen, die kommen für einen bezahlbaren Betrag ins Haus, wohnen womöglich bei einem und lösen sich nach einem halben Jahr ab. Das kann man machen. Der Vorteil: Man ist jederzeit in guten Händen. Aber es wäre wichtig, dass die Frauen pflegerisch ausgebildet sind. Nicht jeder kann pflegen. Der Nachteil ist: Ich könnte mir vorstellen, dass mir das Verhältnis manchmal zu nahe ist. Das sollte jeder prüfen. So etwas aufzulösen ist unglaublich schmerzhaft. Und: Eine Lösung für alle ist das auch nicht. Wir können nicht jeder unseren Leibeigenen haben. Dann bleibt in der Tat das Heim.

Wann ist es ratsam, in ein Heim zu ziehen?

Wenn man Heime kennt und nicht von Vorurteilen beherrscht ist. Und dann, wenn man noch nicht pflegebedürftig ist, aber an den zunehmenden Zipperlein merkt, dass man nicht mehr alleine in seiner Wohnung zurecht kommt.

Woran lässt sich ein gutes Heim erkennen?

Das ist schwierig. Man muss immer prüfen, welche Bedürfnisse habe ich. Wer Angst vor Höhen hat, sollte nicht in den elften Stock ziehen. Wer einen Garten liebt, sollte prüfen, ob der Garten groß genug und gepflegt ist. Ob das Haus einladend ist, das ist ganz wichtig. Man muss schon im Eingang spüren: Hier bin ich willkommen. Dann würde ich den Geruch prüfen. Und: wie sieht die Gestaltung aus? Spricht es mich an oder richtet sich das Haus an Leute, die eigentlich ein Fünf-Sterne-Hotel wollen? Außerdem würde ich darauf achten, wie die Beschäftigten miteinander reden. Wenn da geschimpft und geschrien wird - das wäre nicht meine Art des Umgangs. Dann würde ich mir den Speisezettel angucken und die Räume, die für alle vorgesehen sind. Also Clubräume, Aufenthaltsräume. Ich würde mit der Pflegedienstleitung reden, wie sie mit Stürzen und ihrer Verhütung umgehen, ob es regelmäßige Visiten gibt. All diese Dinge würde ich klären.

Wie ist es um die Berliner Heime bestellt?

Pauschal gesagt: gut. Sie liegen in ihrer Qualität, wenn man dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) glauben darf, über dem bundesweiten Durchschnitt. Die ambulanten Pflegeeinrichtungen haben in Berlin die Durchschnittsnote 1,6, im Bundesdurchschnitt 1,8. Die stationären Einrichtungen haben die Durchschnittsnote 1,3, im Bundesgebiet 1,4 - das finde ich höchst erstaunlich.

Was haben Sie denn gesehen an guten und weniger guten Heimen?

Namen werde ich nicht nennen, aber es gibt überall Heime mit einem höheren und einem niedrigeren Anspruch. Die sind alle auf ihre Weise gut gemacht und treffen den Geschmack ihrer Klientel ziemlich genau. Da habe ich in Berlin keine negativen Überraschungen erlebt.

Macht es Sinn, in den Heimen zur Probe zu wohnen?

Unbedingt. Das empfehle ich immer. Sich mal für eine Woche niederzulassen. Es ist schließlich eine Entscheidung fürs Leben. Es ist doch die letzte Wohnung. Und warum soll die letzte Wohnung unsere schlechteste sein?

Wie gut sind die Heime auf Demenzkranke eingestellt?

Da kriegen die Heime noch relativ häufig eine ungünstige Note. Mit Demenz müssen wir generell besser lernen umzugehen. Wir alle. Die meisten von uns haben noch gar keine Vorstellung, was das ist. Wir werden es aber lernen in dem Maße, wie Demenz zunimmt und uns im Alter gegenüber tritt.

Worauf ist da besonders zu achten?

Auf Einfühlung. Man muss sich versetzen in jemanden, dessen Gehirn nicht mehr so funktioniert wie das eigene. Es gibt kein Mittel gegen Demenz. Wir müssen damit leben. Und wir sollten daran denken, dass uns das auch passieren kann.

Wie teuer ist ein Platz im Heim?

In Berlin sollte man für jemanden mit der Pflegestufe 1 und einem Einzelzimmer mit Kosten zwischen 75 und 90 Euro am Tag rechnen. Das ist realistisch. Bei 90 Euro kommen im Monat 2700 Euro zusammen. 1023 Euro zahlt bei Pflegestufe 1 die Pflegekasse, der Rest bleibt bei Ihnen. Für 90 Euro kriegen Sie was sehr Anständiges.

Der medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) muss beurteilen, ob jemand eine Pflegestufe erhält. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Einstufung gemacht? Wird der Pflegebedarf angemessen beurteilt?

Es gibt den Verdacht, dass der MDK milde urteilt, wenn die Kasse mehr Geld hat, und härter urteilt, wenn sie weniger Geld hat. Ich habe diesen Vorwurf eigentlich nicht bestätigt gesehen. Was hinderlich ist: dass sich viele ältere Menschen vor dem MDK genieren zu zeigen, was sie nicht mehr können. Sie strengen sich dann wahnsinnig an und tragen auf diese Weise zu einer falschen Beurteilung bei. Und auf einmal wird gesagt, nein, das ist noch keine Pflegestufe.

In Berlin sind Pflegedienste in die Schlagzeilen geraten, weil sie Leistungen abgerechnet haben sollen, die sie nicht erbracht haben. Wie ist ein guter von einem schlechten Pflegedienst zu unterscheiden?

Das ist ganz schwierig. Eigentlich müssten die älteren Damen und Herren beziehungsweise ihre Söhne und Töchter prüfen, ob die abgerechneten Leistungen wirklich erbracht wurden. Die Älteren sind nur oft nicht in der Lage, die Abrechnungen wirklich zu prüfen, und die Töchter und Söhne sind oft genug nicht da. Daher ist die Versuchung der ambulant Pflegenden relativ groß, hier und da ein bisschen zu schönen. Ich würde empfehlen, die ambulanten Pflegedienste sollten einen Kodex entwickeln, in dem steht, was anständig und was unanständig ist. Den werden sie auf Dauer gesehen auch brauchen, sonst wird ihre Arbeit generell diskreditiert, und das können sie sich nicht leisten.

Was werden Sie machen, wenn sie zu Hause nicht mehr zurecht kommen?

Ich werde in ein Heim gehen. Ich habe da auch schon zwei oder drei im Auge.