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Berliner Zeitung | Bericht von Opferberatungsstelle Reach Out: Mehr Gewalt gegen Minderheiten in Berlin
12. March 2014
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Bericht von Opferberatungsstelle Reach Out: Mehr Gewalt gegen Minderheiten in Berlin

Das Wandgemälde an der Schule, in dem das neue Flüchtlingswohnheim in Berlin-Hellersdorf untergebracht wurde. Hier wurden die meisten Übergriffe registriert.

Das Wandgemälde an der Schule, in dem das neue Flüchtlingswohnheim in Berlin-Hellersdorf untergebracht wurde. Hier wurden die meisten Übergriffe registriert.

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dpa

November 2013: Ein Tourist ist mit zwei Freunden in der U5 unterwegs. Ein Unbekannter beleidigt ihn rassistisch und schlägt ihm ins Gesicht. August 2013: Teilnehmer einer Mahnwache vor dem Flüchtlingsheim in Hellersdorf werden von einem Neonazi und weiteren Personen bedroht.

Das sind nur zwei Vorfälle von vielen, bei denen Menschen wegen ihrer Herkunft oder Einstellung gejagt oder bedroht wurden. Am Mittwoch stellte die Opferberatungsstelle Reachout (zu deutsch ausstrecken oder hinausreichen) die von ihr erfassten Zahlen rechter, rassistischer, homophober und antisemitischer Angriffe vor.

„Bei Gewalttaten und Bedrohungen ist ein Anstieg von mehr als 30 Prozent zu beklagen“, sagte Sabine Seyb von Reachout. „Mit 185 Vorfällen haben wir die höchste Zahl seit Gründung unsere Projektes im Jahr 2001.“ Rassismus sei das häufigste Tatmotiv, gefolgt von Homophobie (44 Angriffe) und Gewalt gegen Andersdenkende. Der größte Teil der Angriffe fand in aller Öffentlichkeit statt, 121 Taten auf Straßen, Plätzen und Haltestellen. In 42 Fällen wurden Gewalttaten in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf Bahnhöfen verübt.

Es ist tatsächlich mehr passiert

Ihre Zahlen trug die Beratungsstelle zusammen aus Pressemeldungen der Polizei, aus Informationen von Polizisten, die nicht in Pressemeldungen erschienen, von Antifa-Gruppen, von Betroffenen und Zeugen. Das erklärt, warum die Zahlen höher sind als die der Polizei, die im vergangenen Jahr 83 rechte Gewaltdelikte zählte.

Die Zunahme von Gewalt gegen Minderheiten erklärt Reachout mit zwei Ursachen: Zum einen sei tatsächlich mehr passiert, andererseits würden mehr Taten angezeigt. „Wir gehen davon aus, dass unser kontinuierliches Monitoring rechter, rassistischer und antisemitischer Angriffe erheblich dazu beiträgt, das Dunkelfeld zu erhellen“, sagte Sabine Seyb. Auch die Ermittlungsbehörden würden genauer hinschauen.

Dennoch bleibe zu kritisieren, dass die Polizei im Umgang mit den Opfern wenig sensibel sei. Als Beispiel nannte sie einen Fall vom 4. Mai in Wedding: Ein Radler auf dem Gehweg der Kameruner Straße fühlte sich von zwei Kindern gestört. Er beleidigte den Vater und einen Zeugen rassistisch und verletzte sie mit einem Messer. Obwohl der Radler bei der Polizei ankündigte, „den Scheiß Neger abzustechen“, habe die Polizei die Opfer behandelt, als ob sie die Angreifer waren, behauptet Seyb.

Brennpunkt Hellersdorf

Beigetragen zum Anstieg der Gewalt hat die Debatte um neue Flüchtlingsheime. Brennpunkt ist Hellersdorf, wo es massive Propaganda gegen das Heim in der Carola-Neher-Straße gab. Hier wurden die die meisten Angriffe registriert. Es folgen Kreuzberg, Friedrichshain, Schöneberg, Treptow. In Kreuzberg und Schöneberg ereigneten sich vor allem homophobe Gewalttaten. Seyb bestritt, dass es sich beim Großteil der Täter um junge Männer mit Migrationshintergrund handele, wie Schwulenverbände seit Jahren mehr oder weniger offen kritisieren. Homophobie sei überall verbreitet, sagte sie.

Wesentlich niedrigschwelliger gehen zivilgesellschaftliche Netzwerke wie das Berliner Register heran. In diesem Jahr werden in allen Bezirken Registerstellen eingerichtet, die vom Senat finanziert werden. Sie wollen „den Alltagsrassismus sichtbar machen“ und listen neben Gewalt und Beleidigungen auch Propagandadelikte wie Schmierereien und Hetzplakate auf. Einer der Schwerpunkte ist Niederschöneweide und Köpenick. Dagegen zieht sich im Weitlingkiez in Lichtenberg die rechte Szene zurück. Die Register haben berlinweit 900 Vorfälle dokumentiert, die Hälfte davon Propagandadelikte.

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