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Beelitzer Lungenheilanstalt: Morbide Sommerfrische

Romantisch mit einer Prise Horrorfilm: Das Lungenheilsanatorium zeugt vom verblichenen Glanz vergangener Tage.

Romantisch mit einer Prise Horrorfilm: Das Lungenheilsanatorium zeugt vom verblichenen Glanz vergangener Tage.

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berliner zeitung/Gerd engelsmann (4)

Beelitz-Heilstätten -

Diesmal stimmt das gängige Versprechen der Makler in Brandenburg: „Nur eine Stunde von Berlin entfernt.“ Wer am Alex in den Zug Richtung Beelitz steigt, ist 50 Minuten später am Ziel: Beelitz-Heilstätten.

Vor hundert Jahren befand sich in dem Kiefernwald bei Beelitz eine der größten Lungenheilanstalten Deutschlands. Dort wurden die Tuberkulose-Kranken aus Berlin behandelt – Tuberkulose war damals eine Volkskrankheit. Heute liegt das Gelände mit seinen 60 Gebäuden brach, die Häuser sind verfallen. „Hier herrscht der Charme des Zauberbergs“, sagt der Berliner Immobilienentwickler Frank Duske. Zur Zeit hat er viele Termine auf dem 200 Hektar großen Krankenhausgelände. Er führt seine Besucher aus Berlin über das Areal und erklärt ihnen, was er da plant.

Flucht aus der Großstadt

Duske will einen Teil des Geländes kaufen und dann ein Creative Village errichten – ein Dorf für Kreative. Drei alte Gebäude, allesamt verfallen, müssen hierfür saniert werden, sie stehen auf einem 44 000 Quadratmeter großen Gelände. Früher befanden sich darin das Sanatorium, die Küche und die Wäscherei der Lungenheilstätte. 50 Studios soll es dort einmal geben, mit bis zu sechs Meter hohen Decken. Gestresste Berliner können sich dort einen Wochenendsitz oder ein Sommerquartier im Grünen einrichten. Oder sie ziehen komplett weg von der stressigen Großstadt in die ruhige Provinz, etwa 50 Kilometer südwestlich von Berlin gelegen. Man braucht nicht mal ein Auto. Die Bahn fährt im Stundentakt.

Frank Duske ist 45 Jahre alt, er hat früher in einer Filmproduktionsfirma gearbeitet und er weiß, was man aus alten Häusern machen kann. Das Krematorium in Berlin-Wedding hat er vor einiger Zeit zu einem Kultur-Campus mit einer Kunsthalle für zeitgenössische Kunst umgebaut. Doch Berlin nervt ihn mittlerweile. Die Immobiliensituation sei „unerträglich“, sagt er. Und auf dem Markt herrschten „Wahnsinnspreise.“

Also schaute er sich in Brandenburg um. Schon vor einiger Zeit war ihm aufgefallen, dass viele seiner Freunde, meist über 40, ihre Wochenenden nicht mehr in Berlin verbringen, sondern so oft es geht in ihren Lauben und Gärten im Umland. Aus dieser Beobachtung entwickelte er sein aktuelles Projekt. Den passenden Ort fand er in Beelitz-Heilstätten. Seit zwei Jahrzehnten steht das Krankenhaus-Gelände leer. Zuletzt hatten es die russischen Truppen der Sowjetarmee als Hospital genutzt. 1994 zogen sie ab. Seitdem ist der Ort ein beliebtes Fotomotiv.

Frank Duske verhandelte mit den Eigentümern, im Herbst soll der Kauf perfekt sein. Zwölf Millionen Euro kostet der Umbau der Gebäude. Die alten Räume, so das Konzept, sollen nach der Kernsanierung ihren industriellen Charme behalten. Sie bekommen Parkett und Thermofenster, aber „keine edlen Fliesen im Townhouse-Schick“, so Duske. Möglichst viel vom alten Charakter solle erhalten bleiben – auch die Laubfarben der Häuser in Grün, Rot und Braun. Gemeinsame Abende sollen die Bewohner der Siedlung in einem Kaminzimmer verbringen können.

Zu den neuen Bewohnern der 45 bis 240 Quadratmeter großen Studios gehören Musiker, Kostümbildner, Drehbuchautoren und Mitarbeiter von Agenturen. Alle wohnen noch in Berlin. Und ein Studio im Kiefernwald ist ihnen offenbar lieber als ein Eigenheim mit englischem Rasen. Im Frühjahr 2015 können die ersten Bewohner einziehen, so Duskes Plan. Er hofft auf eine Gemeinschaft, die lieber im gemeinsamen Kräutergarten arbeitet und abends füreinander kocht, als die ganze Zeit im Liegestuhl zu verbringen.