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Asylbewerberheim: Hellersdorf wehrt sich gegen rechts

So verbessert man die Meinung über den Bezirk nicht gerade: Auto in Hellersdorf.

So verbessert man die Meinung über den Bezirk nicht gerade: Auto in Hellersdorf.

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AKUD/Lars Reimann

Die Abendsonne fällt auf die sechsgeschossigen Wohnhäuser, in kräftigem Blau, Rot und Gelb leuchten die Gebäudekanten. Auf der weitläufigen Wiese davor sitzt ein junger Mann, er trägt Jeans und Kapuzenshirt und blinzelt in die Sonne. Es ist ein fast idyllisches Bild, so etwas dürfte dem Wohnungsbauunternehmen vorgeschwebt haben, als es Ende der Neunzigerjahre das Neubauviertel sanieren ließ. Es sollte brasilianisches Flair bekommen, Indianer entwarfen eigens Fliesen für die Fassadenwände, die Balkone erhielten Holzverkleidungen, wie sie in Rio de Janeiro oder Sao Paulo üblich sind. Hellersdorf, der junge Bezirk mit dem nie wirklich guten Ruf, 1986 gegründet, 2001 mit dem benachbarten Marzahn fusioniert, sollte Weltläufigkeit zeigen.

Thomas Scholz, der in Wirklichkeit anders heißt, sitzt nicht auf der Wiese, um die Abendsonne zu genießen. Er ist hier, um zu erzählen, warum er vergangene Woche die Facebookseite „Hellersdorf hilft Asylbewerbern“ ins Leben gerufen hat, warum er Position bezogen hat bei einem Thema, das den Bezirk wieder mal in die Schlagzeilen befördert hat – und den Eindruck erweckt hat, dass es, was die Weltläufigkeit betrifft, bei der guten Absicht geblieben ist.

Der Ort des Anstoßes liegt nur wenige Hundert Meter entfernt, es ist Scholz’ ehemalige Schule. 2004 hat er am Max-Reinhardt-Gymnasium Abitur gemacht, vier Jahre später wurde es geschlossen, wegen sinkender Schülerzahlen. Die Wände schmückten noch Porträts von Absolventen, erzählt der 28-Jährige. „Die haben sich damals selbst gemalt.“ Nun soll wieder Leben in die Gebäude einziehen, seit vergangener Woche sind Bauarbeiter dort tätig. Flüchtlinge, vor allem aus dem Bürgerkriegsland Syrien, werden hier eine Notunterkunft bekommen; 200 Übernachtungsplätze entstehen.

Klassenräume zu Dreibett-Zimmern

Aus Klassenräumen werden Dreibett-Zimmer, in die ehemaligen Sanitärräume werden Duschen eingebaut. Bis Ende 2014 soll der Komplex an der Carola-Neher-Straße 65, der zwischen den Wohnhäusern des so genannten Gelben Viertels und denen des nahen Boulevards Kastanienallee liegt, zu einem Asylbewerberheim mit 400 Plätzen ausgebaut werden.

Eine Informationsveranstaltung des Bezirks vergangene Woche geriet zum Fiasko. Dutzende NPD-Leute posierten offen, der Abend eskalierte zur Stimmungsmache gegen Ausländer. Auch Anwohner, von denen einige in T-Shirts mit dem Aufdruck „Nein zum Heim“ gekommen waren, applaudierten fremdenfeindlichen Parolen, einige Linke riefen „Nazis raus!“ Die einladenden Bezirkspolitiker waren überfordert. Einen Tag später riefen der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Berlins Sozialsenator Mario Czaja zu Toleranz und zu Solidarität mit den Flüchtlingen auf. Bundespräsident Joachim Gauck besuchte am vergangenem Sonntag demonstrativ den Gottesdienst im Evangelischen Gemeindezentrum Hellersdorf an der Glauchauer Straße, wenige Hundert Meter vom künftigen Heim entfernt.

