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Asbest-Urteil: Mieter haben Anspruch auf Entschädigung

Wie viele Wohnungen es in Berlin gibt, in denen asbesthaltige Platten verbaut wurden, ist unklar. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht.

Wie viele Wohnungen es in Berlin gibt, in denen asbesthaltige Platten verbaut wurden, ist unklar. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht.

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Thomas Uhlemann

Berlin -

Das Berliner Landgericht hat die Rechte von Mietern gestärkt, die in einer Wohnung mit asbesthaltigen Fußbodenplatten leben. Das Gericht sprach einer Familie mit drei Kindern das Recht auf Schadensersatz zu, falls eines der Kinder später durch Asbestfasern krank werden sollte. Die Entscheidung fiel am 21. Dezember 2012, wie der Rechtsanwalt der Familie, Sven Leistikow, am Montag sagte.

In der früheren Wohnung der Familie in der Charlottenburger Seelingstraße waren im Sommer 2005 im Flur beschädigte Vinylasbestplatten „ohne besondere Staubschutzvorkehrungen entfernt worden“, stellte das Gericht in seiner Entscheidung fest. Die betreffenden Fußbodenplatten seien nach der glaubhaften Schilderung der Eltern mit Meißel, Spaten und Hammer entfernt worden. Eine anschließende Dekontamination habe nicht stattgefunden. Materialreste blieben in der Wohnung zurück und wurden von den Eltern weggefegt, die von der Asbestgefahr nichts wussten. Nach Meinung der Richter muss davon ausgegangen werden, dass sich Asbestfasern sowohl im Staub als auch in der Luft der Wohnung befunden haben. Es könne daher „nicht ausgeschlossen werden, dass sich Asbestfasern in der Lunge oder im Rippenfell der Kläger festgesetzt“ haben. Zwar habe ein Sachverständiger festgestellt, dass das Risiko einer tödlichen Tumorerkrankung infolge der unsachgemäßen Asbestsanierung sehr gering sei, allerdings sei das Risiko einer Erkrankung in dem Gutachten nicht ausgeschlossen worden. Das Landgericht hielt die Ansprüche der Familie deswegen für berechtigt. Dabei sei zu berücksichtigen, „dass bereits eine Asbestfaser zu entsprechenden Erkrankungen führen“ könne, auch wenn dies statistisch nur einen Fall unter 25.000 Einwohnern treffe. Die Richter verdonnerten die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag dazu, den Kindern alle Schäden, „die ihnen aus der Gesundheitsgefährdung, die durch den Asbestkontakt in den Mieträumen“ entstanden sind oder noch entstehen, „zu ersetzen“.

Zahl der Berliner Asbest-Wohnungen unklar

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Wohnungsbaugesellschaft Gewobag erklärte auf Anfrage, dass sie in Revision gehen wolle. Mieter-Anwalt Sven Leistikow sagte, sein Ziel sei es, dass die Gewobag allen Mietern mit ähnlichen Problemen zusage, für eventuelle Spätfolgen aufzukommen – „damit nicht jeder prozessieren muss“.

Der Berliner Mieterverein (BMV) begrüßte das Landgerichtsurteil. Mit der Entscheidung könne nun „Druck auf die notwendige Sanierungstätigkeit der Wohnungsunternehmen ausgeübt werden“, sagte BMV-Geschäftsführer Reiner Wild.

Wie viele Wohnungen es in Berlin gibt, in denen asbesthaltige Platten verbaut wurden, ist unklar. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht. Nach Angaben des Mietervereins verfügten im Jahr 2000 aber allein die sechs städtischen Wohnungsunternehmen über 62.800 Wohnungen mit solchen Fußbodenplatten. Berlinweit dürfte die Zahl damals laut Wild bei mindestens 100.000 gelegen haben. Unterstelle man eine Sanierungsrate von drei Prozent pro Jahr, dann gäbe es immer noch mehr als 60.000 Wohnungen mit asbesthaltigen Platten in Berlin, rechnet Wild vor. Er rief die Vermieter dazu auf, die Instandsetzung der Böden unverzüglich und fachgerecht in die Wege zu leiten. Der Grünen-Abgeordnete Andreas Otto sagte, die Asbestgefahr in Wohngebäuden werde unterschätzt. Er forderte „eine umfassende Analyse des Gefahrenpotenzials“.