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Berliner Zeitung | Barrierefreie Busse: Den Kniefall gibt's nur noch bei Bedarf
05. April 2012
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Barrierefreie Busse: Den Kniefall gibt's nur noch bei Bedarf

Ohne Barrieren Busse: Die BVG-Flotte (mehr als 1300 Fahrzeuge) ist barrierefrei zugänglich. Spezielle Technik ermöglicht es, die Busse abzusenken, um das Einsteigen zu erleichtern.

Ohne Barrieren Busse: Die BVG-Flotte (mehr als 1300 Fahrzeuge) ist barrierefrei zugänglich. Spezielle Technik ermöglicht es, die Busse abzusenken, um das Einsteigen zu erleichtern.

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´dpa

Berlin -

Berlin soll eine behindertenfreundliche Stadt werden – so hat es der Senat vor vielen Jahren beschlossen. Doch wenn die Behindertenverbände an die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) denken, zweifeln sie mal wieder daran. Denn das Landesunternehmen macht jetzt ernst mit seiner Ankündigung, nur noch Busse anzuschaffen, die sich nicht mehr wie bisher bei jedem Haltestellen-Stopp automatisch absenken. Die bis zu 140 Gelenkbusse, die als Nächstes gekauft werden, gehen nur noch bei Bedarf auf Anforderung in die Knie, um das Ein- und Aussteigen zu erleichtern. „Ein Rückschritt“, kritisiert Jürgen Schneider, der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung.

Die BVG plant, von 2013 bis 2016 bis zu 140 Busse durch ebenso viele neue Gelenkbusse zu ersetzen. Weil das vom Senat finanziell kurz gehaltene Unternehmen verstärkt auf die Wirtschaftlichkeit schaut, gilt ab sofort eine neue Regel: Künftige Busse sollen technisch möglichst einfach ausgestattet sein, um die Kosten für Kauf und Wartung niedrig zu halten.

Behindertenbeauftragte protestieren

„Neue Busse werden eine Standardausstattung haben“, bekräftigt die BVG-Sprecherin Petra Reetz. Auf eine Klimatisierung lasse sich nicht verzichten, weil dies heute Norm ist. Automatisches Absenken sei dagegen entbehrlich: „Bedarfs-Kneeling ist Standard. Das wird so kommen.“ Kneeling, nach dem englischen Wort „to kneel“ für knien, ist das Fachwort für die Absenk-Technik. In 152 BVG-Bussen wurde die Automatik schon abgeschaltet – testweise.

Bislang war es so geregelt, dass sich alle Busse an allen Haltestellen verneigen. Pro Einsatzschicht ist das oft mehr als 200 Mal der Fall. „Diese Belastung führt zu einem erhöhten Verschleiß,“ sagt Reetz. Folge seien eine erhöhte Reparaturanfälligkeit und mehr Ausfälle. Das automatische Absenken führe auch dazu, dass die Busse länger als nötig an den Haltestellen stünden und mehr Diesel verbrauchten. Einige Fahrgäste fühlten sich zudem durch die „Wankbewegung“ gestört, oder sie verloren dadurch den Halt.

Mag ja sein, entgegnen die Kritiker. Doch unterm Strich würden die Vorteile klar überwiegen, erklärt der Behindertenbeauftragte. Die Automatik bringe vielen Fahrgästen einen „großen praktischen Nutzen“ – nicht nur Rollstuhlfahrern und anderen Behinderten, sondern auch Senioren mit und ohne Rollator sowie Fahrgästen mit Kinderwagen. „Gerade für alte Menschen ist der Bus mit seinem dichten Liniennetz das Verkehrsmittel der Wahl“, so Schneider. Die Umstellung habe auch einen negativen symbolischen Wert. Die Betroffenen würden wieder zum Bittsteller – wie früher. Sie müssten sich bemerkbar machen, damit ihnen der Weg gebahnt wird.

Ältere profitieren

Aber das könne im Gedränge an der Haltestelle schwierig werden, sagt der Grünen-Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar. „Da kann es vorkommen, dass jemand zurückbleibt.“ Für den Abgeordneten ist der Plan ein Skandal: „Die Bevölkerung wird im Durchschnitt immer älter. Die Älteren profitieren vom automatischen Kneeling.“ Ursula Lehmann vom Spontanzusammenschluss „Mobilität für Behinderte“ bekräftigt das: „Auf der Grundlage der Leitlinien zum Ausbau Berlins zur barrierefreien Stadt von 1999 haben wir hart für diese Errungenschaft gekämpft. Seit 2009 sind alle Linienbusse barrierefrei zugänglich.“

Die Politik sollte den Rückschritt nicht mitmachen, fordert Schneider. Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) kündigt eine Prüfung an: „Bei den 152 Bussen geht es um einen Pilotversuch. Das ist kein Einstieg in die Umstellung aller Busse.“ Doch die BVG sieht das anders. Mit dem Senat sei vereinbart, dass das Bedarfs-Kneeling eingeführt wird, wenn der Versuch positive Resultate bringt. Und das sei der Fall, sagt Reetz. „Von Verbänden haben wir Beschwerden bekommen. Von einzelnen Behinderten keine einzige.“