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Aufbruch Neukölln: Tabuthemen im Männer-Café

Diskutiert mit türkischen Männern Tabu-Themen: Kazim Erdogan.

Diskutiert mit türkischen Männern Tabu-Themen: Kazim Erdogan.

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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

An diesem Montagabend sitzt eine Gruppe türkischer Männer in einem grell erleuchteten Raum in Neukölln, trinkt Tee, isst Kekse und wird gleich über Pädophilie sprechen. Darüber sind die Männer selbst überrascht, doch alle hören zu, als Kazim Erdogan sagt: „Es gibt einen aktuellen Anlass mit dem Fall Edathy, und ich glaube nicht, dass uns das nicht interessieren sollte, wenn wir selbst nicht unmittelbar betroffen sind. Denn vielleicht sind es unsere Großeltern oder unsere Nachbarn.“

Er erklärt, wie Pädophilie definiert ist und was Ersatzhandlungstäter sind und nennt ein Beispiel aus der Türkei. „Ein älterer Mann spricht ein Mädchen auf der Straße an. Es ist ihr Onkel. ’Meine kleine Hübsche, du hast so süße Brüstchen.’“ „Was haltet ihr davon?“, fragt Erdogan.

Ein Mann mit einer Schiebermütze ruft sofort: „Das ist keine Pädophilie, sondern verwandtschaftliche Liebe!“ „Empfindet das Mädchen das auch so?“, fragt die Psychotherapeutin Altun Icöz. „Sexuelle Belästigung passiert am häufigsten in der eigenen Familie.“ Andere Männer mischen sich ein, es geht aufgeregt hin und her. Erdogan sagt: „Die Suchanfragen nach Kinderpornografie bei Google sind in der Türkei die am höchsten in Europa. Jedes Kind, das dem ausgesetzt ist, ist eines zu viel.“ Das ist Erdogans Trick. Je höher es her geht in seiner Männergruppe, je wilder die Diskussion, desto stiller und milder wird er. Er begegnet Tumulten mit Höflichkeit und Sachlichkeit.

Scheidung, Sex, Spielsucht

Kazim Erdogan, geboren 1953 in Anatolien, Psychologe, Sozialarbeiter, Träger des Bundesverdienstkreuzes, hat vor sieben Jahren die türkische Väter- und Männergruppe des Vereins Aufbruch Neukölln gegründet und diskutiert seither jeden Montag mit türkischstämmigen Männer in Berlin. Er spricht mit ihnen über Themen, die in der türkischen Kultur tabuisiert sind: Ehe, Scheidung, Sex, Spielsucht, Gewalt, Geschlechterrollen, Islam, Integration, Erziehung.

Die Journalistin Isabella Kroth hat Erdogan und elf Teilnehmer in dem 2010 erschienenen Buch „Halbmondwahrheiten“ porträtiert. Die Regisseurin Bettina Blümner hat Erdogan mehr als ein Jahr lang begleitet. Ihr gleichnamiger Film wird am 10. März im Neuköllner Kino „Karli“ zum ersten Mal gezeigt. Mehr als 850 Gäste werden erwartet, darunter Daniela Schadt, die Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck, und Christina Rau, Witwe von Ex- Bundespräsidenten Johannes Rau.

Es gibt viele Klischees über den türkischen Mann. Der lebe nach einem rigiden Ehrenkodex, schlage seine Frau, lasse sich von ihr bedienen, gängele seine Töchter und verbringe den halben Tag lamentierend im Männercafé. An diesem Montagabend erlebt man in den Räumen von Aufbruch Neukölln etwas ganz anderes. Dort sitzen Männer jeden Alters, manche noch in Arbeitskleidung, die gekommen sind, sich offen und hilfesuchend auszutauschen. Sie begrüßen die Reporterin herzlich, ein Übersetzer wird abgestellt, da die Unterhaltung auf türkisch geführt wird.

Lesen Sie im nächsten Teil: Missbrauch in der Familie

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