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Berlin-Friedrichshain: Die Nachbarn in der Rigaer Straße sind gelassen

Brennpunkt Rigaer Straße: Seit Jahrzehnten sind die Rigaer und die Liebigstraße Treffpunkte der linksautonomen Szene.

Brennpunkt Rigaer Straße: Seit Jahrzehnten sind die Rigaer und die Liebigstraße Treffpunkte der linksautonomen Szene.

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dpa

Am Vormittag danach scheint – wie überall in Berlin – die Sonne auf den Kiez an der Rigaer Straße in Friedrichshain. Die bemalten, besprayten, wild mit Demo-Aufrufen und linken Pamphleten beklebten Häuser rund um das Wohnprojekt Rigaer?94 strahlen scheinbar um die Wette. Die meisten der Häuser sind verschlossen, nur die 94 ist offen. Man kann durch den Eingang auf den Hof laufen. Dort stapelt sich allerhand Gerümpel, Schutt, Sperrmüll, offensichtlich aus Wohnungen oder dem Dachstuhl, aber auch alte Fahrräder.

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Bei einer Razzia am Mittwochabend hatten Polizisten in dem Haus zahlreiche Gegenstände beschlagnahmt. Im Hof und im Keller entdeckten sie eine große Menge Pflastersteine, die in Einkaufswagen und Plastikwannen aufbewahrt wurden. Zudem beschlagnahmten sie Eisenstangen und aus Nägeln gefertigte Krähenfüße, mit denen Autoreifen beschädigt werden können. Auch Stahlgitter, die zum Verbarrikadieren des Gebäudes geeignet sind, wurden gefunden.

Heiße Zeit

Der Einsatz vom Vorabend ist auch am Donnerstag Thema im Kiez. Nachbarn und Passanten winken ab, wenn man sie darauf anspricht. Sie berichten von „früher“, als alles „viel schlimmer“ gewesen sei. Seinen Namen möchte keiner in der Zeitung lesen. Ja, 2005 bis 2008 sei eine besonders heiße Zeit gewesen, erzählt der Inhaber der Bäckerei 2000. Da habe man oft die Rollläden runtergelassen, um die Schaufenster zu schützen. „Und natürlich 2011, als das besetzte Haus in der Liebigstraße 14 geräumt wurde, da war es schlimm“, sagt er.

Die Bäckerei 2000 liegt an der Rigaer, Ecke Liebigstraße. Hausbewohner und Unterstützer nennen die Kreuzung Dorfplatz, weil sie sich dort oft spontan treffen. Von der Bäckerei aus hat man einen guten Überblick. Hier sitzen die Bauarbeiter schon am Vormittag beim Bier zur Bockwurst, wenn sie eine Pause machen beim Übertünchen der beschmierten Fassaden. Immer mehr sanierte Häuser sind durch Farbbeutelwürfe verschmutzt. Ab und an kommen zerzaust aussehende junge Leute und holen sich einen Becher Kaffee.

Von der Bäckerei aus war auch zu sehen, dass am Mittwochmittag ein Kontaktbereichsbeamter angegriffen wurde, der Parkverstöße geahndet hatte. „Verprügelt wurde der nicht, eher geschubst“, sagt der Bäckerei-Inhaber. Dennoch hat dieser Vorfall den Großeinsatz ausgelöst. Während des Einsatzes nahm die Polizei fünf Personen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung fest. Insgesamt waren 550 Beamte, einschließlich zwei SEK-Teams, im Einsatz. Mehr als eine Stunde lang schwebte ein Polizeihubschrauber über dem Platz.

Wegen der vielen politisch motivierten Straftaten gilt der Kiez nördlich der Frankfurter Allee seit Ende 2015 bei der Polizei als „kriminalitätsbelasteter Ort“. Hier können die Beamten auch ohne Anlass Personen kontrollieren. Am Tag danach ist die Stimmung friedlich. Der Dorfplatz ist fast leer. Das kann damit zu tun haben, dass alle paar Minuten Polizeiautos durch die Straßen rollen. Die Ordnungsmacht will zeigen: Wir sind da.

Ein erster Gesprächsversuch mit einem Hausbewohner der Rigaer Straße 94 scheitert. In einer Viertelstunde sei er bereit zum Interview, sagt der Mann. Er erscheint nicht am vereinbarten Treffpunkt, der Bäckerei. Kurz nach dem Gespräch halten erneut Polizeifahrzeuge vor den Häusern in der Rigaer Straße. Die Beamten laufen in die Häuser Nummer 95 und 96 und suchen die Dächer nach Wurfgeschossen ab. Nach einer Dreiviertelstunde rücken sie ab. Im Gegensatz zum Mittwochabend fanden sie dieses Mal nichts.

„Bewaffnete Kampfhandlungen“

In der linken Szene wird derzeit diskutiert, wie man auf die Polizeirazzia reagieren soll. Auf der linksradikalen Internetseite Indymedia finden sich teils harsche Formulierungen. So formuliert ein Autor: „Fakt ist, die Polizei und der Senat werden nun mit mächtigen Gegenaktionen rechnen müssen, ja vielleicht sogar mit bewaffneten Kampfhandlungen.“

Ganz offenbar ist es gerade nicht die Zeit, um zu debattieren, sich zu erklären. Nachdem auch am Donnerstagvormittag die Polizei verschwunden ist, lehnt ein Hausbewohner ein Interview mit der Berliner Zeitung freundlich ab. „Mit der Berliner Zeitung reden? Nicht bei den Artikeln in der letzten Zeit.“

Am Donnerstagabend gab es an der Rigaer 94 wieder einen Polizeieinsatz. Nach Angaben einer Polizeisprecherin war dort am Nachmittag ein Pärchen angegriffen worden. Die Frau und der Mann hätten fotografiert. Daraufhin seien mindestens acht Vermummte mit Stangen und Schlagwerkzeugen aus dem Haus gestürmt. Die beiden hätten sich in ihr Auto gerettet. Die Täter hätten den Wagen stark beschädigt. Bei den Angegriffenen handelt es sich offenbar um Rechtsradikale, die sich später auf Facebook zu dem Vorfall äußerten.



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