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Autor Sebastian Fitzek: Je friedlicher der Ausblick, umso brutaler das Buch

Hier fallen sie ihm alle ein, die Geschichten von Augensammlern, Augenjägern und anderen Abartigkeiten: Sebastian Fitzek in seinem Arbeitszimmer in Grunewald.

Hier fallen sie ihm alle ein, die Geschichten von Augensammlern, Augenjägern und anderen Abartigkeiten: Sebastian Fitzek in seinem Arbeitszimmer in Grunewald.

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Christian Schulz

Berlin -

Der Anblick des Grunewalder Betonklotzes, in dem Bestsellerautor Sebastian Fitzek sein Büro hat, wirft die alte Frage auf: Möchte man lieber im hässlichen Haus mit Blick auf die Schönen der Umgebung sitzen oder bevorzugt man den Blick auf die Bausünde, wenn man sich dafür in einem schicken Haus aufhalten darf? Fitzek hat sich für den netten Ausblick aus einer Siebzigerjahrescheußlichkeit entschieden.

Von hier aus sieht er die riesige Villa, die ein längst verstorbener Industrieller der Familie mit einem kleinen, gemeinen Zusatz im Testament vermacht hat: Die Geliebte genießt lebenslanges Wohnrecht. Das macht das Haus unverkäuflich, auch wenn die inzwischen hochbetagte Dame nur noch einmal pro Jahr für eine Woche nach Berlin kommt.

Gut möglich, dass ihn diese Geschichte irgendwann zu einem Thriller animiert. Fitzek lässt sich gern vom Leben inspirieren. Auch bei seinem gerade erschienenen Buch „Noah“ war das so: „Ich suche nicht nach Themen, sie finden mich. Vor vier Jahren sah ich eine Dokumentation über Parasiten. Dabei kam mir in den Sinn, dass der Mensch ja auch ein Parasit ist, so wie er mit der Welt umgeht.“

Diese Idee klopfte, wie Fitzek sagt, immer wieder bei ihm an: „Vor drei Jahren begann ich, ausgiebig zu recherchieren. Irgendwann verfasste ich ein Exposé, ein Inhaltsverzeichnis eines Buchs, das es noch gar nicht gibt.“ Dann hielt er sich sechs Monate zum Schreiben frei. Die dritte Fassung des Buchs entsprach weitgehend dem, was Fitzeks Fans seit dem 20. Dezember in den Läden kaufen können.

Fern des alten Erfolgsrezepts

Obwohl der Autor von seinen klassischen Psychothrillern wie „Die Therapie“, „Das Kind“ und „Amokspiel“ schon Millionenauflagen unter die Leute bringen konnte, setzte er bei seinem neuen Buch nicht auf das alte Erfolgsrezept. Das Thema von „Noah“ verlangte nach einem Verschwörungsthriller. „In erster Linie wollte ich unterhalten. Am Ende bin ich aber auch froh, wenn ich einen Impuls zum Nachdenken gegeben habe.“ Fitzek will den Lesern nicht durch allzu eifrige Missionierung auf die Nerven gehen: „Ich öffne eine Tür und jeder kann entscheiden: Ziehe ich die wieder zu oder gehe ich durch. Ich bin kein Vorbild, auch wenn ich vielleicht die richtige Botschaft habe.“

Das Jahr 2013 war für Fitzek ein großes Missverständnis: „Ich dachte, das Jahr könnte nicht anstrengender werden als das Jahr 2012, in dem ich wegen der Arbeit faktisch keine Sozialkontakte hatte.“ Dann kam ihm die – wie er selbst sagt – „Schnapsidee“, als erster Autor auf der Leipziger Buchmesse einen eigenen Stand zu mieten. Damit hatte sich der Plan, im Frühjahr eine ruhige Kugel zu schieben, schon erledigt. Dann kam das auf seinem Buch „Seelenbrecher“ beruhende Theaterstück am Berliner Kriminaltheater heraus. Von Mai bis November wollte Fitzek schreiben. Die Geburt seines Sohnes Felix kam, drei Monate zu früh, dazwischen. Nach den eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet arbeitet Fitzek jetzt ehrenamtlich als Schirmherr des Vereins „Das frühgeborene Kind“.

Zum Jahresende hatte Fitzek dann schon wieder eine Schnapsidee: „50 Lesungen in einer Woche, sieben bis acht pro Tag. Ich war in einer Studenten-WG in einem Dresdener Plattenbau und in einer Villa in Niedersachsen. In der Trauerhalle eines Bestattungsinstituts, in einem Sterbehospiz und in einer Zahnarztpraxis.“ Das Fazit 2013 lautet also: „Das war das anstrengendste Autorenjahr, das ich hatte.“ Und dank Felix (dem es gut geht) wurde es auch privat nie langweilig.

Der Soundtrack zur Geschichte

Das Jahr 2014 startet für Fitzek mit einem Experiment: „Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum gibt es eigentlich keine Soundtracks zu Büchern?“ Bei ihm bleibt es in solchen Momenten nicht bei der Frage, Fitzek zieht auch schnell Konsequenzen. Ab Mitte Januar geht er also auf große Lesetour mit der Band Buffer Underrun, die den Soundtrack zu „Noah“ spielt, wenn Fitzek daraus liest. Der erste Berlin-Termin am 18. Januar bei Black Box Music in der Hertzstraße 73 in Wilhelmsruh war flott ausverkauft, für den 19. Januar gibt es noch Karten (Tickettelefon 01806-57 00 70).

Zum Schreiben muss Fitzek sein Reihenhaus in Westend inzwischen immer verlassen, denn drei Kinder sorgen ständig für eine Geräuschkulisse, die jede Konzentration verhindert. Im Büro hat er den gleichen Schreibtisch und das gleiche Regal wie zu Hause stehen, auch der Blick aus dem Fenster in den Garten gleicht sich: „Ich brauche einen friedlichen Ausblick. Umso brutaler kann ich schreiben.“

Den Wunsch nach einer Großfamilie kann Fitzek nachvollziehen, allerdings bereitet der ihm auch Pein: „Für mich als Thrillerautor potenzieren sich die Ängste mit der Zahl der Kinder, um die ich mich sorgen muss.“ Er hat in den vergangenen Jahren auch eine Lektion in weiblicher Logik gelernt: „Meine Frau wollte vier Kinder haben, ich wollte eins. Offensichtlich scheint der weibliche Kompromiss bei drei zu liegen.“ Wie viele andere Menschen seiner Generation sucht der 42-Jährige im Internet nach Lösungen für seine Probleme: „Ich habe schon Vasektomie gegoogelt.“


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