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Anmeldung für Berliner Oberschulen: John-Lennon-Gymnasium setzt auf Aufnahmetests im Auswahlverfahren

Das John-Lennon-Gymnasium in Berlin-Mitte.

Das John-Lennon-Gymnasium in Berlin-Mitte.

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imago stock&people

Jochen Pfeifer müsste das nicht machen. Wenn in diesen Tagen die Anmeldungen der Grundschüler beim John-Lennon-Gymnasium in Mitte eingehen, dessen Direktor er ist, dann könnte er die Bewerbungen in einem Stapel sammeln und nach Noten sortieren. Die oberen 128 bekommen einen Platz. Alle anderen nicht. So machen es die meisten weiterführenden Schulen in Berlin.

Pfeifer und seine Kollegen gehen einen anderen Weg. „Wir wissen, dass Schulnoten nicht alles über einen Schüler sagen, was wir wissen wollen“, erklärt er. Darum gibt es am Lennon-Gymnasium einen Aufnahmetest, den alle Kinder absolvieren müssen. Eine Stunde lang müssen sie Anfang März verschiedene Aufgaben lösen. Zwei Faktoren beeinflussen die Entscheidung über ihre Aufnahme – neben dem Losverfahren, das es an begehrten weiterführenden Schule gibt. Zu 50 Prozent ist es ihr Notenschnitt der Grundschule. Die anderen 50 Prozent sind das Testergebnis.

Vergabe nicht objektiv

Für das Kollegium des John-Lennon-Gymnasiums bedeuten die Aufnahmetests zusätzliche Arbeit. Tests müssen konzipiert und ausgewertet werden, Lehrer müssen Aufsicht führen. Lohnt sich die Mühe? Ja, sagt Pfeifer. Denn die Notenvergabe der Grundschulen sei nun einmal nicht objektiv. „Wir bekommen Anmeldungen von Schülern aus vierzig unterschiedlichen Grundschulen.“ Ähnlich starke Schüler würden sehr unterschiedlich bewertet. „Ich bin nicht prinzipiell gegen Noten“, sagt Pfeifer. Sie spiegelten die Leistungsunterschiede innerhalb einer Schule gut wider. Aber zwischen den Schulen eben nicht.

Mit seiner Skepsis steht Pfeifer nicht allein. In vielen Bundesländern wächst die Offenheit für alternative Bewertungssysteme. Das rot-grün regierte Schleswig-Holstein etwa hat seinen Grundschulen freigestellt, sie ganz abzuschaffen. Stattdessen werden Fähigkeiten der Schüler in einem Kompetenzraster bewertet. Auch in Berlin können Schulen bis zur 8.?Klasse auf Noten verzichten und die Leistungen stattdessen verbal beurteilen. Doch nur wenige nutzen diese Möglichkeit.

Dominik Retschke (Name geändert) unterrichtet an einer großen Integrierten Sekundarschule in einem West-Berliner Außenbezirk, die schon vor mehreren Jahren die Benotung bis zur achten Klasse abgeschafft hat. Er berichtet von einem erstaunlichen Effekt. „Die Zahl der Gewaltvorfälle ist seitdem drastisch gesunken“, sagt er. Für ihn ist der Zusammenhang klar: Die Schüler hätten weniger Frusterlebnisse, darum sinke auch ihre Aggression.

Im Interesse der Schüler und der Schule

Sicher, Zeugnisse zu schreiben sei umständlicher geworden für ihn. Dutzende Texte muss er zum Ende jedes Halbjahrs schreiben und sie den Schülern anschließend im Gespräch erläutern. Doch die Arbeit zahlt sich für ihn aus. „Mit den verbalen Beurteilungen erreiche ich die schwächeren Schüler.“ Motiviertere Schüler – besserer Unterricht. Das ist Retschkes Gleichung.

Ohnehin ist die Notengebung zahlreichen Faktoren unterworfen – und die Leistung der Schüler ist nur einer davon. Dagmar Staminski (Name geändert) unterrichtet ebenfalls an einer Sekundarschule. Mehr als 80 Prozent der Schüler stammen aus Familien, in denen nicht Deutsch gesprochen wird. Nur wenige bringen gute Leistungen. Der Notenspiegel aber sinkt nicht. „Wir wollen, dass so viele Schüler wie möglich einen Abschluss schaffen.“ Im Zweifel werde nachverhandelt zwischen Klassen- und Fachlehrern, damit fehlende Punkte zusammenkommen.

Im Interesse der Schüler ist das zweifellos. Im Interesse der Schule ist es auch, denn sie steht in einem schlechten Licht, wenn viele Schüler ohne Abschluss abgehen – an Dagmar Staminskis Schule sind es immer noch rund zwanzig Prozent. Aber die Aussagekraft der Noten nimmt weiter ab. Und die Aussagekraft der Abschlüsse mit ihnen.

Abitur oft Voraussetzung

Dominik Retschke findet es falsch, dass in den Integrierten Sekundarschulen mehr und mehr Schüler in die Oberstufe wechseln – war dafür einst ein Notenschnitt von neun Punkten nötig, also eine gute Drei, so sind es inzwischen nur noch sieben. „Die Oberstufe wird zum Sammelbecken für Schüler, die überhaupt nicht vorhaben, jemals eine Hochschule zu besuchen“, sagt er. „Wir haben dort viel größere Disziplinprobleme als früher.“ Verdenken kann er den Schülern ihre Entscheidung aber nicht. „Bei vielen Unternehmen und auch im öffentlichen Dienst braucht man sich ohne Abitur kaum noch um eine Ausbildung zu bewerben.“ Am Ende ihres Bildungswegs sind die Schüler angewiesen auf vorzeigbare Zeugnisse. Mag in den Grundschulen noch so viel über alternative Bewertungsmethoden diskutiert werden: Arbeitgeber wollen Noten. Egal, wie sie zustande kommen.