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Asylpolitik in Berlin: Anwälte wollen Vormundschaft für Flüchtlingskinder übernehmen

Flüchtlingskinder unterhalten sich am 09.02.2016 in Berlin auf einem Flur in der Flüchtlingsnotunterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf.

Flüchtlingskinder unterhalten sich am 09.02.2016 in Berlin auf einem Flur in der Flüchtlingsnotunterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf.

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dpa

Mehr als 750 Anwälte haben sich bereit erklärt, die Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu übernehmen. Das teilten die Rechtsanwaltskammer und der Berliner Anwaltsverein mit, die im Dezember zu der Übernahme dieser ehrenamtlichen Aufgabe aufgerufen hatten.

Zurzeit leben über 4000 minderjährige Flüchtlinge in Berlin. Sie brauchen einen Vormund, der sie gesetzlich vertritt. Etwa bei Behördengängen. Ohne einen Vormund können die Jugendlichen kein Asyl beantragen. Erwachsene, die die Jugendlichen vertreten, werden auch bei der Suche nach einer Unterkunft benötigt, bei schulischen Belangen oder dem Einwilligen in Operationen. Aber vor allem brauchen die jungen Zuwanderer, die allein in ein fremdes Land geflohen sind, einen Ansprechpartner.

Bislang sind die Jugendämter, deren Mitarbeiter normalerweise die Vormundschaft für minderjährige Flüchtlinge übernehmen, völlig überlastet. Denn jedem Vormund dürfen gesetzlich bis zu 50 minderjährige Flüchtlinge zugewiesen werden. Daher ist Berlin angewiesen auf die Hilfe Freiwilliger.

„Mit dem großen Engagement der Anwaltschaft kann der Bedarf an Vormündern nun auch in der aktuellen Ausnahmesituation gedeckt werden“, sagt Uwe Freyschmidt, Vorsitzender des Anwaltsvereins. „Es ist jetzt die Aufgabe der Jugendämter und Justiz, die Vormundschaftsverfahren zügig in Gang zu bringen.“ Über das Vormund-Netzwerk Akinda können sich Berliner ebenfalls freiwillig engagieren.

Banker bauen Notunterkunft aus

Auch die Privatwirtschaft ist in der Flüchtlingshilfe aktiv. 110 Mitarbeiter der Mercedes-Benz Bank unterstützen die Stadtmission jeweils einen Tag lang beim Ausbau einer Notunterkunft in Spandau. Die Banker investierten nach Angaben des Unternehmens insgesamt 880 Stunden ihrer Arbeitszeit sowie finanzielle Mittel für Material und Anschaffungen, um die ehemalige BAT-Zigarettenfabrik in der Mertensstraße in Hakenfelde herzurichten. 80 von ihnen arbeiten in Berlin, weitere 30 reisen aus Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik an, um Betten aufzubauen oder Wände zu streichen.

Seit Oktober leben in der Notunterkunft 1?000 Flüchtlinge, die Kapazitäten sollen verdoppelt werden.

Dieses Engagement sei vorbildlich, sagt der Bürgermeister von Spandau, Helmut Kleebank (SPD). „Nur wenn alle anpacken, können wir die Flüchtlingshilfe stemmen.“

Der Konzern Daimler hat darüber hinaus mit der Bundesagentur für Arbeit und Jobcentern ein Praktikum in der Industrieproduktion für bundesweit mehrere hundert Flüchtlinge gestartet.