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Bauvorhaben in Berlin-Charlottenburg: Ärger um „Neu-Prora“: Anwohner wehren sich gegen Neubau-Projekt

So soll der Neubau in der Seesener Straße aussehen.

So soll der Neubau in der Seesener Straße aussehen.

Foto:

SANUS AG

Die Seesener Straße in Halensee war lange vom Glück beschienen. Oberhalb des Grabens von S-Bahn und Stadtautobahn gelegen, hatten die Bewohner einen unverbauten Blick Richtung Südwesten, bis zum Grunewald. Eine Reihe Kleingärten säumten die ansonsten freie Straßenseite.

Bis vor zwei Jahren zwei große silberne Kästen in den Graben und damit ins Blickfeld der Bewohner geklotzt wurden: ein Bauhaus-Fachmarkt und ein Drive-In des selben Unternehmens. Wenn man so will, war das der Anfang vom Ende des Glücks in der Seesener Straße. Seitdem wird der Blick immer mehr verbaut, denn die Kleingärten standen auf Bauland.

Eine Initiative organisiert Protest

Seit einem Jahr baut der Immobilienentwickler Sanus auf der bisher freien Straßenseite einen Neubauriegel. Der siebengeschossige Baukörper zieht sich gut 200 Meter lang. Die Bewohner auf der anderen Straßenseite hatten rasch einen Spitznamen gefunden: „Neu-Prora“, angelehnt an das KdF-Monstrum auf der Insel Rügen. „Dieser Bau nimmt uns Licht, Luft und Sonne“, sagt Heinz Murken, Sprecher der Bürgerinitiative Henriettenplatz.

Derzeit werden die Anwohner auch noch von der Baustelle genervt. Tagsüber ist die Seesener Straße kaum zu befahren, weil Baufahrzeuge die Szenerie bestimmen.

Ende des Jahres soll die „Seesener Süd“, wie der Neubau auch genannt wird, fertig werden. Bis dahin sollten auch die Schwierigkeiten mit der Kita-Aufsicht des Senats beseitigt sein. Bisher gibt es kein grünes Licht für eine Kindertagesstätte im Neubau, die aber bei dieser Größe vorgeschrieben ist. Noch fehlen Gutachten zu Lärm- und Abgasemissionen – schließlich ist „Neu-Prora“ so groß geraten, dass die Kita eine Freifläche nachweisen soll. Nach Angaben eines Sanus-Sprechers würden die Gutachten bald eingereicht, dann stehe einer Kita nichts mehr im Wege.

Wo es ein Bauvorhaben „Seesener Süd“ gibt, kann ein „Seesener Nord“ nicht weit sein. Direkt anschließend will das Unternehmen HNK eine Zeile mit 170 Mietwohnungen errichten, die im Norden bis zum Henriettenplatz reichen soll. Noch sei aber nicht entschieden, ob es ebenfalls ein durchgehender Riegel, mehrere einzelne Häuser oder ein Zickzack mit teils nach hinten versetzten Baukörpern werden soll, der den Neubau nicht als geschlossene Wand daherkommen ließe.

Auf einer Anwohnerversammlung im Januar ließ der für den Bau engagierte Architekt Ivan Reimann erkennen, dass ihm die Zickzack-Variante sympathisch wäre. Aus dem Publikum schlug ihm aber so oder so Protest entgegen.

Hohn und Spott

Da half es auch nicht, dass HNK-Chef Stefan Nespethal sagte: „Der Kiez wird erheblich aufgewertet. Wir schaffen ein urbanes Stadtquartier.“ Hohn und Spott waren ihm sicher, obwohl Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Marc Schulte (SPD) davon sprach, dass der Neubau „eine Chance für eine Aufwertung des Henriettenplatzes“ gebe. Bisher ist dieser ein etwas verwahrloster Betonplatz, auf dem Hunde und manchmal Obdachlose ihre Notdurft verrichten. Selbst das Argument, der Neubau wirke auch als Lärmschutz zum Bahngraben, verfing nicht. Eine Anwohnerin, die seit 30 Jahren dort wohnt, sagte, es sei ihr noch nie zu laut gewesen.

Der Wahrheit recht nahe kam wohl Architekt Reimann: „Man kann nicht davon sprechen, dass die Seesener Straße eine dunkle Schlucht würde. Sie bleibt eine breite, lichte Straße mit Bäumen.“ Stadtrat Schulte sekundierte: „Eine ganz normale Straße in der Stadt.“