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Behinderten-Schikane: Unter den Wolken

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Heiko Sailer hat als Rollstuhlfahrer Probleme bei Air Berlin bzw. Etihad einen Flug zu Buchen. Er wird als Behinderter diskriminiert.
Heiko Sailer hat als Rollstuhlfahrer Probleme bei Air Berlin bzw. Etihad einen Flug zu Buchen. Er wird als Behinderter diskriminiert.
Foto: Markus Wächter
Berlin –  

Das europäische Recht sollte jeden Bürger vor Diskriminierung schützen. Die Realität sieht leider anders aus. Wie die Fluggesellschaften Air Berlin und Etihad einen Berliner Rollstuhlfahrer mit bizarren Auflagen schikanierten.

Die EU-Verordnung 1107/2006 des Europäischen Parlaments ist nicht sonderlich elegant formuliert, aber sie legt den Umgang mit behinderten Fluggästen unmissverständlich fest: „Personen mit eingeschränkter Mobilität haben in Flughäfen und an Bord von Luftfahrzeugen Anspruch auf unentgeltliche Hilfeleistung.“ Airlines ist es danach verboten, die Beförderung eines Menschen abzulehnen, der beispielsweise im Rollstuhl sitzt. Soweit die Theorie.

Heiko Sailer musste erleben, dass das europäische Recht nicht automatisch vor Schikanen und Diskriminierung schützt. Der 37-jährige Berliner ist in Folge einer Viruserkrankung seit 1994 auf einen Rollstuhl angewiesen. Als Unternehmensberater im Gesundheitssektor ist er viel mit dem Flugzeug unterwegs, er nimmt an den Vielfliegerprogrammen von Lufthansa und von Air Berlin teil. Oder besser: Er nahm daran teil. Denn Air Berlin wird Sailer, soweit Alternativen bestehen, künftig meiden. Dies hat mit bemerkenswerten Umständen einer Buchung von Berlin nach Bangkok zu tun.

Sensible medizinische Fragen

Als Sailer den Service „Wheel chair for cabin seat“ anmelden wollte, mit dem er normalerweise im Rollstuhl an und von Bord gebracht wird, teilte Air Berlin mit, dies sei nur bis zur Zwischenlandung in Abu Dhabi möglich. Im Anschluss übernehme die Partnergesellschaft Etihad, mit der Sailer sich zwecks Rollstuhlbeförderung ins Benehmen setzen möge. Der 37-Jährige war irritiert. Solches Vorgehen hatte der erfahrene Vielflieger bisher nicht erlebt. Seinen Einwand, er habe schließlich die komplette Reise mit Air Berlin gebucht, wies das Unternehmen ab. Zuständig sei Etihad: „Das ist halt so.“

Besagtes „so“ entwickelte alsbald bizarre Züge: Etihad verlangte von Sailer, ein mehrseitiges Formular mit teils sensiblen medizinischen Fragen auszufüllen, die etwa Blutdruck, Art der Erkrankung, Ruhepuls, Gewicht und Körpergröße betrafen. Überdies müsse der Kunde einen niedergelassenen Arzt aufsuchen, der einen Teil der Fragen zu beantworten habe. Erst im Anschluss werde Etihad entscheiden, ob Sailer mit einem Weitertransport von Abu Dhabi nach Bangkok rechnen könne.

Zähneknirschend begab sich der Berliner daraufhin zu seinem Hausarzt. Die Formulare wurden am 26. Oktober per Mail an Etihad versandt. Eine Woche darauf kontaktierte Sailer die Airline, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, da der geplante Abflug am 18. November immer näher rückte. Nach 30 Minuten in der Warteschleife teilte die Fluggesellschaft mit, man benötige ein in englischer Sprache verfasstes Schreiben des Hausarztes mit eingehender Begründung für die Notwendigkeit des Rollstuhls. Ohne dieses Papier sei ein Transport nicht möglich. In diesem Moment geriet Sailer außer Fassung. „Ich habe den Mitarbeiter am Telefon angebrüllt und nach seinem Vorgesetztem verlangt“, erzählt er.

Ein solches Gespräch kam aber nicht zustande. Stattdessen teilte man ihm mit, eigentlich sei ohnehin Air Berlin für den Rollstuhltransport zuständig. Dem folgte eine Stellungnahme von Air Berlin, allein Etihad zeichne für den Service ab Abu Dhabi verantwortlich. Auch der Berliner Zeitung teilte Air Berlin auf Anfrage mit, dass Sonderleistungen wie der Transport von Rollstühlen vom Fluggast bei den Airlines gesondert beantragt werden müssten.

Air Berlin bittet um Entschuldigung

Damit allerdings liegt die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft nach Auskunft des Luftfahrtbundesamtes und von Verbraucherschützern falsch. „Grundsätzlich ist die Fluggesellschaft, bei dem der gesamte Flug gebucht wurde, für den Transport des Rollstuhlfahrers bis zum Zielflughafen verantwortlich“, sagt Sabine Fischer-Volk, die sich als Juristin bei der Verbraucherzentrale Brandenburg unter anderem auf Fluggastrechte spezialisiert hat. Auch datenschutzrechtlich sei das Vorgehen kritikwürdig.

Medizinische Angaben dürften nur erfragt werden, sofern sie durch die Behinderung erhöhte gesundheitliche Risiken beträfen. „Der Puls eines Rollstuhlfahrers zählt gewiss nicht dazu“, so Fischer-Volk. Das Luftfahrtbundesamt als zuständige Aufsichtsbehörde bestätigt: Air Berlin sei verpflichtet, den Transport eines Rollstuhlfahrers „über die gesamte Flugstrecke durchzubuchen“. Man habe in der Angelegenheit bereits Kontakt zur Airline aufgenommen.

Offenbar zeigten die Akivitäten der Aufsichtsbehörde Wirkung. Air Berlin bat Sailer mittlerweile für die „entstandenen Unannehmlichkeiten“ um Entschuldigung. Etihad Airways habe versichert, dass alle gewünschten Anmeldungen vorgenommen und bestätigt wurden. „Im Anhang finden Sie nochmals Ihre Reisedaten mit den bestätigten Sonderleistungen bezüglich des Rollstuhls und Sitzplatzes.“ Air Berlin will Sailers Anmerkungen auswerten und in die „Serviceoptimierung“ einfließen lassen.

Man darf gespannt sein.

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