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BER-Debakel: Flughafen-Aufsichtsrat als Schlangengrube

Der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel gilt als streitbar.

Der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel gilt als streitbar.

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dpa

Berlin -

Hans-Olaf Henkel war früher Manager bei IBM und Chef des Bundesverbandes der Industrie, man kann annehmen, dass er sich mit der Arbeit von Aufsichtsräten auskennt. Selbst wenn man die ihm eigene Theatralik in Betracht zieht, warf sein Auftritt im Flughafen-Untersuchungsausschuss am Freitag doch ein Schlaglicht auf die Probleme, mit denen das Milliardenprojekt von Anfang an zu kämpfen hatte: "Es war eine Schlangengrube, ein Hühnerhaufen, der schlimmste Aufsichtsrat, den ich je erlebt habe", sagt er im Rückblick. Henkel übernahm 1994 den Vorsitz des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft, "aus patriotischer Pflicht", wie er heute sagt.

Henkel, 72 Jahre alt und Unterstützer der Freien Wähler, gehört zu den Zeugen, die im Untersuchungsausschuss im Abgeordnetenhaus eingeladen sind. Später wird auch der ehemalige Regierende Bürgermeister, Eberhard Diepgen (CDU), auftreten. Zwar wird man nichts über die Ursachen der aktuellen Probleme erfahren, aber man lernt, dass die Kommunikation bei dem Milliardenprojekt von Anfang an nicht funktionierte.

Flughafen als Jobmaschine

Die Abgeordneten wollen wissen, warum es zu der Entscheidung für Schönefeld kam. Henkel verteidigt seine damalige Entscheidung, nicht den Aufsichtsrat, sondern die Gesellschafter, den Bund sowie die Länder Berlin und Brandenburg, über den Standort entscheiden zu lassen.

Der Aufsichtsrat sei extrem schwer zu kontrollieren gewesen. Siehe Schlangengrube. Wenn es zu einer Abstimmung gekommen wäre, hätte sich der Aufsichtsrat aber wohl für Sperenberg entschieden. Vor allem die Arbeitnehmervertreter, die Gewerkschaft ÖTV, blockierten laut Henkel Alternativen zu Sperenberg. Brandenburg drängte auf Sperenberg oder Jüterbog, erinnert sich Eberhard Diepgen.

Was Diepgen selbst wollte, ist nicht so ganz klar. "Ich hatte immer den Eindruck, er wollte Tempelhof offen lassen und gleichzeitig Schönefeld", mutmaßt Henkel. Klingt nicht falsch. Der Flughafen sollte eine Jobmaschine werden, und vor allem die West-Berliner CDU konnte dem Gedanken, dass davon womöglich die märkische Pampa profitieren würde, nichts abgewinnen.

Henkel ist direkt - Diepgen weicht aus

Im Juni 1996, nach dem gescheiterten Volksbegehren zur Fusion mit Brandenburg, fällten Bundesminister Wissmann, Ministerpräsident Stolpe und der Regierende Bürgermeister Diepgen den sogenannten Konsensbeschluss – sie gaben die Empfehlung an die Flughafen-Gesellschaft für den Standort Schönefeld ab. Tegel und Tempelhof sollten geschlossen werden. Darunter leidet die CDU bis heute. Henkel hatte zu dem Zeitpunkt schon frustriert seinen Rückzug erklärt, Nachfolger als Aufsichtsratschef wurde Diepgen.

Die Linken-Abgeordnete Jutta Matuschek vermisst in Henkels Ausführungen ein Wort zur Privatisierung. Sie fragt, ob es bei der Entscheidung nicht eher darum ging, den Standort zu wählen, den potenzielle Investoren bevorzugen, also Schönefeld. Dazu erinnert sich Henkel kaum. Die Pläne, den Flughafen mit privaten Investoren zu bauen, scheiterten später. Das Geld kommt nun vom Steuerzahler.

Nach dem Konsensbeschluss sei ihm klar gewesen, dass Schönefeld aus Berliner Sicht die beste Lösung sei, meint Henkel. "Die Bevölkerung hätte aufgejault, wenn sie nach Sperenberg hätten fahren müssen." Diepgen selbst sagt, ausschlaggebend sei die Sorge um die Belastungen für die Natur um Sperenberg gewesen. Er klingt, als wäre er damals über Nacht ein Grüner geworden.

Sein Auftritt ist das Gegenteil von Henkel. Wo Henkel direkt ist, weicht Diepgen aus. Die Frage der Arbeitsplätze spielte eine Rolle, sagt er. Berlin hatte Anfang der 90er Jahre 80.000 Arbeitsplätze verloren. Mit dem Beschluss für Schönefeld überstimmte er den Koalitionspartner, die SPD, die Sperenberg bevorzugte. Stellvertretender Fraktionschef war damals Klaus Wowereit.

Als neuen Flughafen-Chef empfahl Hans-Olaf Henkel übrigens auch Wilhelm Bender, früher Chef des Frankfurter Flughafens. "Wenn es gelänge, ihn zu überreden, noch mal etwas für das Vaterland zu tun, wäre das ein Riesenfortschritt." Wilhelm Bender wurde offenbar gefragt, hat sich aber noch nicht entschieden.