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Bauchtänzer Zadiel Sasmaz: "Es gibt keine Grenzen"

Im Unterhemd: Zadiel Sasmaz probt mit zwei Schülerinnen vor dem Spiegel.

Im Unterhemd: Zadiel Sasmaz probt mit zwei Schülerinnen vor dem Spiegel.

Foto:

Paulus Ponizak

Berlin -

Seine Hüfte scheint abgekoppelt zu sein vom Rest des Körpers, er lässt sie in Hochfrequenz vibrieren. „Shimmy heißt dieses isolierte Zittern“, sagt Zadiel Sasmaz, „achtundzwanzig verschiedene Arten gibt es davon.“ Anfänger bringt der Shimmy zur Verzweiflung, weil sie dabei unabsichtlich auch mit dem Kopf und Händen wackeln und dann sehr albern aussehen.

Anfängerinnen sind es genauer gesagt, denen Zadiel zeigt, worauf es ankommt beim orientalischen Tanz, denn es ist ein traditioneller Frauentanz, den der 29-Jährige so meisterhaft beherrscht. Aber für ihn war es Liebe auf den ersten Blick. Als Neunjähriger schaut er zu Hause einen Bauchtanz-Videofilm, den sein Vater für seine Mutter gekauft hatte und ist fasziniert. Die Hauptrolle spielt eine Kellnerin, die sich wünscht, Tänzerin zu werden.

Sie übt heimlich die Schritte der Bauchtänzerin, die immer im Restaurant auftritt. Als die Tänzerin eines Tages ausfällt, springt die Kellnerin und wird entdeckt. „In der Rolle dieser Kellnerin habe ich mich gesehen“, sagt Zadiel und lacht. Es fällt ihm leicht, die Schritte und Bewegungen nachzumachen. „Ich bin Autodidakt, und ich habe gespürt, dass das genau das Richtige für mich ist.“

Auftritt im türkischen Fernsehen

Seine Mutter schickte ihn damals zum Karate, nicht ahnend, dass ihr Sohn seine wahre Leidenschaft schon gefunden hat, denn er tanzt heimlich in seinem Zimmer. Und Zadiel hat noch ein zweites Geheimnis: Er ist schwul. Mit vierzehn offenbart er seinen Eltern, dass er mit Mädchen nichts anfangen kann – dass er dafür ausgerechnet einen Frauentanz liebt, behält er noch für sich. „Ich dachte, dass sie erst einmal den einen Schock verdauen müssen.“ Die Eltern gehen davon aus, dass sich das auswachsen wird. Als Zadiel siebzehn ist, sieht er auf einem Zettel an einer Bar in der Nähe des Nollendofplatzes, dass Bauchtänzerinnen für eine orientalische Nacht gesucht werden.

Der Barbesitzer gibt ihm eine Chance. Zadiel hat seinen ersten Auftritt, und er trifft zum ersten Mal auf andere, die seine Leidenschaft teilen. Die Bauchtänzerinnen Carola und Fatima sind überrascht, was Zadiel ohne eine einzige Stunde Unterricht schon draufhat. Zadiel dagegen ist tief beeindruckt vom Selbstbewusstsein und der Ausstrahlung der Frauen. Sie nehmen ihn unter ihre Fittiche und treten als Trio bei Shows, bei Hochzeiten und sogar im türkischen Fernsehen auf.

An seinem neunzehnten Geburtstag tanzt Zadiel vor seiner Familie und seinen Freunden. Die Freunde sind begeistert, die Eltern reagieren sehr verhalten. „Es ist ein langer Prozess für sie gewesen, das zu akzeptieren und sich mit mir zu freuen, aber ich denke, dass man sich mit den Menschen, die man am meisten liebt, auch ehrlich auseinandersetzen muss.“ Heute verkauft sein Vater in seinem Friseursalon am Kottbusser Tor Tickets für die Shows seines Sohnes, und seine Mutter Türkhan feiert mit im SO36, wenn Zadiel bei der schwul-lesbischen Party „Gayhane“ auftritt. „Ich habe mir früher gewünscht, dass meine Tochter Tänzerin wird, nun ist es eben anders gekommen“, sagt sie, „für mich ist mein Sohn der beste Tänzer der Welt.“

Viele männliche Lehrer gab es für Zadiel nicht, einer der wenigen ist Horatio Fuentes, früher Balletttänzer in San Francisco, seit vielen Jahren professioneller Bauchtänzer in Berlin. „Er hat mir sehr geholfen, auch eine eigene männliche Interpretation des Tanzes zu entwickeln.“In den vergangenen Jahren hat Zadiels Karriere Fahrt aufgenommen, er ist schon weltweit aufgetreten, gibt Workshops in Japan, choreographiert in Kalifornien und tanzt jeden Mittwoch bei einer orientalischen Tanzshow im „Madi – Zelt der Sinne“ in Reinickendorf.

Spaß am Unterrichten

In Reinickendorf ist Zadiel auch aufgewachsen und zur Schule gegangen. „Eigentlich nur mit Deutschen“, erinnert er sich, „das war super für mich, allein schon wegen der Sprache.“ Er wohnt immer noch in Reinickendorf bei seinen Eltern, die in den siebziger Jahren aus der Türkei nach Berlin kamen. Schön ruhig ist es hier zum Ausspannen nach den Auftritten. Gleich um die Ecke wohnt Zadiels Freund Markus, der Trompete und Klavier spielt. „Es ist schön, dass wir die Leidenschaft für Musik teilen. Vieles muss ich ihm nicht groß erklären, er versteht meinen Lebenswandel mit den vielen Auftritten.“

Seit vier Jahren gibt Zadiel selber Workshops und hat dabei gemerkt, wieviel Spaß es ihm macht, anderen etwas beizubringen. Deshalb hat er sich eigene Räume in Wedding gesucht und unterrichtet jetzt dort regelmäßig Anfängerinnen und Fortgeschrittene, bisher ausschließlich Frauen. Zadiel erklärt und zeigt. Fast jeden Muskel seines Oberkörpers scheint er einzeln hüpfen lassen zu können, seine Arme unterstützen die Bewegungen perfekt. Dynamisch und schön zugleich sieht das aus. „Für mich ist der orientalische Tanz einfach der perfekte Tanz“, sagt er, „weil man so gut den ganzen Körper einsetzen und kreativ sein kann. Es gibt keine Grenzen.“

Er kann inzwischen gut leben von seiner Leidenschaft, sich auf Erfolgen ausruhen, das kann er nicht. „Bauchtanz trifft Burlesque“ heißt das neue Tanzprojekt in seinem Fortgeschrittenentanzkurs, immer wieder mischt er verschiedene Tanzstile, probiert Neues aus. Am Samstag lädt er zum fünften Mal ein zum großen Bauchtanzhighlight in Berlin: dem internationalen Orientalhane Festival in der „Werkstatt der Kulturen“ in der Wissmannstraße in Kreuzberg. Natürlich wird der Gastgeber auch selber tanzen und mindestens zehn der achtundzwanzig Shimmys zeigen.

Orientalhane Festival, Werkstatt der Kulturen, Wissmannstraße 32, Samstag ab 10 Uhr