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Berliner Zeitung | Antisemitismus unter Migranten: „Ich hasse alle Juden“
17. October 2013
http://www.berliner-zeitung.de/4466798
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Antisemitismus unter Migranten: „Ich hasse alle Juden“

Schon das Tragen einer Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung, kann ausreichen, um angefeindet zu werden.

Schon das Tragen einer Kippa, der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung, kann ausreichen, um angefeindet zu werden.

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dpa

Berlin -

Rabbiner Daniel Alter verkleidet sich. Denn wenn Jugendliche in Berlin seine Kippa sehen, muss er mit Anfeindungen, ja sogar mit Gewalt rechnen. Besonders - da formuliert Alter vorsichtig - bei Teenagern „mit türkischem oder arabischem Background“. „Ich hasse alle Juden“, habe ihm ein Junge an einer Bushaltestelle entgegengeschleudert. „Ich habe ihn gefragt, wie viele er denn kennt. Da mussten wir beide lachen“, erzählt der Rabbiner. Nicht immer geht es so gut aus.

Alter hat auch Gewalt erlebt. Doch darüber redet er nicht gern. Lieber über die große Solidarität, die seine Familie nach dem Überfall im August vergangenen Jahres erfuhr. Aber er sagt auch: „Für Menschen, die sich öffentlich als Juden zu erkennen geben, gehört Antisemitismus zum alltäglichen Leben.“ Pöbeleien, judenfeindliche Graffiti auf dem Spielplatz, das sei normal in Berlin.

Dem Antisemitismus-Bericht im Auftrag des Bundestags zufolge hat etwa jeder fünfte Deutsche latent antisemitische Denkmuster. Alter geht nach Gesprächen mit Experten davon aus, dass die Prozentwerte in der islamischen Community bis zu doppelt so hoch sind.

Das will die Leiterin des bundesweiten Projekts „Schule ohne Rassismus“, Sanem Kleff, so nicht stehen lassen. Es gehe nicht um die Religion, darum, ob Jugendliche muslimisch seien, sagt die in Ankara geborene Pädagogin in einer Diskussionsrunde. Entscheidend für antisemitische Einstellungen sei vielmehr, ob die Jugendlichen familiär mit dem Nahostkrieg verbunden seien, ob ihre Familie eine politische Weltsicht vertrete, die sich von Israel und jüdischen Menschen distanziert.

Verschwörungstheorien über Judenherrschaft

Auf vielen Berliner Schulhöfen ist das Wort Jude jedenfalls wieder zum Schimpfwort geworden. In der Art ihrer „Hass-Rede“ unterschieden sich Jugendliche mit deutschem oder migrantischem Hintergrund dabei kaum, hat die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, beobachtet. „Sie schaukeln sich gegenseitig hoch.“ Doch zeigten Jugendliche mit Migrationshintergrund ihre Judenfeindlichkeit oft offener, gewalttätiger. Es gehe um Israel-Hass, aber auch Verschwörungstheorien über die Herrschaft der Juden an der Wall Street oder in Hollywood.

Lehrer seien da häufig überfordert, sagt die Jüdin Anne Goldenbogen. Sie geht für die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus in die Schulen und konfrontiert Schüler unterschiedlicher Herkunft mit dem Thema Judenfeindlichkeit. Viele muslimische Jugendliche seien nicht einmal persönlich vom Nahostkonflikt betroffen, solidarisierten sich aber, weil das Muslimisch-Sein ein wichtiger Identitätsfaktor für sie sei. Bei deutschen Jugendlichen dagegen habe Antisemitismus oft eine andere Ursache. „Der ist eher vergangenheitsbezogen nach dem Motto „Ich will nichts mehr vom Zweiten Weltkrieg hören.“

Die Versuche der Schulen, gegen diese Judenfeindlichkeit anzugehen, seien oft hilflos, haben die Experten beobachtet. Nur wenige können wie eine Berliner Sekundarschule eine Patenschaft mit dem Jüdischen Museum eingehen. Dabei helfe persönlicher Kontakt am besten, hat Rabbiner Alter erlebt. Eben so wie mit dem Jungen an der Bushaltestelle. „Doch dafür gibt es zu wenige von uns.“ (dpa)