blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Ausbildung: Vom Afghanistan-Flüchtling zum Helfer
26. February 2014
http://www.berliner-zeitung.de/3270618
©

Ausbildung: Vom Afghanistan-Flüchtling zum Helfer

Najib Jakobi aus Afghanistan gehört zu den ersten Absolventen der neuen, zweijährigen Ausbildung zum Sozialassistenten mit Schwerpunkt Pflege.

Najib Jakobi aus Afghanistan gehört zu den ersten Absolventen der neuen, zweijährigen Ausbildung zum Sozialassistenten mit Schwerpunkt Pflege.

Foto:

Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Die indischstämmige Lehrerin staunte nicht schlecht, als der gebürtige Afghane Najib Jakobi im Unterricht auf einmal Hindi mit ihr sprach. Diese Anekdote über seinen ehemaligen Schüler erzählt Marco Hahn, Schulleiter der Vivantes-Fachschule für interkulturelle berufliche Bildung Paulo Freire. Najib Jakobi selbst hat im Gespräch zuvor nicht erwähnt, dass er neben afghanischen Dialekten sowie Hindi vier weitere Sprachen beherrscht, nämlich Türkisch, Arabisch, Englisch und natürlich Deutsch, wahrscheinlich ist er dafür zu bescheiden. Doch der 26-Jährige hat einigen Grund, stolz zu sein auf das, was er erreicht hat. Vor wenigen Tagen hat er seine Ausbildung zum Sozialassistenten in der Pflege abgeschlossen, einen Arbeitsvertrag unterschrieben und ist nun als Springer in diversen Seniorenheimen von Vivantes tätig.

Jetzt ist er endgültig angekommen in Deutschland. Es war ein langer Weg für Najib Jakobi. Mit 14 Jahren flüchtete er vor den Taliban aus seiner Heimat im Norden Afghanistans nach Deutschland und wurde dem Flüchtlingsheim in Fürstenwalde zugewiesen. Im Heim, wo er bis zu seiner Volljährigkeit lebte, lernte er von den Bewohnern einige der Sprachen, die er heute beherrscht. Najib Jakobi war ganz auf sich allein gestellt, seine Familie war in Afghanistan geblieben, und er sah einer ungewissen Zukunft entgegen. „Ich bekam sechs Jahre lang immer nur eine Duldung für sechs Monate und durfte den Landkreis Oder-Spree nicht verlassen. Ich musste erst beweisen, dass ich mich integriert habe.“

Doch mitunter scheint es eher so gewesen zu sein, dass die Deutschen ihn nicht integrieren wollten. „Da waren diese Nazigeschichten“, sagt er. Als „Fidschi“ sei er in Fürstenwalde beschimpft worden. „Ich komme zwar aus Afghanistan, aber sehe aus wie ein Asiat“, erklärt er. Irgendwann habe er gelernt, die Sprüche zu ignorieren. „Ich habe an mir gearbeitet. Und jetzt macht mir das nichts mehr aus.“

Schulabschluss nachgeholt

Er sagt, er habe sich alles erkämpft. Er machte seinen Mittleren Schulabschluss und wollte dann eine Ausbildung machen, am liebsten in der Altenpflege. „In Afghanistan bin ich mit meiner Oma aufgewachsen. Ich hatte immer eine Verbindung zu älteren Menschen“, sagt er. Aber er hatte keine Arbeitserlaubnis. Die Ausländerbehörde machte schließlich eine Ausnahme, Najib Jakobi durfte ein freiwilliges soziales Jahr in einem Seniorenheim in Frankfurt (Oder) absolvieren. 2007 erhielt er endlich seine Aufenthaltsgenehmigung. Er arbeitete als Pflegehelfer, bei einem türkischen ambulanten Pflegedienst in Berlin, bis er den Ausbildungsplatz bei Vivantes bekam.

Najib Jakobi und 17 Mitschüler gehören zum ersten Jahrgang, die die zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten in der Pflege bei Vivantes absolviert haben. Die Schule ist unter dem Dach der Flüchtlingsorganisation Zentrum Überleben in Moabit untergebracht, wo unter anderem auch eine Stiftung für Folteropfer ihren Sitz hat. „Wir wollen junge Menschen mit Migrationshintergrund für den Pflegeberuf begeistern“, sagt Schulleiter Marco Hahn.

Nur mit Deutschen könne dem Fachkräftemangel in der Pflege nicht entgegengewirkt werden. Zudem wachse die Zahl der pflegebedürftigen Migranten, für deren Betreuer sei die Sprache ein wichtiger Schlüssel. Najib Jakobi mit seinen Sprachkenntnissen ist da prädestiniert für diesen Beruf. Seine Mitabsolventinnen, es sind zu 80 Prozent Frauen, stammen aus Syrien, dem Libanon, westafrikanischen Ländern. Auch Berlinerinnen mit türkischstämmigen Elternhäusern sind darunter. Fast alle, sagt Hahn, haben einen Ausbildungsvertrag in der Tasche.

Das Gehalt reicht zum Leben

Das Berufsbild des Sozialassistenten in der Pflege ist neu. Im Krankenhaus oder Pflegeheim sollen Sozialassistenten die ungelernten Kräfte ersetzen. Sie übernehmen die Grundpflege, messen Blutdruck, geben das Essen aus, machen Dehnungsübungen mit den Patienten – und sollen sich vor allem Zeit für sie nehmen, wozu die Krankenschwestern schon lange nicht mehr kommen. „Zuwendung ist ganz wichtig“, sagt Najib Jakobi.

Insgesamt gibt es in der Vivantes-Schule 75 Ausbildungsplätze. Angeboten wird auch eine sechsmonatige Basisqualifikation in der Pflege, als Vorbereitung für die zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten. Es gibt Deutsch- und Integrationskurse sowie die Möglichkeit, einen Mittleren Schulabschluss zumachen. Die Schulgebühren betragen monatlich 50 Euro, die Schüler können Bafög beantragen.

Auch Najib Jakobi hat die Ausbildung durch Bafög finanziert. Jetzt hat er sein eigenes Geld. Wie hoch sein Gehalt ist, will er nicht sagen. Es reiche zum Leben. Wichtiger sei, dass er jeden Tag mit einem guten Gefühl von der Arbeit nach Hause komme. „Die Menschen sind dankbar, wenn man sich um sie kümmert. Das macht mich sehr glücklich“, sagt er. Bald muss er nicht mehr zwischen Berlin und Fürstenwalde pendeln. Mit seiner Freundin hat er in Wedding eine Wohnung gefunden. „Ich will schon lange nach Berlin ziehen“, sagt Najib Jakobi. „Die Stadt ist multikulti.“

Weitere Informationen zur Ausbildung an der Vivantes Berufsfachschule für Sozialassistenz (Pflege) im Internet unterwww.pflege-lernen.org