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Berlin-Lichtenberg: Flüchtlinge ziehen in ehemaliges Stasi-Gebäude

Das ehemalige Stasigebäude in Berlin-Lichtenberg wird seit vergangenen Donnerstag Flüchtlingsunterkunft genutzt.

Das ehemalige Stasigebäude in Berlin-Lichtenberg wird seit vergangenen Donnerstag Flüchtlingsunterkunft genutzt.

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Gerd Engelsmann

Rüdiger Kunz freut sich. „Endlich werden diese Räume mal für etwas Sinnvolles genutzt“, sagt der Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), als er am Sonnabend einen ersten Einblick in die neueste Flüchtlingsunterkunft des Landes Berlin gewährt: Seit drei Tagen wird der Gebäudeteil der früheren Auslandsabteilung der Stasi in Lichtenberg, die berüchtigte Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), als Notunterkunft genutzt.

Am Freitagabend hatte das dafür zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) eine Turnhalle in der Kreuzberger Lobeckstraße und eine Mehrzweckhalle auf dem Gelände des FEZ in der Wuhlheide mit Flüchtlingen belegt. Damit gibt es aktuell 109 Notunterkünfte in Berlin.

Zwar unterschlägt Kunz mit seiner Aussage die mehrjährige Nutzung einiger Gebäudeteile durch die Deutsche Bahn, die in den 90er-Jahren in der Stasi-Zentrale residierte, ehe der Bahntower am Potsdamer Platz eröffnet wurde. Aber die Genugtuung ist auch einfach zu groß: Die einstige Auslandszentrale des Spitzelsystems der DDR, der langjährige Sitz des geheimnisumwitterten Agentenführers Markus Wolf, ist ab sofort bevölkert von Menschen aus aller Welt, vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, die dort ganz unbefangen ein- und ausgehen.

Spontane Hilfe von Bezirkspolitikern

Am Donnerstagabend hatte alles ganz schnell gehen müssen. Nachdem das DRK ab den Nachmittagsstunden mit dem Aufstellen der Betten begonnen hatte, platzte am Abend die Nachricht von der Ankunft mehrerer hundert Menschen in die Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung von Lichtenberg.

Spontan unterbrachen die Parlamentarier ihr Plenum und eilten zum Gelände zwischen Normannen- und Ruschestraße, um anzupacken. So half etwa Bezirksbürgermeisterin Birgit Monteiro (SPD) bis nach Mitternacht nach Kräften mit, manche Kollegen blieben noch länger.

Inzwischen sind in dem Gebäudeflügel 465 Flüchtlinge untergebracht, später sollen es bis zu 900 werden können. Manche Etagen müssen noch dafür noch hergerichtet werden, bei anderen fehlt nur noch die Abnahme durch die Bauaufsicht. Parallel wird ein anderer Flügel des 13-geschossigen Plattenbaus zu einer Gemeinschaftsunterkunft ausgebaut.

Bei einem dritten Gebäudeteil ist nach Kunz' Worten noch nicht entschieden, was damit geschehen soll. Sicher ist aber, dass das eigentliche Zentralgebäude des Geländes, der Sitz des berüchtigten Stasi-Ministers Erich Mielke, als zeitgeschichtliches Museum unangetastet bleibt.

Bis zu drei Monaten soll ein Flüchtling in einer Notunterkunft bleiben. Bei einem Blick in die Räume zeigt sich, was die Menschen dort erwartet: lange Gänge, von denen leidlich renovierte Dienst- und Büroräume abgehen, die jetzt von zwei bis sechs Personen belegt werden, für die Stockbetten zum Zusammenstecken bereitstehen.

Im Erdgeschoss ist ein provisorisches Registrierungsbüro eingerichtet, in dem jeder Bewohner eine personenbezogene Chipkarte erhält, die er bei Verlassen und Rückkehr in die Unterkunft an ein Lesegerät halten muss.

Duschen sind Mangelware

So soll gewährleistet sein, dass man jederzeit weiß, wie viele Menschen sich aktuell im Gebäude aufhalten. Vor dem Büro helfen ehrenamtliche Dolmetscher, darunter zum Beispiel Reza Amirean. Der 30-jährige Afghane kam selbst erst im August in Berlin an. In der DRK-Unterkunft in Karlshorst bot er sich als Dolmetscher an. Er beherrsche neben seiner Muttersprache Farsi auch Englisch, Urdu, Paschtu und inzwischen auch ein wenig Deutsch, wie er stolz und fröhlich erzählt. Arabisch? Nein, leider nicht, sagt Reza Amirean. Da müssen andere helfen.

Überhaupt die Sprachen: An den Wänden hängen Hinweiszettel auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Auf einigen wird anhand von Piktogrammen die korrekte Benutzung von Kloschüsseln, Waschbecken und Duschen erklärt.

Wobei man sagen muss, dass Duschen bisher Mangelware sind. „Das macht uns im Moment die meisten Sorgen“, sagt DRK-Mann Kunz. Man warte auf Duschcontainer, die auf dem Hof aufgestellt werden sollen. Wenigstens ist die Essensversorgung gesichert.

Im großen Hof des Stasi-Komplexes steht ein gläserner Pavillon noch aus der Deutsche-Bahn-Zeit. In diesem teilen festangestellte Helfer des DRK Essen aus. Man habe außerdem einen festen Kreis aus Freiwilligen der Initiative „Lichtenberg Hilft!“, berichtet Kunz. Die würden in einigen Tagen und Wochen wichtig, wenn es darum geht, Angebote für Flüchtlinge zu machen, oder etwa die Kleiderkammer zu betreuen. „Bisher geht es hier vor allem noch um das Administrative. Das übernehmen wir“, sagt Rüdiger Kunz.