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Asbest-Wohnungen in Berlin: Asbest - Verharmlosen, verschweigen, leugnen

Degewo-Wohnblock in der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf: Erst im vergangenen Jahr haben die Mieter und Eigentümer erfahren, dass in ihren Wohnungen asbesthaltige Bodenplatten liegen.

Degewo-Wohnblock in der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf: Erst im vergangenen Jahr haben die Mieter und Eigentümer erfahren, dass in ihren Wohnungen asbesthaltige Bodenplatten liegen.

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Markus Wächter

Die Überraschung kam mit dem Kaufvertrag. Seit Jahren lebt Christian Schmidt* in einer Mietwohnung in Neukölln. Als ihm vor kurzem die Wohnung zum Kauf angeboten wurde, las er im Vertrag erstmals von Asbestbelastung. Christian Schmidt war empört.

„Bis heute werden Mieter über den Zustand ihrer Wohnung nicht aufgeklärt“, sagt Schmidts Rechtsanwalt Sven Leistikow. Er vertritt mehr als 200 Mieter in Berlin, die in Wohnungen mit Asbest leben. Mal leugne die Verwaltung die Belastung, sagt Leistikow, mal werde die Gefahr verharmlost.

Asbest findet sich vor allem in Gebäuden, die in den 60er- bis 80er-Jahren errichtet wurden. Das krebserregende Material steckt in Abwasserrohren, Balkonbrüstungen, Blumenkästen, Fassadenplatten und besonders häufig in Fußbodenbelägen. Nach Schätzungen des Berliner Mietervereins (BMV) sind in mindestens 70 000 Wohnungen solche Bodenbeläge zu finden. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Die landeseigenen Wohnungsunternehmen, die etwa 15 Prozent der Berliner Wohnungen verwalten, gehen von etwa 48 000 Wohnungen mit solchen Vinyl-Asbest-Platten in ihren Beständen aus. Wohnungen von privaten Vermietern sind nicht mitgerechnet. „Da tickt eine Zeitbombe“, sagt BMV-Geschäftsführer Reiner Wild. Vermietern drohen Sanierungskosten in dreistelliger Millionenhöhe. Mieter und Vermieter im Ostteil Berlins können übrigens aufatmen. Dort wurden keine Vinyl-Asbest-Platten verbaut.

Nur langsam wird bekannt, welche Wohnungen betroffen sind. Dazu zählen zum Beispiel die Hochhaussiedlung Mariengrün in Marienfelde, der Wohnkomplex an der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf, am Klausenerplatz in Charlottenburg und an der Falkenseer Chaussee in Spandau.

Auf Anfrage dieser Zeitung bestätigte die landeseigene Gesobau, dass auch im Märkischen Viertel Asbest gefunden wurde, wo 13 000 Wohnungen bis Ende 2015 modernisiert werden. Die Asbestsanierung wird die Modernisierung um etwa 55 Millionen Euro verteuern.

Die landeseigenen Vermieter haben nach Angaben des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) die betroffenen Mieter informiert. Der BBU versucht zu beruhigen: Die im Wohnungsbau verwendeten Produkte, wie Fußbodenplatten, zählten „zu den festgebundenen Asbestprodukten, von denen im unbeschädigten Zustand keine Gesundheitsgefahren durch die Freisetzung von lungengängigen Asbestfasern“ ausgehen. Es bestehe daher kein Ausbaugebot, so die BBU-Sicht.

Anwalt Leistikow hält dem entgegen: „Beim Einbau wurden die Platten angeschnitten, um sie passgerecht im Raum verlegen zu können.“ An diesen Stellen können Fasern austreten. Der Mieterverein will ebenfalls nicht warten. Vereinschef Wild fordert einen Sanierungsfahrplan. Außerdem müssten alle Vermieter über Asbest in ihren Wohnungen informieren.

Doch selbst dort, wo Häuser modernisiert werden, bleiben Vinyl-Asbest-Platten mitunter unangetastet. Im Märkischen Viertel etwa werden intakte Bodenbeläge nicht ausgebaut. Nur aus Bädern werden sie systematisch entfernt. Hinzu kommt, dass selbst sanierte Wohnungen mitunter nicht sauber sind. Denn bis Mitte 2012 mussten nur die Platten entfernt werden, nicht aber der ebenso belastete Kleber. Diese Wohnungen müssen Experten zufolge erneut saniert werden.

Minderung und Schadenersatz

Besonders ärgerlich ist der Verkauf asbestbelasteter Wohnräume. So hat die Rentnerin Hannelore L. im Juni 2000 eine Zweizimmerwohnung in der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf erworben. Der Eigentümer, die landeseigene Degewo, hatte die Rentnerin informiert, dass in dem Gebäudekomplex Asbest verbaut wurde.

Die Degewo schrieb in den Vertrag: „Das Wohneigentum wird verkauft, wie es steht und liegt, unter Ausschluss jeglicher Sachmängelgewährleistung des Verkäufers, der jedoch erklärt, dass ihm von Hausschwamm, Trockenfäule oder Holzbockbefall nichts bekannt ist“.

Hannelore L. fühlt sich getäuscht. „Mit diesem Wissen hätte ich die Wohnung nicht gekauft.“ Einige der betroffenen Fußbodenplatten seien bereits zerbrochen. „In diesem Zustand kann ich die Wohnung nicht weiter verkaufen.“

Hannelore L. fordert über ihren Anwalt Sven Leistikow eine Minderung des Kaufpreises und Schadenersatz. Die Anwälte der Degewo aber bestreiten, dass asbesthaltige Platten in der Wohnung liegen. Falls doch solches Material eingebaut worden sei, hätten die zuständigen Sachbearbeiter keine Kenntnis davon gehabt, also auch nicht aufklären können.

Diese Zeitung hat alle sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften sowie die GSW und die Deutsche Wohnung gefragt, wie viele asbestbelastete Wohnungen sie verkauft haben, ohne dies den Käufern mitzuteilen. Beantwortet haben sie diese Frage nicht.

*Name von der Redaktion geändert