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Anonyme Bewerbung in Berlin: Eine Chance für Hatice und Mustafa

Berlin startet ein Pilotprojekt zur diskriminierungsfreien Bewerbung.

Berlin startet ein Pilotprojekt zur diskriminierungsfreien Bewerbung.

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imago/Russian Look/Fotoimedia

Die Anzeige, mit der das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi) ab Freitag in Zeitungsanzeigen und im Internet nach Personal sucht, unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von den üblichen Stellenausschreibungen der Verwaltung. Nur ein kleines rotes Logo „Vielfalt fördern, anonym bewerben“ und eine Erläuterung im Text weisen darauf hin, dass es sich bei der Ausschreibung für „Arbeitsschutzoberinspektor-Anwärter/innen bzw. Referendare“ um eine Premiere in der Berliner Verwaltung handelt.

Erstmals werden dort im Rahmen eines Pilotprojekts Stellen mittels eines anonymisierten Bewerbungsverfahrens ausgeschrieben. Damit soll Diskriminierung möglichst verhindert und eine objektivere, zielgenauere und bessere Personalauswahl gefördert werden, sagt Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD), die das Projekt initiiert hat.

Kein Name, kein Foto

Unterstützung findet der Versuch bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Deren Chefin Christine Lüders verweist besorgt auf eine vor wenigen Tagen vorgestellte Studie, die zeigt, dass Bewerber mit türkischen Namen gegenüber solchen mit deutschen Namen benachteiligt werden. In der Studie hatte der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) bundesweit rund 3600 fiktive Bewerbungen von gleich gut qualifizierten männlichen Bewerbern mit türkischen und deutschen Namen für die Ausbildungsberufe Kfz-Mechatroniker und Bürokaufmann verschickt.

Ergebnis: Um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, muss ein Kandidat mit einem deutschen Namen durchschnittlich fünf Bewerbungen schreiben, ein Bewerber mit türkischem Namen sieben. Diese Vorurteils-Hürde soll im Berliner Modellprojekt entfallen.

Wer sich beim Lagetsi bewerben will, muss dazu ein Formular ausfüllen, in dem er seine Qualifikation und Motivation einträgt. Dabei soll die geschlechtsneutrale Form („ich habe als Ingenieur/in gearbeitet“) gewählt werden. „Vermeiden Sie dabei Angaben, die Rückschlüsse auf Ihre Religion oder Weltanschauung, Ihr Alter, Ihr Geschlecht, Ihre sexuelle Identität, Ihre ethnische oder soziale Herkunft, Ihren Familienstand oder eine Behinderung zulassen“, empfiehlt die Behörde.

Fotos und Namen sind erstmal tabu. Die Personalverantwortlichen des Lagetsi treffen ihre Auswahl, wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, auf dieser neutralen Grundlage. Erst vor dem Gespräch erfahren die Personaler, ob hinter den formal Besten eine alleinerziehende Mutter, ein Migrant oder ein behinderter Bewerber steht – die man im normalen Verfahren wegen unterschiedlicher Bedenken vielleicht aussortiert hätte.

Wer will, darf alles angeben

Gegen unbewusste Vorbehalte sei die anonyme Bewerbung ein gutes Mittel, berichtet Jockel Birkholz, Personalchef der niedersächsischen Stadt Celle. Die dortige Verwaltung hatte das Verfahren 2010-2012 im Rahmen eines bundesweiten Versuchs erprobt und will es beibehalten. Das anonymisierte Verfahren zwinge dazu, das eigene Entscheidungsverhalten zu überprüfen, sagt Birkholz. „Man fragt sich jetzt: Wenn ich nach einem Blick aufs Bewerberfoto die Mappe aussortiere – was schwingt da eigentlich unbewusst mit?“ Man habe auch Bewerber angehört, die man vorher ignoriert hätte.

Positive Diskriminierung ist in dem Verfahren wegen gesetzlicher Vorschriften aber möglich. Wer sich beim Lagetsi bewirbt, und etwa seinen Migrationshintergrund samt Kenntnis anderer Kulturen und Sprachen als Qualifikation positiv herausstellen will, kann dies in dem Formular bewusst angeben.


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