blz_logo12,9

Atelierbeauftragter für Berlin: In Berlin herrscht ein Atelier-Notstand

Kunst erzeugt Reibung, keine Folklore. Florian Schmidt setzt nicht nur auf privates Engagement. Sein Job ist es, mit der Stadt für die Stadt zu planen.

Kunst erzeugt Reibung, keine Folklore. Florian Schmidt setzt nicht nur auf privates Engagement. Sein Job ist es, mit der Stadt für die Stadt zu planen.

Foto:

Benjamin Pritzkuleit

Für bildende Künstler, deren Einkommen nicht gestiegen sind, werden Wohnungen und Ateliers knapper. Florian Schmidt will und kann da eingreifen. Er ist Berlins neuer Atelierbeauftragter – und eine Mischung aus Projektentwickler, Politikberater und Aktivist. Als solcher ist er auch Mitgründer der Initiative „Stadt Neudenken“, die den Senat drängt, die Liegenschaftspolitik neu auszurichten; gewissermaßen als Stellschraube der Kunstpolitik. Dadurch möchte Florian Schmidt dauerhaft bezahlbare Ateliers in der Stadt sichern.

Herr Schmidt, am 15. März bekamen Sie Ihr neues Amt. Kurz darauf, am 28. April, wurde Tim Renner Kulturstaatssekretär. Erhoffen Sie sich durch diese Personalien für Berlin neuen Schwung?

Natürlich. Aber allein neue Gesichter bringen noch nichts. Doch sowohl Tim Renner als auch Engelbert Lütke Daldrup, der Ende März zum Staatssekretär für Bauen und Wohnen berufen wurde, und ich – wir sind alle Quereinsteiger. Und ich glaube, dass Quereinsteiger Dinge neu denken und unbefangener an sie herangehen können. So lässt sich vielleicht manche Burgmentalität zwischen den Verwaltungen überwinden.

Manche wissen nicht einmal, dass es in Berlin einen Atelierbeauftragten gibt.

Den Posten gibt es schon über 20 Jahre, seit 1993.

Und was ist Ihre Aufgabe?

Zum Einen bin ich der Leiter des Atelierbüros und setze gemeinsam mit der Kulturverwaltung und der Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE) das Berliner Atelierprogramm um. Dafür mieten wir derzeit 560 Ateliers vom freien Markt oder von landeseigenen Gesellschaften an, zahlen pro Quadratmeter bis zu sieben Euro brutto und geben sie für maximal vier Euro brutto an die Künstler weiter. Diese Zwischensumme ist die Förderung. Dafür stehen 1,4 Millionen Euro zur Verfügung.

Es fehlen etwa 2000 Ateliers in Berlin

Wissen Sie, wie viele Ateliers es insgesamt in der Stadt gibt?

Nein, aber ich weiß, dass etwa 7000 bildende Künstler in der Stadt arbeiten. Wir fordern, dass mittelfristig ein Drittel der Künstler mit Ateliers gefördert wird. Also fehlen etwa 2000 Ateliers in Berlin.

Ist das eine privilegierte Forderung?

Im Gegenteil. Wir haben, was die Bezahlbarkeit angeht, einen Ateliernotstand. Künstler leben im Durchschnitt von 850 Euro im Monat. Für ein Atelier können Sie daher nicht mehr als 200 Euro aufbringen. Zwar gibt es in Berlin Wirtschaftswachstum – aber auf die Künstler schlägt sich das nicht durch.

Wie viele Künstler bewerben sich auf ein Atelier aus Ihrem Programm?

Bis zu 80 Künstler besichtigen es, am Ende bewerben sich auf ein Atelier 13 Künstler. Das ist die höchste Quote in der Geschichte des Atelierprogramms.

Wie sind die Vergabekriterien?

Voraussetzung ist, dass man als professioneller Künstler tätig ist. Das kann man anhand von Lebenslauf und Mappen darlegen. Dann geht es nach Bedürftigkeit, etwa um berufliche und soziale Dringlichkeit. Bei Härtefällen können wir nur versuchen, so schnell wie möglich aktiv zu werden. Eine Bewertung der künstlerischen Arbeit findet aber bei uns nicht statt. Wir fördern die Infrastruktur.

Viele junge Künstler stellen heute keine großformatige Werke mehr aus, sondern arbeiten eher konzeptionell im Web. Ihr wichtigstes Arbeitsmittel ist der Mac. Werden da wirklich mehr Ateliers gebraucht?

Also egal, wie man künstlerisch wirkt: Das Bedürfnis, woanders als zu Hause zu arbeiten, ist immer gegeben. Wenn kleine Räume sinnvoll sind, sprechen wir nicht von Ateliers, sondern von Arbeitsplätzen. Aber man kann nicht pauschal sagen, dass sich die ganze Künstlerschaft ändert. Raumgreifende Produktionen wie Malerei, Installationen, Fotografien und Skulpturen machen immer noch um die 90 Prozent aus.

Was gehört noch zu Ihren Aufgaben?