Dass zu der Veranstaltung des Bezirks über 1000 Leute kamen, die überwiegend gegen das Asylbewerberheim waren, lag vor allem an der Facebook-Seite „Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf“, auf der schon seit einiger Zeit mit aggressiven Einträgen Stimmung gegen das Heim gemacht wird. Dort wurde auch zum Besuch der Veranstaltung aufgefordert. Zwar distanziert sich die selbst ernannte Bürgerinitiative offiziell von Gewalttaten, dennoch war auf der Facebook-Seite davon die Rede, das Heim niederzubrennen – was an die vier beschämenden Tage im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen erinnert. Dort hatten Tausende Bewohner applaudiert, als Neonazis Asylbewerberheime anzündeten.

Inzwischen ermittelt der Staatsschutz gegen die „Bürgerinitiative“ wegen öffentlichen Aufrufens zu Straftaten, der Störung des öffentlichen Friedens und Volksverhetzung. Laut Verfassungsschutz ist die Initiative, deren Initiatoren anonym bleiben und die sich nur auf Facebook darstellt, von Rechtsextremisten beeinflusst. Sie greife auch auf den Internetdienst eines US-amerikanischen Servers zurück, der von Rechtsextremisten genutzt wird.

Wann immer in Berlin eine neue Unterkunft für Flüchtlinge geschaffen wird, regt sich Protest, auch in gutbürgerlichen Bezirken wie Charlottenburg oder Reinickendorf. Die Ängste sind offenbar weiterhin groß, obwohl der Chef des zuständigen Landesamts für Soziales und Gesundheit sagt, dass die inzwischen dreißig Notunterkünfte in der Stadt keineswegs zu „Kriminalitätsschwerpunkten“ wurden. Der im Internet mobilisierte Widerstand gegen das Hellersdorfer Heim hat aber eine neue, durchaus beängstigende Qualität, das bestätigen Experten wie die Mitarbeiter des Mobilen Beratungsteams der Stiftung SPI, das sich seit Jahren mit Projekten zu Demokratieentwicklung und Integration beschäftigt. Die im Schutz der Anonymität verbreiteten Sprüche schüren Wut und erreichen viele Menschen.

Und es ist wohl kein Zufall, dass gerade in Hellersdorf das Internet für die Stimmungsmache benutzt wird. Denn die Generation Internet, junge Leute, die bereits mit dem World Wide Web aufgewachsen sind, ist gewissermaßen auch die Generation Hellersdorf. Menschen, die als Kleinkinder in die damals nagelneuen Plattenbauten zogen, in eine der 40.000 Wohnungen, die seit 1983 aus dem Boden gestampft wurden. Die Kitas und Schulen dort besucht haben, jetzt teilweise selbst junge Eltern sind. In den Häusern rings um das frühere Gymnasium ist der Bezirk Marzahn-Hellersdorf am jüngsten. Das Durchschnittsalter beträgt knapp 38 Jahre, der Berliner Schnitt liegt fünf Jahre darüber.

Schimpfwort Mulitkulti

Es sind Leute, die sich häufig in der virtuellen Welt bewegen, aber reale Sorgen in der wirklichen haben – um ihren Arbeitsplatz, häufig schlecht bezahlt, oder darum, überhaupt einen zu bekommen. Um ihr bisschen Wohlstand, den sie sich geschaffen haben, um die Ausbildung ihrer Kinder. Die schon jahrelang leer stehende Läden im Kiez bemängeln und kritisieren, dass der Jugendclub wegen eines Wasserschadens bereits über Monate geschlossen ist. Dass es, weil Hellersdorf seit ein paar Jahren als Wohnort wieder beliebter wird, Schulklassen mit viel zu vielen Kindern gibt und dass Kita-Plätze fehlen. Für die das lange vorherrschende Image von Marzahn-Hellersdorf als Ort für rechtsextreme oder bildungsferne Loser in tristen Plattenbauten seit Jahren ein Ärgernis ist. Das hat zu einer gewissen Trotzhaltung geführt: Man bleibt gern unter sich. Kreuzberg, das ist für manche im Viertel durchaus ein Schimpfwort, Multikulti ebenso.

