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Asyl für die Flüchtlinge: Mattenlager im Atelier

Provisorische Unterbringung: Nach elf Tagen Hungerstreik und sechs Tagen ohne Wasser sind die Flüchtlinge in die Gitschiner Straße umgezogen.

Provisorische Unterbringung: Nach elf Tagen Hungerstreik und sechs Tagen ohne Wasser sind die Flüchtlinge in die Gitschiner Straße umgezogen.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Der Anfang ist chaotisch, vor allem, weil 25 Menschen auf einmal untergebracht werden mussten. Der Montagmorgen beginnt in der Gitschiner Straße in Kreuzberg deshalb mit Aufräumen. Matten werden zusammengerollt, Schlafsäcke eingepackt. Dann findet ein Hausplenum statt. Schließlich wollen sich die eigentlichen Nutzer dieses Hauses, die Mitarbeiter und ihre neuen Gäste nun erstmal beschnuppern. Am Wochenende ist eben alles sehr schnell gegangen. Hals über Kopf. Ein Provisorium. Aber immerhin eins, das funktioniert.

Es ist wohl dem Einsatz von Bischof Markus Dröge und dem Präsidenten des Diakonischen Werkes, Johannes Stockmeyer, zu verdanken, die Gespräche zwischen Politikern und den Flüchtlingen vermittelt haben, dass die Flüchtlinge vom Brandenburger Tor ihren Hunger- und Durststreik am Sonnabend unterbrochen haben. Anschließend sind die Menschen in die Räume der Kreuzberger Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion eingezogen. „Wir mussten diesen geschwächten Leuten einfach helfen. Wir hatten den Eindruck, dass Leib und Leben in Gefahr ist“, sagt Peter Storck, einer der Pfarrer dieser Gemeinde, die in Kreuzberg verschiedene Einrichtungen für arme Menschen betreibt. Dazu zählt auch das Zentrum Gitschiner 15.

Der Druck ist nun erstmal geringer geworden. Das Kulturzentrum der Kirche verfügt über große Räume, es gibt Duschen, Toiletten, Essen und sogar eine Kleiderkammer. Das Haus ist auf eine Unterstützung armer Menschen spezialisiert. Durch Kunst und Kulturprojekte sollen sie gestärkt werden. „Die Schwächsten sollen eine Stimme haben“, wie Pfarrer Storck es formuliert. Ihre grundlegenden Bedürfnisse können sie nebenbei dort auch noch befriedigen.

Nun schlafen die 25 Flüchtlinge im Atelier, wo sonst Bilder gemalt und Postkarten gestaltet werden. „Das ist allerdings keine Dauer- sondern eine Interimslösung. Wir haben ja nicht mal Betten für die Leute“, sagt Storck. Erstmal scheint die Sache aber zu funktionieren. Die Gäste seien von den eigentlichen Nutzern dieses Hauses freundlich aufgenommen worden, sagen Mitarbeiter. Es herrsche ein solidarisches Gefühl, weil man eben gemeinsam elend dran sei.

Es ist kein Zufall, dass die Flüchtlinge gerade in dieser Gemeinde Zuflucht gefunden haben. 125 Jahre wird die Heilig-Kreuz-Kirche am kommenden Wochenende alt. Das soll gefeiert werden mit einem Picknick im Kirchenraum und einem Festgottesdienst mit dem Bischof. Die Gemeinde wird sich in Gesprächskreisen mit der Lebenssituation der 5 800 Mitglieder befassen.

Flüchtlinge gehören seit vielen Jahren dazu. Es war die Heilig-Kreuz-Gemeinde, die 1983 das erste Kirchenasyl in der Bundesrepublik gewährte. Eine verzweifelte palästinensische Familie stand damals vor der Gemeindetür. Die Familie sollte abgeschoben werden. Die Gemeinde bot Zuflucht, brachte drei palästinensische Familien unter. Ein halbes Jahr zuvor war es in dieser Kirche zu einem Hungerstreik gegen die Auslieferung des Asylbewerbers Kemal Altun an die Türkei gekommen. Seit dieser Zeit haben sich immer wieder von Abschiebung bedrohte Menschen an die Gemeinde gewendet. Mehr als tausend haben mittlerweile davon profitiert.

Es ist ein offenes Haus. Die Kirchentüren sind täglich bis Mitternacht geöffnet. Im Sakralraum betreibt die Gemeinde einmal in der Woche eine Wärmestube. Der Verein Asyl in der Kirche hat im Kirchengebäude seine Büroräume und berät Flüchtlinge in Rechtsfragen. Der Verein will Flüchtlinge unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Religion oder Weltanschauung unterstützen und auf ihre Lage aufmerksam machen. Und so geht es auch der Kirchengemeinde. Mit der Aufnahme der 25 Menschen vom Brandenburger Tor verknüpft Pfarrer Storck die Hoffnung, auf politischer Ebene eine echte Verbesserung in der Flüchtlingspolitik zu erreichen.

Allerdings besteht auch die Gefahr, dass die 25 vom Brandenburger Tor nun zum Kirchenproblem werden. „Wir sehen in der Aufnahme einen Akt der Humanität“, so Storck, „allerdings können wir nur für eine kurzfristige und provisorische Unterbringung sorgen. Dafür rücken wir alle zusammen. Wir sind dringend darauf angewiesen, dass die politisch Verantwortlichen so schnell wie möglich Ersatzräume zur Verfügung stellen“. Noch am Montag wollte er Kontakt mit den beiden zuständigen Senatoren Dilek Kolat (Integration) und Mario Czaja (Soziales) aufnehmen. Denn die Situation in der Gitschiner Straße bleibt auch nach dem morgendlichen Aufräumen ein Ausnahmezustand. Die Waschmaschine läuft unermüdlich. Die Einrichtung kann Kleidung, die laufend abgegeben wird, kaum noch unterbringen. Das aus Spenden finanzierte Zentrum Gitschiner 15 bittet um finanzielle Unterstützung.


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