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Berlin, Ernst-Thälmann-Park : Plötzlich wohnt man in bester Lage

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Im Ernst-Thälmann-Park wird sich viel verändern. Plötzlich interessieren sich Investoren für das Neubaugebiet in Prenzlauer Berg, das lange die letzte Ost-Oase war. Die Bewohner haben Angst.

Die Bewohner der Wohnanlage Ella sind noch gar nicht eingezogen, ihr Haus ist noch nicht einmal gebaut, da steht schon fest: Sie sind nicht willkommen, sie werden es nicht leicht haben mit den Mietern im Ernst-Thälmann-Park. Denn der Neubau an der Ella-Kay-Straße ist für manche Bewohner der Plattenbauwohnungen ein Fremdkörper, ein Luxusobjekt mit Tiefgarage, Balkonen, Gärten und Terrassen. So etwas passt nicht hierher, sagen sie.

22 Millionen Euro kostet das siebengeschossige Wohnhaus, die Hälfte der 77 Wohnungen sind Eigentumswohnungen, bis zu 4200 Euro kostet ein Quadratmeter. 2015 soll der Bau fertig sein. Der Neubau sorgt für Unruhe im Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg. Wohl auch deshalb, weil er nicht der einzige ist. Plötzlich interessieren sich Investoren für das Neubaugebiet, das in der DDR ein Vorzeigeobjekt für sozialen Wohnungsbau war. Vor ein paar Wochen hingen Zettel in den Hausfluren: „Die Immobilienspekulanten haben das Thälmann-Park-Areal entdeckt. Steigen dann unsere Mieten, wenn der Thälmann-Park aufgepeppt wird?“ Diese Frage stellen sich jetzt viele, die Antwort kennt keiner.

„Die Bewohner haben Angst“, sagt Markus Seng. Der 48-jährige Physiker zog vor drei Jahren mit seiner Frau in eine 104 Quadratmeter große Vier-Zimmer-Wohnung im Thälmann-Park. 900 Euro warm kostet sie. Es ist eine schöne Wohnung. Die Gewobag hat den Grundriss geändert. Von einem „Wohngefühl wie im Altbau“, spricht Seng, der im Schwarzwald aufwuchs.

Jetzt gehört er zur neu gegründeten Bürgerinitiative. Die Aktivisten wollen wissen, was geplant ist und was passiert. Sie haben Arbeitsgruppen gebildet, sie organisieren den Protest, verteilen Aufgaben. Sie reden über Altlasten, steigende Mieten und die Angst vor Vertreibung. Jetzt hat die Gentrifizierungsdebatte den Ernst-Thälmann-Park erreicht.

Die letzte Ost-Oase

Jahrzehntelang hat sich niemand für das Wohnviertel zwischen Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee interessiert. In den begehrten Altbauvierteln ringsherum, im Helmholtzkiez, dem Winsviertel und am Kollwitzplatz, stiegen die Preise für sanierte Gründerzeitwohnungen um ein Vielfaches. Mietpreise über zehn Euro kalt pro Quadratmeter sind üblich. Auf Brachflächen entstanden Stadtvillen im Altbaustil. Und der Thälmann-Park blieb die letzte Ost-Oase.

Für die etwa 4000 Bewohner im Thälmann-Park änderte sich in den vergangenen Jahren nicht viel. Die Durchschnittsmiete liegt heute bei knapp fünf Euro kalt. Die Mieterbindung sei hoch, heißt es bei der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, der die Wohnungen gehören.

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Heute liegt die Warmmiete bei 720 Euro. Dabei wird es nicht bleiben. Denn die Gewobag will die Wohnungen modernisieren. Ab 2015 werden Haustechnik und Fenster erneuert, die Fassade gedämmt. Dann steigen die Mieten. Neun Prozent der Modernisierungskosten werden dann voraussichtlich auf die Miete angerechnet. Vor allem die Altmieter, die in den Achtzigern einzogen, sorgen sich, ihre Wohnungen könnten dann zu teuer werden.

Das ist die eine Seite. Hinzu kommen Investoren, die den Thälmann-Park jetzt entdeckt haben. Doch sie interessieren sich nicht für die Plattenbauten, das Areal hat einen großen Vorteil. Es bietet Platz für neue Häuser. In der Nachbarschaft sind alle Brachflächen zugebaut, im Thälmann-Park findet man etliche Freiflächen. Wiesen, Parkplätze. Nun ist der Thälmann-Park begehrt. Beste Lage, Innenstadt.

Kritik an Protzarchitektur

Der Wandel begann vor zwei Jahren: Da entstand an der Danziger Straße der Prenzlauer Bogen, ein Neubau im Altbaustil mit hohen Decken, Terrassen und Privatgarten. Manche Bewohner sprechen von „Protzarchitektur“. Ein paar Meter weiter steht das Bauschild für die Wohnanlage Ella. Bagger schaufeln Erde weg. Geht man weiter in Richtung S-Bahn, erreicht man den früheren Güterbahnhof Greifswalder Straße, heute ein Brache. Häuser mit 600 Wohnungen will ein Investor dort bauen.

Blick auf den Alten Güterbahnhof Greifswalder Straße: Auf der Brachfläche direkt an der S-Bahn soll ein neues Wohnviertel mit 600 Wohnungen entstehen.
Blick auf den Alten Güterbahnhof Greifswalder Straße: Auf der Brachfläche direkt an der S-Bahn soll ein neues Wohnviertel mit 600 Wohnungen entstehen.
 Foto: Berliner Zeitung Gerd Engelsmann

Überall ändert sich irgend etwas. Aus dem früheren Krankenhaus Prenzlauer Berg an der Danziger Straße wird eine Seniorenresidenz. Kindergarten und Bio-Markt ziehen ins Erdgeschoss. Der Bezirk will etliche Häuser auf dem Behördengelände an der Fröbelstraße verkaufen, die alten Gebäude müssen dringend saniert werden, dafür fehlt Geld. Ein neues Stadtquartier soll dort entstehen, Wohnungen, Gewerbe, Schule. Der Bezirk verhandelt mit der Gesellschaft für Stadtentwicklung, die das marode Kulturareal an der Danziger Straße übernehmen will.

Das Planetarium schließt für ein Jahr, weil es erneuert wird. Das Vivantes-Krankenhaus an der Fröbelstraße verlegt 2016 seine 180 Betten in einen Neubau am Krankenhaus Friedrichshain und bietet am bisherigen Standort nur noch ambulante Dienste an. Aus dem dann ungenutzten Teil könnten Wohnungen werden. Die sind begehrt. Wohnungsbau würde sich lohnen. Wohnen in Prenzlauer Berg, mit diesem Werbespruch haben Investoren und Makler schon viel Geld verdient.

Aber die Bewohner trauen dem Angebot nicht. Sie sehen, die Wohnanlage Ella wird ohne ihre Zustimmung gebaut. „Da werden Tatsachen geschaffen“, sagt Altmieter Friedrich. Der Neubau sei rechtmäßig, er stehe auf Privatgelände, sagt Kirchner. Diese Bauten werteten das Viertel auf, entgegnet Friedrich. „Viele Bewohner haben keine Rücklagen. Wenn sie wegen steigender Mieten wegziehen müssen, geht die soziale Mischung verloren. Bisher konnten wir hier ohne Druck wohnen“, sagt er. Bisher. Jörg Friedrich betont das Wort.

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