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Berliner Zeitung | Begegnungszone in Berlin Schöneberg: Bummelparadies und Autofahrerhölle Maaßenstraße
06. October 2015
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Begegnungszone in Berlin Schöneberg: Bummelparadies und Autofahrerhölle Maaßenstraße

Früher Fahrbahn, jetzt Ruhezone: Auf der Maaßenstraße stehen nun Sitzbänke. Bunt bemalte Betonwürfel grenzen den neuen Fußgängerbereich ab.

Früher Fahrbahn, jetzt Ruhezone: Auf der Maaßenstraße stehen nun Sitzbänke. Bunt bemalte Betonwürfel grenzen den neuen Fußgängerbereich ab.

Foto:

Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Wenn es eine Hölle für Autofahrer gäbe, sähe sie vermutlich so aus wie die Maaßenstraße in Schöneberg. Mit Hilfe von Betonwürfeln ist die einst geradlinig verlaufende Fahrbahn in einen Kurvenkurs verwandelt worden. Auf dem Asphalt stehen Bänke und ein ebenfalls stählernes Kunstwerk, das offenbar Gehirnwindungen darstellen soll. Stellplätze gibt es fast nicht mehr. Wo Autos parkten, warten nun Betontiere darauf, von Kindern geritten zu werden. Willkommen in der ersten Begegnungszone Berlins! Am Montag wurde der Schonraum für Fußgänger offiziell freigegeben.

Staatssekretär Christian Gaebler ahnte schon, dass es Kritik gibt. „Dass dieses Konzept nicht jeden sofort überzeugt, wissen wir alle“, sagte der SPD-Politiker während der Eröffnungsfeier. Doch er verteidigte es vehement, auch den Wegfall von mehr als 40 Parkplätzen. Im Schnitt würden Autos täglich eine Stunde bewegt, sagte Gaebler. „Es kann nicht sein, dass sie 23 Stunden so viel Platz belegen. Platz, den wir für andere Nutzungen brauchen“ – vor allem zum Gehen oder Ausruhen.

Zwar werden in Berlin fast ein Drittel aller Wege zu Fuß zurückgelegt. Doch im Verkehr würden Fußgänger zu oft an die Seite gedrängt.

„Ungemütlich und kalt“

Begegnungszonen, ein Konzept aus der Schweiz und inzwischen auch der Fußverkehrsstrategie des Senats, sollen ihnen mehr Raum verschaffen – auf drei Straßen, auf denen weitaus mehr Passanten als Autos unterwegs sind. Im übernächsten Jahr ist die Bergmannstraße in Kreuzberg an der Reihe, danach die Friedrichstraße am Checkpoint Charlie. Den Anfang macht nun die Maaßenstraße zwischen Winterfeldt- und Nollendorfplatz, die für 800 000 Euro umgebaut worden ist.

Dass es kaum noch Parkplätze gibt, sei verkraftbar, so Senatsplaner Horst Wohlfarth von Alm. „Im Umkreis gibt es tausend Stellflächen.“ Der gewonnene Platz wurde den Fußgängern zugeschlagen, eine Bezirkssatzung verhindert, dass Gastronomen ihn beanspruchen dürfen. Die Maaßenstraße gilt jetzt als verkehrsberuhigter Geschäftsbereich mit Tempo 20. Die früher fast 15 Meter breite Verkehrsfläche für Autos ist zu einer rund 5,50 Meter schmalen Fahrbahn geschrumpft. Um Kraftfahrzeuge zusätzlich zu bremsen, gibt es außerdem eine Engstelle von 3,25 Metern. „Jedem Autofahrer soll klar sein: Hier muss ich auf andere achten“, so Gaebler.

Anwohner streiten nicht ab, dass sich auf der Maaßenstraße etwas ändern musste. Regelmäßig rasten Limousinen und Motorräder dort entlang, erzählte Hubert Pelz, Vorsitzender der Initiative lärmfreier Nollendorfkiez. „Einmal habe ich 120 Dezibel gemessen. Ich dachte, ich bin auf dem Nürburgring.“ Pelz wohnt seit 55 Jahren an der Straße.

Aufregung um weggefallene Parkplätze

Als 2013 die Bürgerbeteiligung für die Begegnungszone begann, schöpften die Bürger Hoffnung. Doch der Wegfall der Parkplätze regt sie auf. „An ihrer Stelle wurde eine rechtsfreie Zone geschaffen“, sagte Pelz. Radfahrer hätten den Raum, der Autos weggenommen wurde, in Beschlag genommen. „Meine Meinung: Radfahrer und Hühner gehören nicht in den Straßenverkehr. Die lassen sich nicht disziplinieren.“

„Das hier bringt uns keinen Gewinn“, klagte eine Frau vom Winterfeldtplatz. „Etwa die Stahlbänke: ungemütlich und kalt.“ Und überhaupt: „Ich setze mich doch nicht mitten auf die Straße.“ Selbst mit Kurven ließen sich manche Fahrer nicht disziplinieren: „Kürzlich wurde wieder gerast – um drei Uhr.“

„Weniger Verkehr wird es hier nicht geben, dafür mehr Stau“, sagte Amir Taremizad vom Café Maxway Coffee. Die Straße sei nur noch einspurig: „Wenn ein Liefer- oder Müllauto anhält, ist sie sofort dicht.“

Solche Probleme gab es früher auch schon, entgegnete Angelika Schöttler, die Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg. „Weil es keine freien Parkplätze gab, wurde oft in der zweiten Reihe geparkt“, so die SPD-Politikerin. „Zwei Kollegen von mir wohnen hier, auch sie klagten über die Autorennen“, berichtete Martin Schlegel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Sie finden die Umgestaltung gut, ich auch. Auch die Goltz- und Akazienstraße sollten nun Begegnungszone werden.“ Wenn das Schloss in Mitte fertig ist, müsste die Karl-Liebknecht-Straße folgen: „Am Schloss werden Menschenmassen unterwegs sein.“