Die Atelierwohnungen. Die sind meist aus Städtebaufördermitteln finanziert. Insgesamt sind es knapp 280 Wohnungen, deren Belegung wir managen. Der Vergabebeirat entscheidet darüber, wer die Ateliers mieten darf und wie Härtefallanträge behandelt werden. Darüberhinaus geht es darum, gemeinsam mit dem Kultursenat und der GSE neue Flächen für das Atelierprogramm zu finden.

Sie setzen auf eine reformierte Liegenschaftspolitik. was fordern Sie?

Jetzt wird es ein Verfahren geben, bei dem in Berlin jedes Grundstück einzeln angeschaut wird. Unser Runde Tisch fordert Transparenz, damit die Öffentlichkeit erfährt: Was gibt es wo? Was ist noch Werden?

Sie wollen neue Räume anmieten, obwohl manche von den etablierten Standorten kaum zu halten sind?

Deswegen müssen wir aktiv sein. Es gibt etablierte, aber bedrohte Räume, wie das Atelierhaus Mengerzeile in Treptow mit 20 Ateliers – da will der neue Besitzer Wohnungen daraus machen. Oder das Atelierhaus Prenzlauer Promenade in Pankow, das an 80 Künstler vermietet ist. Dort gehört das Grundstück zwar dem Land und es gibt auch das Bekenntnis von einigen Senats- und Bezirksstellen, dass es ein Künstlerhaus bleiben soll. Es gibt aber auch andere Begehren, etwa eine Kita oder bezahlbares Wohnen daraus zu machen. Wir aber wollen den jahrelangen Bestand dort sichern und möglichst ausbauen. Das ist nicht nur ein symbolischer Kampf, sondern ein existenzieller. Wenn Künstlern die Zwangsräumung droht, entsteht auch ein enormer Imageverlust für die Kunst-Stadt. Da muss man die Bürokratie und Politik vor sich selbst schützen.

Sie sagen, Künstler dürften nicht Durchlauferhitzer sein, weder für den privaten Markt noch für städtische Immobilien. Wie wollen Sie deren Ausverkauf verhindern?

Durch den Boom, den diese Stadt erlebt, wird es immer schwieriger, etwas Neues zu finden. Da arbeiten wir zum Glück sehr gut mit gemeinnützigen Stiftungen zusammen, die die Mieten dauerhaft niedrig halten. Das klappt zum Beispiel ganz hervorragend mit dem Modell ExRotaprint von der Stiftung trias in der Gottschedstraße im Wedding. Und ohne Private, die die Kunst fördern und bereit sind, drauf zu zahlen. Die Kunststandorte bereitstellen ohne finanziellen Erfolgsdruck. Ohne die geht es auch nicht, solche Mäzene oder Investoren muss man finden und pflegen. Nichtsdestotrotz bleibt immer die Unsicherheit: Da kommt vielleicht eines Tages eine Erbschaft, ein Besitzerwechsel, ein Sinneswandel oder eine private Not. Deshalb bleibt es schon wichtig, zugleich öffentlich dauerhafte Möglichkeiten zu schaffen.

Haben Sie denn dafür Geld?

Deshalb ist es wichtig, dass dafür Geld angespart wurde, seit zwei Jahren jeweils 300.000 Euro. Damit könnte man kurzfristig einiges anmieten – aber dann? Am sinnvollsten ist es, mit der Stadt für die Stadt zu planen. So planen wir eine Erweiterung von 100 Ateliers, am besten auf landeseigenen Grundstücken. Gerade wurde in der Baruther Straße 20 in Kreuzberg ein ehemaliges Schulgebäude zu einem Atelier- und Musikhaus umgebaut. Meine Position ist: Wenn aus Kulturmitteln viel Geld in Immobilien fließt, dann müssen die Immobilien auch permanent als Kulturvermögen beim Land liegen. Sonst wird Kulturgeld zweckentfremdet.

Also geht es um Verteilung?

In jedem Fall. Wenn wir jetzt sagen, wir brauchen noch 560 Ateliers mehr – frage ich mich: In welchem Verhältnis würden dann die weiteren 1,4 Millionen Euro zu anderen riesigen Projekten stehen? Und da meine ich nicht mal das Tempelhofer Feld, das jetzt 1,5 Millionen im Jahr kosten wird, um es instand zu halten. Berlin hat bekanntlich ganz andere Baustellen. Natürlich geht es mir um die Verteilung. Etwas weniger Geld könnte die freie Szene sehr stark bedrohen. Etwas mehr Geld könnte ihr aber sehr viel nutzen.

Nutzt es auch Berlin?

Sogar sehr. Auf Broschüren wird gern mit Berliner Kultur geworben, 70 Prozent aller Touristen geben an, deswegen hierher zu kommen. Die Stadt schmückt sich gern mit Künstlern, aber Künstler sind kein Schmuck. Aus der Innenstadt werden sie immer mehr vertrieben – dabei wurden viele Quartiere erst relevant, weil Künstler dort Impulse gaben, sich politisch einmischten und engagierten.

Kulturwerk des BBK, Köthener Str. 44, 10963 Berlin, Telefon: 2308- 9920. www.bbk-kulturwerk.de

Das Interview führte Abini Zöllner.