image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Aus für Interkulturelles Pflegehaus: Muslime werden lieber zu Hause alt

Migrantenfamilien fällt es aus traditionellen Gründen besonders schwer, Oma und Opa ins Heim zu geben.

Migrantenfamilien fällt es aus traditionellen Gründen besonders schwer, Oma und Opa ins Heim zu geben.

Foto:

Markus Wächter

Berlin -

Es war das erste Altenpflegeheim für türkische Senioren in Deutschland: das Interkulturelle Pflegehaus Kreuzberg, ursprünglich „Türk Bakim Evi“ (türkisches Pflegehaus) genannt. Als es 2007 öffnete, machte das Konzept bundesweit Schlagzeilen. Die Betreiber von der Marseille-Kliniken AG warben mit türkischsprechendem Pflegepersonal, einem nach Mekka ausgerichteten Gebetsraum und damit, dass islamische Speisevorschriften und Feiertage beachtet würden. Die Migranten der ersten Zuwanderergeneration seien mittlerweile betagt, hieß es, und entgegen ersten Erwartungen kehrten viele im Rentenalter nicht in ihre Heimat zurück. Ein Haus für pflegebedürftige Senioren mit Migrationshintergrund schien dem Klinikkonzern daher rentabel.

Doch das war offenbar ein Irrtum. Nun hat der Konzern das Konzept endgültig aufgegeben. Die Einrichtung heißt nur noch „Pflegehaus Kreuzberg“, das Wörtchen „Interkulturelles“ wurde gestrichen. Künftig soll der Schwerpunkt auf der Betreuung von Demenz- und Suchtkranken liegen, steht auf der Internetseite des Hauses. Vom Gebetsraum und der Beachtung islamischer Vorschriften ist nicht mehr die Rede, Migranten werden nicht mehr extra erwähnt.

Angebot nicht so angenommen wie erwartet

Dafür sieht sich der Konzern, der von dem umstrittenen Unternehmer und einstigen Kandidaten der rechtspopulistischen Schill-Partei, Ulrich Marseille, gegründet und bis 2011 geführt wurde, heftiger Kritik ausgesetzt: Angehörige von muslimischen Bewohnern fürchten, dass ihre Verwandten nicht willkommen sind. Zudem ging eine Kündigungswelle durchs Haus. 15 Mitarbeiter müssen gehen. Laut Gewerkschaft Verdi sollte so die Gründung eines Betriebsrats für die 53 Beschäftigten verhindert werden. Der Konzern weist dies zurück: Die meisten Kündigungen hingen mit dem neuen Konzept zusammen.

Erklärt wurde die Konzeptänderung auf der Internetseite zunächst mit „kulturellen und ökonomischen Gründen“. Diese Formulierung wurde wieder gelöscht. Sie sei missverständlich gewesen, so die Konzern-Pressestelle. Es gehe einfach darum, dass es für türkische Familien aufgrund ihrer Tradition schwierig sei, Angehörige in ein Heim zu geben. In einer anderen Erklärung heißt es, die Neuausrichtung stehe im Zusammenhang mit der Notwendigkeit, „Pflegeeinrichtungen erfolgreich und auch kostendämpfend zu positionieren".

In der Vergangenheit war wiederholt berichtet worden, dass das Pflegehaus mit seinen rund 150 Plätzen nicht ausgelastet war. Daran änderte sich auch nichts, als stärker Menschen nicht-türkischer Herkunft angesprochen wurden. Im Mai 2011 wurden laut Prüfbericht des Medizinischen Dienstes nur 66 Bewohner versorgt.

Das Haus sei von der türkischen Bevölkerung nicht so angenommen worden wie erwartet, sagt auch Bekir Yilmaz, Präsident der Türkischen Gemeinde zu Berlin (TGB). Die TGB war bis 2009 am Pflegehaus beteiligt, zog sich dann aber zurück, in gutem Einvernehmen mit der Marseille-Kliniken AG, wie Yilmaz sagt. In Berlin gibt es zwar viele ältere Migranten – laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg leben hier allein rund 23 000 Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, die älter als 60 Jahre sind. Doch türkische Familien würden Verwandte lieber von den mittlerweile zahlreichen türkisch-geprägten Hauspflegediensten versorgen lassen, sagt Yilmaz. Er hat Verständnis für die Entscheidung des Konzerns: „Das ist ein Wirtschaftsunternehmen, das muss kostendeckend arbeiten.“

Weiter offen für alle Religionen und Kulturen

Zum neuen Pflegehauskonzept gehört, dass der Konzern auf Effizienz und Synergie-Effekte setzt. So kommt das Mittagsessen nun aus dem zum Konzern gehörenden Senioren-Wohnpark in Lichtenberg. Die konzeptionelle Neuausrichtung sei auch der Grund für zwölf betriebsbedingte Kündigungen zum 31. Mai, so die Marseille-Kliniken AG. Drei Mitarbeitern wurden zudem fristlos gekündigt. Sie hätten den Betriebsfrieden gestört, etwa indem sie einen leitenden Mitarbeiter als „Nazi“ beschimpft hätten.

Verdi spricht dagegen von „Wildwest“ in Kreuzberg. Erst nachdem vor allem die türkisch-stämmigen Mitarbeiter in den Bereichen Küche und Reinigung einen Betriebsrat forderten, sei ihnen mitgeteilt worden, das diese Bereiche ausgelagert werden, sagt Gewerkschaftssekretär Michael Musall. Immerhin: Die verbliebene Belegschaft soll am 11. Juni einen Betriebsrat wählen.

Unterdessen versucht der Konzern Ängste zu zerstreuen, Muslime könnten im Heim nicht mehr gemäß ihrem Glauben leben. Das Haus funktioniere als „Begegnungsstätte, die ein Miteinander der Nationen pflegt“, schreibt die Pressestelle. Das Pflegepersonal berücksichtige religiöse und ethnische Lebensgewohnheiten der Bewohner.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?