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Bebauung Ex-Militärgelände Lichterfelde: 2700 Wohnungen oder Landschaftspark?

Wo bis 1994 US-Soldaten Häuserkampf übten, sollen in Lichterfelde-Süd auf dem früheren US-Truppenübungsplatz "Park Range" Wohnungen entstehen.

Wo bis 1994 US-Soldaten Häuserkampf übten, sollen in Lichterfelde-Süd auf dem früheren US-Truppenübungsplatz "Park Range" Wohnungen entstehen.

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Sebastian Höhn

Berlin -

Noch vor kurzem schienen die Fronten klar abgesteckt. Bezirk, Bürgerinitiative und Naturschützer auf der einen Seite, Senat und Investor auf der anderen. Bei den Planungen für ein Wohnquartier auf dem früheren US-Truppenübungsplatz „Parks Range“ in Lichterfelde Süd hatten Bezirk und Anwohner ähnliche Vorstellungen: Moderate Bebauung an den Rändern der fast hundert Hektar großen Fläche und großräumiger Erhalt der Natur. Steglitz-Zehlendorfs Bürgermeister Norbert Kopp (CDU) wies Überlegungen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung von rund 3000 neuen Wohnungen stets klar zurück: „Das wird es mit uns nicht geben“, so damals sein Kommentar.

Entsprechend groß ist die Enttäuschung beim örtlichen Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde Süd, seit bekannt wurde, dass es an der Bezirksspitze offensichtlich eine Kehrtwende gab. In einer von Kopp unterschriebenen Absichtserklärung sprechen die Groth Gruppe, Eigentümerin des Geländes, sowie Baustadtrat Norbert Schmidt (CDU) jetzt von bis zu 2 700 Wohnungen. Bislang hatte man zwischen 500 und 1600 neue Wohnungen für vertretbar gehalten, Rathauschef Kopp nannte noch Anfang des Jahres eine Obergrenze von 2000 Wohnungen.

„Das waren eher gefühlte, gewünschte Zahlen“

Wortbruch nennt Reinhard Niebergall vom Aktionsbündnis den Sinneswandel: „Diese Absichtserklärung bringt dem Investor Vertrauensschutz und eine gewisse Planungssicherheit.“ Es würden einfach Fakten geschaffen. Zudem gibt es große Bedenken, ob das Gebiet nahe dem Hochhaus-Quartier Thermometersiedlung weitere 6000 Bewohner aufnehmen könne – wegen der dortigen sozialen Probleme und wegen der Verkehrsinfrastruktur, die schon jetzt an die Grenzen stößt.

In der Initiative ist man auch verärgert über die Größe der potenziell bebaubaren Fläche, die in der Absichtserklärung genannt wird. Von 39 Hektar ist dort die Rede. Ein kurz zuvor veröffentlichtes Naturschutz-Gutachten hatte nur 16 Hektar als vertretbar genannt, zuzüglich elf Hektar „bedingt bebaubarer Fläche“. Die Expertise war vom Bezirk selbst in Auftrag gegeben worden. Baustadtrat Norbert Schmidt (CDU) weist den Vorwurf des Wortbruchs zurück. „Ich habe nie Zahlen genannt“, sagt er. Zur bislang viel geringeren Anzahl von Wohnungen sagt er: „Das waren eher gefühlte, gewünschte Zahlen.“ Mit der Erweiterung auf bis zu 2700 Wohnungen habe man auch ein Eingreifen des Senats verhindern wollen. Laut dem aktuellen Stadtentwicklungsplan (Step) Wohnen sollen bis 2025 jährlich rund 10.000 Wohnungen in Berlin gebaut werden. Die Senatsverwaltung räumt dem früheren Manövergelände eine hohe Priorität ein. Es zählt zu den größten Wohnbauflächen Berlins.

Betriebe müssen verschwinden

Das Aktionsbündnis setzt sich seit 2011 für eine behutsame Wohnbebauung ein. Ein Grund ist die natürliche Wildnis mit vielen schützenswerten Pflanzenarten, die seit dem Abzug der Amerikaner dort entstand. Weite Flächen werden von Pferden der Reitgemeinschaft Holderhof beweidet. Das einzigartige Landschaftspflegeprojekt und das Aktionsbündnis erhielten 2012 den Berliner Umweltpreis der Organisation Bund. Auch die Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz kritisiert die Absichtserklärung des Bezirks: Dass dieser eine solch zentrale Abwägung ohne jede Bürgerbeteiligung einfach mit einem Investor festlege, widerspreche nicht nur dem Geist des Baugesetzbuches, sondern allen bisherigen öffentlichen politischen Bekundungen, heißt es.

Für Zündstoff sorgen die neuen Planungen auch bei den 21 Betrieben am nördlichen Rand des Areals. Sie müssen alle verschwinden, wenn die Bagger anrollen. Es sind Autowerkstätten, eine Tischlerei, ein Winterdienst, insgesamt mit rund 200 Mitarbeitern. Der Bezirk und die Groth Gruppe versprachen, bei der Suche nach Ersatzstandorten und der Umsiedlung zu helfen. Aber passiert ist offenbar wenig. Noch am 17. April hatte Investor Klaus Groth im Stadtentwicklungsausschuss des Abgeordnetenhauses gesagt: „Mit jedem Einzelnen, der dort im Moment seinen Sitz hat, sind wir im Gespräch.“ Man sei auf gutem Wege, eine Lösung zu finden.

Spricht man mit den Betrieben vor Ort, weiß kaum jemand etwas von Gesprächen. „Fast alle haben mir gemeldet, dass man nicht im Gespräch mit Herrn Groth oder der Politik ist“, sagt Monika Weber, die die Verhandlungen auf Seiten der Betriebe organisieren soll. Die Behauptung Groths sei schlicht falsch.