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Bei Madame Tussauds gibt es für jeden Star eine Bürste

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Am 5. Juli 2008 wurde Madame Tussauds Unter den Linden eröffnet. Jährlich kommen Tausende Besucher.

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imago

Ihre Tante hatte die Anzeige entdeckt, mit der Madame Tussauds im Frühjahr 2008 nach Mitarbeitern suchte. Gerty Klimpel, damals frischgebackene Friseurin mit Ambitionen zur Maskenbildnerin, bewarb sich – eigentlich nur für eine Tätigkeit als Kassiererin und Besucherbetreuerin. „Mein damaliger Chef hat dann in den Bewerbungsunterlagen gelesen, dass ich eine Friseurlehre gemacht habe“, sagt sie, während sie die Locken von Barbara Schöneberger nachdreht.

So kam sie einen Monat vor der Eröffnung im Juli 2008 in die Werkstatt des Berliner Wachsfigurenkabinetts, die sie heute leitet. Jeden Morgen vor Ausstellungseröffnung überprüft die 31-Jährige gemeinsam mit ihren beiden Mitarbeiterinnen den Zustand der mittlerweile 123 in Wachs nachgebildeten Stars. Sind George Clooneys Haare gekämmt? Sein Anzug staubfrei? Ist ihm wieder ein begeisterter Fan auf die schwarzen Lackschuhe gestiegen? Für jedes dieser Probleme hat Gerty Klimpel eine Bürste eingesteckt.

Das Echthaar wird gewaschen

Routiniert poliert und frisiert sie dann Kostüme und Haare, geschickt bewegt sie sich an den Körpern entlang oder schlängelt sich unter ihnen hinweg, um kleinste Details zu prüfen und Mängel zu reparieren. „Es hat eine Weile gedauert, bis man die Prozesse verinnerlicht hat“, erinnert sie sich an ihre Anfangszeit, in der sie von den Kollegen des Londoner Mutter-Unternehmens in der Pflege der Wachsfiguren unterrichtet wurde. Sie lernte, wie man die Ölfarbe anmischt, mit der die Haut coloriert wird, und wie man das Echthaar der Stars wäscht.

Auch das An- und Ausziehen der Kleidung, die regelmäßig aufgefrischt werden muss, ist eine trickreiche Angelegenheit: „Die Figuren helfen ja nicht mit“, sagt Gerty Klimpel. Überdies halten manche ihre Hände eng am Körper. Wie gut, dass deren Kleidung mehr Öffnungen und Reißverschlüsse hat, als der Laie annimmt.

Elyas M’Bareks Schuhe müssen ab und zu geputzt werden.

Elyas M’Bareks Schuhe müssen ab und zu geputzt werden.

Heute bringt die Werkstattleiterin nicht mal ein abgerissenes Ohr aus der Fassung – ein Unglück, das nicht nur der Papst-Figur widerfuhr, weil das Wachs mit der Zeit weich wird und dann nachgibt. Die oft jungen Fans gehen nicht gerade zimperlich mit den Figuren um, die aufgrund des hohen Aufwandes bei der Fertigung einen Wert von 200.000 Euro haben. Glücklicherweise, sagt Klimpel, sei noch keine Figur völlig zerstört worden.

Make-up auf dem Jackett von Moritz Bleibtreu

Drei Stunden lang ist Gerty Klimpel mit ihrem Rundgang beschäftigt, bevor die Ausstellung 10 Uhr öffnet. Beinahe ungeniert dürfen Besucher dann ihren Idolen zunahe rücken, jede Narbe, jedes Brusthaar, jedes Fettpölsterchen an ihnen studieren. Sie können die Figuren anfassen – Jennifer Lopez sogar in den weichen Silikon-Hintern kneifen. Wer möchte, kleidet sich passend zum Stil der Berühmtheiten, wirft etwa ein Barockkostüm über, wenn er sich mit Bach ablichten möchte.

Da passiert es schon mal, dass das Make-up eines weiblichen Fans auf dem dunklen Jackett eines Taylor Lautner oder Moritz Bleibtreu landet. Auch Ketten und Armbänder verschwinden schon mal in den Taschen von Souvenir-Jägern, die Gerty Klimpel dann ersetzen muss. Mit einem Shampoo für trockene Haare pflegt sie die Mähnen der Stars, die unter den mit Staub und Fett behafteten Besucherhänden allmählich stumpf zu werden drohen. Haare, die vom Ausstellungslicht ausgebleicht und rötlich wirken, werden mit professionellen Friseurfarben nachgetönt.

Barbara Schönberger wird von Gerty Klimpel aufbereitet.

Barbara Schönberger wird von Gerty Klimpel aufbereitet.

Oh, das Kinn von Manuel Neuer glänzt. Gerty Klimpel nimmt einen Pinsel und klopft mit dessen harten Borsten gegen das Kinn des weltberühmten Keepers. „Ein, zwei Mal bekommt man so das Glänzen wieder weg.“ Ist die Wachshaut der Figur aber gar zu „abgeliebt“ worden, was bei den Ausstellungs-Stars wie Robbie Williams und Elyas M’Barek nach etwa einem Jahr der Fall ist, müssen sie zur Generalüberholung in die Werkstatt.

Dort wird zum Beispiel die alte Ölfarbe entfernt und die neue angemischt – mit Rot-, Blau- und sogar Grün-Nuancen – und anschließend mit Pinseln Schicht für Schicht aufgesprenkelt, bis die Hautstruktur völlig realistisch wirkt. Diese Prozedur ist langwierig und verlangt Fingerspitzengefühl. Am Ende hat Sängerin Taylor Swift wieder ihren markanten orangeroten Kussmund – und nicht einmal die Sommersprossen fehlen auf ihrem Dekolleté.