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Berliner Zeitung | Berlin Alexanderplatz: Polizist erschießt nackten Mann am Neptunbrunnen
28. June 2013
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Berlin Alexanderplatz: Polizist erschießt nackten Mann am Neptunbrunnen

Eine Polizeibeamtin sichert am Freitag (28.06.2013) den Tatort am Neptunbrunnen.

Eine Polizeibeamtin sichert am Freitag (28.06.2013) den Tatort am Neptunbrunnen.

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dpa

Berlin -

Der Mann ist nackt und steht im Wasser des Neptunbrunnens am Roten Rathaus. Er fuchtelt mit einem Messer und blutet. Polizisten fordern ihn auf, das Messer fallen zu lassen. Die Situation eskaliert, ein Beamter, der vor dem Nackten im Brunnen steht, schießt auf ihn. Der Mann stirbt wenig später.

Noch ist nicht eindeutig geklärt, was sich am Freitag vor dem Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters genau abgespielt hat. Warum der Mann nackt und mit einem Messer in den Brunnen stieg, ist noch offen. Gegen den Polizisten, der geschossen hat, laufen Ermittlungen wegen Totschlags.

Nach bisherigen Ermittlungen und Zeugenaussagen geschah folgendes: Am Freitagmorgen fährt der 31 Jahre alte und 1,85 Meter große Manuel F. aus Weißensee mit der Straßenbahn zum Alexanderplatz. Der Mann, der aus Bremen stammt, läuft zur Marienkirche und legt sich gegen 8.30 Uhr unter die Bäume, die hinter dem Gebäude stehen. Eine Stunde später wollen Zeugen gesehen haben, dass er aufsteht, zum Brunnen läuft und sich dort entkleidet. Sein rot-weiß kariertes Hemd, seine weißen Schuhe sowie seine blauen Jeans lässt er am Brunnenrand zurück und steigt nackt in das Wasser. In den Händen hält er ein sogenanntes Wellenmesser mit einer 20 Zentimeter langen Klinge. Er brüllt unverständliche Sätze, sagen Touristen, die den Mann gegen 9.40 Uhr beobachten. Während er schreit, schneidet sich Manuel F. mit dem Messer in die Arme. Später versucht er, sich die Kehle zu durchtrennen. Davon zeugt eine etwa zehn Zentimeter lange Schnittverletzung am Hals.

Zur selben Zeit informiert eine Frau einen Wachposten am Roten Rathaus über den schreienden Mann. Der Polizist ruft seine Kollegen. Eine Einsatzhundertschaft sowie mehrere Streifenwagen treffen kurz darauf am Brunnen ein. Ebenso ein Notarzt. Laut Polizei nähern sich zwei Streifenpolizisten, die vom Abschnitt 32 in der Keibelstraße kommen, dem Mann. Ob sie mit gezogenen Waffen auf den wirr wirkenden Manuel F. zugehen, ist unklar. Fest steht, dass einer von ihnen in den Brunnen steigt und dem 31-Jährigen zuruft: „Messer weg!“

Kugel durchdringt Lunge

Der Polizist und der unbekleidete Mann seien ruhig gewesen, sagt die geschockte Nadja H. aus Prenzlauer Berg, die zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zur Arbeit in die benachbarten Rathauspassagen ist. Sie sieht, dass der Polizist einen Meter von dem Mann entfernt steht. Als Manuel F. einen Schritt nach vorn geht und dabei mit dem Messer fuchtelt, schießt der Beamte. „Der nackte Mann stand regungslos da“, so Nadja H. Sie sieht, dass er das Messer fallen lässt und zusammenbricht. Ein Notarzt kann ihm nicht mehr helfen.

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Martin Steltner bestätigt am Nachmittag, dass der Mann an inneren Blutungen gestorben ist. Das Projektil hat die Lunge durchdrungen und beide Lungenflügel verletzt, stellen Rechtsmediziner fest. Am Mittag übernimmt, wie in solchen Fällen üblich, eine Mordkommission die Ermittlungen, in diesem Fall wegen Totschlags. Sie muss untersuchen, ob es sich bei dem Schuss um Notwehr gehandelt hat. Dazu wird sie auch Filmaufnahmen auswerten. Schon kurz nach der Tat kursieren Handyaufnahmen im Internet. Der Schütze und dessen Kollege sind vom Dienst freigestellt. Die Männer werden psychologisch betreut. Auch das ist üblich.

In der Polizeibehörde gehen die Meinungen zu dem Todesfall am Neptunbrunnen auseinander. Die einen gehen davon aus, dass die Streife korrekt gehandelt hat. „Wer Polizisten mit Waffen bedroht, muss damit rechnen, dass er erschossen wird“, sagen Fahnder. Andere zweifeln die Notwendigkeit an und fragen, weshalb der Polizist nicht seinen Schlagstock eingesetzt hat. Er hätte auch mit Pfefferspray versuchen können, den wirr wirkenden Mann zu stoppen. Außerdem hätte vielleicht ein Schuss in einen Arm oder in einen Oberschenkel gereicht, sagen Polizisten.

In einem Punkt sind sich Schutzpolizisten und Fachleute von der Kriminalpolizei aber sicher: Mit einem Elektroschocker, einem sogenannten Taser, hätte der Mann vielleicht überwältigt werden können. Seit etlichen Jahren diskutieren Fachleute über den Taser-Einsatz. Doch es gibt Vorbehalte, Menschen durch Strom außer Gefecht zu setzen. Diese Geräte darf in Berlin nur das Spezialeinsatzkommando (SEK) benutzen.

Fälle, in denen Polizisten auf Menschen schießen, sind in Berlin selten. Im vergangenen Jahr wurden von Polizeibeamten 91 Schüsse abgegeben. Davon drei auf Menschen, 61 auf Tiere.