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Arbeitskampf: Lehrer streiken zum Abitur

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Berlins Abiturienten des Jahrgangs 2013 werden bald am eigenen Leib Arbeitskampf zu spüren bekommen.

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Berlins Abiturienten des Jahrgangs 2013 werden bald am eigenen Leib Arbeitskampf zu spüren bekommen.

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dpa

Berlin -

Könnte sein, dass das Abitur 2013 als Streik-Abitur in die Geschichte eingeht. Doch dabei geht es nicht etwa um die Erfüllung von Pennälerträumen – es werden Lehrer sein, die Teile des Abiturs und der Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss (MSA) bestreiken. Für Unruhe sorgen sie damit jetzt schon. Und sie scheinen fest entschlossen zu sein, am 23. April sowie von 13. bis 17. Mai zu streiken.

Nun stehen bei den angestellten Lehrern Berlins die Signale auf Streik. Am Dienstagnachmittag wurde bekannt, dass die Tarifkommission der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ihrer Tarifpolitischen Konferenz folgt. Diese hatte Ende voriger Woche für „weitere Arbeitskampfmaßnahmen“ plädiert. Nun muss noch der GEW-Landesvorstand zustimmen und dann zum Streik aufrufen. Damit wird am Montag kommender Woche gerechnet. Dieses Prozedere skizzierte Sprecher Tom Erdmann am Dienstag. Eine Zustimmung gilt als sicher. Am Ende wird es wenig mehr als eine Formalie sein.

Eine Zustimmung würde bedeuten, dass die 9000 angestellten Lehrer des Landes Berlin (ihnen stehen 20.000 verbeamtete Kollegen gegenüber) am 23. April zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen werden. Sie sollen auch vom 13. bis 17. Mai streiken. Ziel ist es, eine Ungleichbehandlung, wie sie die GEW festgestellt hat, zwischen Angestellten und Beamten zu beenden.

Geordneten Ablauf stören

Pikant ist, dass der Zeitpunkt mitten im Abitur bewusst gewählt wurde. Mit den Streiks „wollen wir den geordneten Ablauf stören“, sagt Florian Bublys, angestellter Lehrer an einer Schule in Tiergarten und Sprecher der Initiative „Bildet Berlin“, die eine Gleichstellung von Angestellten fordert. Auch im öffentlichen Dienst werde dort gestreikt, wo es spürbar sei, sagt Bublys. Nur so seien Ziele zu erreichen.

Spürbar wird dieser Streik vor allem für die Schüler. Am 23. April steht für die Zehntklässler die zentrale MSA-Prüfung in der Ersten Fremdsprache an und für die Abiturienten die zentrale Klausur für den Leistungskurs Biologie. Gut möglich, dass statt des bekannten angestellten Lehrers plötzlich ein anderer verbeamteter Lehrer die Aufsicht führt. Kein Problem, sagt Bublys, die Aufsicht dürfe den Prüflingen ohnehin nicht helfen. Mündliche Prüfungen, die wegen der Streiktage im Mai ausfallen würden – hierbei muss der Prüfer, der den Schüler vorbereitet hat, anwesend sein –, könnten nachgeholt werden. Alle Prüfungen könnten ordnungsgemäß stattfinden, die Schüler würden in ihrer Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt. Im Gegenteil, so Bublys: „Sie haben noch eine Woche länger Zeit sich vorzubereiten.“

Immer weniger Verständnis

Doch es gibt Kritik. So bedauert der Landesschulbeirat, ein Gremium aus Lehrern, Schülern und Eltern, den Streik „zutiefst“. Zwar bestehe Streikrecht, doch auf diese Weise erreichten die Initiatoren „immer weniger Verständnis bei den betroffenen Schülern und Eltern“, erklärte die Vorsitzende Dunja Wolf.

Auch der Landeselternausschuss (LEA) ist mit dem Arbeitskampf „überhaupt nicht einverstanden“, sagt André Nogossek, amtierender Vorsitzender des LEA. Hier werde ein politischer Konflikt „zulasten der Schwächsten ausgetragen“. Er spricht von einer „unerträglichen Erpressung auf dem Rücken der Kinder“. Die Abitur-Situation sei Stress genug (Nogossek: „Ich sehe das gerade aktuell bei meiner Tochter“), da könne jede Ablenkung verunsichern. Kurzum: Die Eltern wollten sich nicht vor den Karren der Lehrer spannen lassen und blieben bei ihrer Ablehnung. Stattdessen appelliere er an das pädagogische Gewissen, so Nogossek: „Ein Lehrer muss doch für seine Schüler da sein. Er ist kein Verkäufer. Der muss seine Kasse schließlich nicht lieben.“

Es sind solche Argumentationen, die Streik-Initiator Bublys in Not bringen. „Unsere emotionale Bindung zu unseren Schülern wird als moralische Keule gegen uns verwandt“, sagt er. Hier gehe es um ein historisch hart erkämpftes Recht, sagt der Lehrer für Politik. Das sei übrigens auch regelmäßig Thema in seinem Unterricht. Am Ende wird auch Bublys emotional: „Wir sind keine egoistischen Kinderquäler.“



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