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Bei Single-Börse „Im Gegenteil“ ist alles handgemacht

Jule Müller und Annelie Kralisch-Pehlke gründeten eine Single-Börse.

Jule Müller und Annelie Kralisch-Pehlke gründeten eine Single-Börse.

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IM GEGENTEIL

Nachts an der Bar sind schon viele Geschäftsideen entstanden. Eher seltener ist es, dass sie den Kater am nächsten Tag überleben. Jule Müller und Annelie Kralisch-Pehlke saßen eines Abends in einer Kneipe in Neukölln, sie tranken, redeten über das, was man halt so redet, unter Freundinnen, wenn die eine verheiratet und die andere Single ist. Über Dating. Jule Müller beschwerte sich, dass ihr bei den Single-Börsen meist nur Cabrio fahrende Banker über 50 angeboten wurden, die nach einer Trophäe suchten. Wo finden jüngere Menschen die Liebe? Man müsste selbst was auf die Beine stellen, sagten die Freundinnen. Eine andere Single-Börse, persönlicher, liebevoll, handgemacht.

Am nächsten Morgen fanden die beiden ihre Idee immer noch gut. Sie spannten befreundete Webdesigner und Grafiker ein, porträtierten Bekannte, die auf Partnersuche sind. Innerhalb von fünf Monaten entstand 2013 die Single-Börse „Im Gegenteil“. Es lief so gut, dass Jule Müller nach zwei Monaten ihren Job als Online-Redakteurin aufgab. Inzwischen hat die Seite mehr als 800.000 Seitenaufrufe pro Monat. Es werden nicht nur Singles aus Berlin, sondern auch aus anderen deutschen Großstädten vorgestellt. Das Besondere an „Im Gegenteil“: Die Macherinnen akzeptieren nicht jeden, man muss sich bewerben, dann wird aussortiert. Ein Auswahlkriterium sei das Alter. „Frauen über 43 bekommen keine Post, das ist unsere Erfahrung“, sagt Annelie Kralisch-Pehlke (32), die fürs Marketing zuständig ist.

Die meisten porträtierten Singles sind 20 und 40 und Großstädter. Sie werden in ihrer Wohnung porträtiert und mit eigenen Texten vorgestellt. „Ran an den Daniel, der ist Top-Material“, steht dann da. Obwohl „Im Gegenteil“ schon über 400 Singles vorgestellt hat, hat man das Gefühl, es handle sich um Freunde der Macherinnen. Interessant auch, wie ähnlich die so auf Individualität bedachten Porträtierten doch sind, weiße Möbel, in Einweckgläsern drapierte Blumen, eine Oma-Stehlampe, natürlich ironisch. Was sie über sich erzählen, bleibt oft sehr allgemein. Wer bei „Im Gegenteil“ angenommen wird, muss zunächst nichts zahlen. Die Seite finanziert sich über Werbekooperationen mit Firmen wie Zalando.

Jule Müller hat ihr Start-up beruflich zwar Glück gebracht, privat sucht sie aber noch. Nach einer Beziehung, die „Im Gegenteil“ vermittelt hatte, ist sie wieder Single – und ihr Profil online.