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Berlin Lichterfelde: Angst vor neuen Hochhäusern

Den ehemaligen Truppenübungsplatz der US-Amerikaner hat sich die Natur zurückgeholt. Nur die Pferde der Reitgemeinschaft Holderhof weiden hier.

Den ehemaligen Truppenübungsplatz der US-Amerikaner hat sich die Natur zurückgeholt. Nur die Pferde der Reitgemeinschaft Holderhof weiden hier.

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BLZ/Gerd Engelsmann

Wo früher die Panzer der Amerikaner rollten und Soldaten den Häuserkampf gegen sowjetischen Invasoren probten, ist in den vergangenen 20 Jahren viel Gras gewachsen. Das 100 Hektar große Gelände nahe der Osdorfer Straße in Lichterfelde-Süd ist eine grüne Idylle, es haben sich seltene Tierarten angesiedelt, und Pferde einer Reitgemeinschaft weiden auf den Wiesen. Doch das kleine Paradies mit dem Namen „Parks Range“ ist nur ein Provisorium, denn das Gelände soll mit Wohnungen bebaut werden, vielen Wohnungen. Von 1500 bis 3000 ist die Rede. Es wäre damit eines der größten Wohnungsbauprojekte in Berlin.

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Die ersten Überlegungen dafür gab es schon in den 90er Jahren. Doch nun beginnen konkrete Planungen. Und mit ihnen wird der alte Streit über die Zukunft des Areals lauter. Die Berliner Stadtentwicklungsverwaltung setzt offenbar voll auf das Gelände, mit möglichst flächendeckender Bebauung. Will der Senat doch angesichts der Wohnungsknappheit pro Jahr 6000 neue Wohnungen errichten, und das bei ebenso knappem Baugrund.

Artenreiche Weiden- und Waldlandschaft

Im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, der die Planungshoheit hat, fühlt man sich allerdings übergangen. Gab es in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vor zwei Jahren noch parteiübergreifende Zustimmung zu einer weitgehenden Bebauung, ist man davon mittlerweile abgerückt. Erst kürzlich hatte Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU), der mit einer schwarz-grünen Zählgemeinschaft regiert, betont, dass er die Größenordnung von 3000 Wohnungen ablehne. Das sehen auch die Grünen so: „Wir wünschen uns eine behutsame Bebauung“, sagt Maren Schellenberg, Sprecherin für Stadtplanung. Eine „zweite Thermometer-Siedlung“ sei zu vermeiden, sagt Schellenberg mit Blick auf die benachbarte Hochhaussiedlung. Ebenso überteuerter Wohnraum.

Der Sinneswandel könnte auch mit dem Aktionsbündnis Landschaftspark Lichterfelde-Süd zu tun haben, das sich seit 2010 für den Erhalt der Grünfläche einsetzt. Die Initiative, erst vergangene Woche mit dem Umweltpreis des Naturschutzverbands Bund ausgezeichnet, verweist auf die artenreiche Weide- und Waldlandschaft, die sich dort entwickelt hat.

Teile der Fläche könnten in ein Naherholungsgebiet umgewandelt werden, das die Lichterfelder, vor allem die Bewohner der Hochhaussiedlung, aus Sicht des Aktionsbündnisses dringend benötigen. „Wir befürworten Wohnbebauung zwar, aber nur in kleinem Umfang entlang der Réaumurstraße“, sagt Gerhard Niebergall von der Initiative. Auch wegen des zu befürchtenden Verkehrskollapses.

Klaus Groth, Chef der Groth Gruppe, die seit Juli Eigentümerin des Geländes ist, erschien jüngst im Steglitz-Zehlendorfer Stadtplanungsausschuss und betonte, eng mit dem Bezirk zusammenarbeiten zu wollen. „Wir wollen eine Verbindung aus Wohnen, Arbeiten und Natur“, sagte er. 50 bis 60 Hektar könnten als Grünfläche erhalten bleiben.

Die Signale sind widersprüchlich

Wie viele Wohnungen auf dem restlichen Areal entstehen würden, will Groth von Gutachten zu den Naturschutzzonen abhängig machen, die Ende Dezember vorliegen sollen. Im zweiten Quartal 2013, hofft Groth, könnten erste Planungsworkshops mit Bezirk und Senat beginnen. Baubeginn wäre nach seinem Zeitplan im Sommer 2015.

Doch dem steht der Konflikt zwischen Bezirk und Land im Weg. Der zuständige Staatssekretär bei der Stadtentwicklungsverwaltung, Ephraim Gothe (SPD), hatte zwar im August noch beteuert, bei der Flächennutzungsplanung nicht gegen den Widerstand des Bezirks agieren zu wollen. Doch hinter den Kulissen soll seine Behörde weiter an der intensiven Bebauung festhalten, heißt es. Und die Signale sind widersprüchlich. Kürzlich hatte Gothe ein vom Bezirk beauftragtes Planungsbüro in die Senatsverwaltung bestellt – unter Ausschluss des Bezirks, der darin einen Affront sieht. Gothe selbst wollte sich dazu nicht äußern.

„Wir befürchten, dass der Senat das an sich ziehen will“, sagt Schellenberg. CDU-Fraktionschef Torsten Hippe formuliert es noch deutlicher: „Wenn die Senatsverwaltung plant, uns die Hoheit aus der Hand zu nehmen, wird es hier schärfste Reaktionen aus der Politik und von den Bürgern geben.“ Im Oktober hatte er in einer BVV-Anfrage der CDU Sorgen vor einer „Fortsetzung der Thermometersiedlung“ geäußert und dies als „reaktionäre SPD-Baupolitik“ gegeißelt.

Jetzt hat die BVV zunächst selbst Fakten geschaffen. Das Bezirksamt wurde ersucht, ein Landschaftsplanverfahren einzuleiten. Im Vordergrund steht dabei – die Natur.


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