Das Problem ist nur, dass einige Hellersdorfer gerade dazu beitragen, die Vorurteile zu zementieren. Und da kommt Thomas Scholz ins Spiel. Am Morgen nach der aus dem Ruder gelaufenen Veranstaltung hat er reagiert, ebenfalls nach Art seiner Generation. Er gründete eine Facebook-Seite, nannte sie „Hellersdorf hilft Asylbewerbern“ und schrieb: „Diese Seite will den Asylbewerbern im früheren Max-Reinhardt-Gymnasium helfen, ein normales Leben ohne Krieg und tagtägliche Angst zu führen.“ Wenige Stunden später hatte er mehr als 1000 Unterstützer. Jetzt sind es schon weit über 6200 – mehr als drei Mal so viele wie auf der Seite der Bürgerinitiative. Auf beiden sind allerdings nicht nur Hellersdorfer aktiv.

Thomas Scholz will seinen echten Namen nicht nur aus Furcht vor Attacken der Rechtsextremisten nicht aufgeschrieben sehen. Er sagt auch, dass er nicht im Mittelpunkt stehen will. Er versteht sich offenbar als eine Art Sprachrohr der anderen, der nicht fremdenfeindlichen Hellersdorfer. Das sei die übergroße Mehrheit. Junge Hellersdorfer waren es im Übrigen auch, die Anzeige gegen die „Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf“ erstatteten. „Die Leute wurden ganz geschickt aufgehetzt“, sagt Scholz. „Hier gibt es auch viel Hilfsbereitschaft. Aber die, die sich für die Flüchtlinge einsetzen wollen, müssen sich auch artikulieren können.“ Deshalb habe er die Seite eingerichtet, ist vernetzt mit vielen anderen, vor allem jungen Leuten.

„Immer noch meine Heimat“

Bis vor einem Jahr hat Thomas Scholz selbst im Bezirk gewohnt, in einer Dreier-WG mit Freunden. Er schätze das viele Grün, die gute Luft am Stadtrand, sagt er. Dennoch ist er nach Kreuzberg gezogen, „der Liebe wegen. Aber Hellersdorf ist doch immer noch meine Heimat, hier bin ich aufgewachsen“.

Nun hat der Journalist gewissermaßen einen ehrenamtlichen Zweitjob, der häufig bis lange nach Mitternacht geht: Er überwacht die Kommentare auf der Facebook-Seite, beantwortet Dutzende Anfragen, die täglich eintreffen, und hilft, das Engagement ins wahre Leben zu überführen. „Ärzte haben geschrieben, Psychologen, Leute, die für die Flüchtlinge kochen wollen oder Spenden für sie haben, Kleidung, Spielzeug.“ Es seien Menschen aus ganz Berlin, auch von weiter her. „Auch Hellersdorfer und Marzahner haben konkrete Unterstützung angeboten.“ Er wird die Angebote weiterleiten, das Bezirksamt hat jetzt einen Koordinator für die Flüchtlingshilfe eingesetzt. Auch der Bauleiter in der Schule berichtet von Leuten aus dem Kiez, die inzwischen gekommen seien und gefragt hätten, was denn gebraucht würde.

Das andere Hellersdorf wird sichtbar – auch in der Wirklichkeit, wo am vergangenen Sonnabend bei einer Kundgebung 15 NPD-Mitglieder 700 bis 800 Gegendemonstranten gegenüberstanden, darunter viele Studenten der Alice-Salomon-Hochschule, die Sozialarbeiter und Sozialpädagogen ausbildet. Ihr Motto: „Hellersdorf bleibt bunt“.

Welches sind nun die wahren Hellersdorfer? Gibt es die überhaupt? Vielleicht kommt der Mann Mitte fünfzig, auf der Straße angesprochen, der Meinung der meisten recht nahe. Der Lokführer, Erstbewohner seit 1989 und einer der wenigen, die sich überhaupt äußern, sagt: „Wenn die Flüchtlinge erst mal da sind, dann kommen die Rechten und die Linken, und wir sind dazwischen.“ Er hätte lieber einfach seine Ruhe.

Schon in der nächsten Woche ziehen die ersten Flüchtlinge ein, heißt es. Thomas Scholz steigt die Treppe vom Hellersdorfer Hügel herunter, der Wiese, auf der im 13. Jahrhundert die erste Hellersdorfer Kirche stand. Ihre Reste wurden in den Achtzigerjahren gefunden. Jede der zehn breiten Stufen ist mit einer Bronzetafel versehen, auf der der Name Hellersdorf in verschiedenen historischen Schreibweisen steht. Eine lautet: „Helfersdorff“.